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Microsofts Office: Mobil, vernetzt und ein bisschen leise

Die Presse-Logo Die Presse 13.03.2018 Sabine Hottowy

Für einige Berufsgruppen bringt die neue Welt der Arbeit auch neue Treffer in der Besprechungs-Lotterie (vulgo Bullshit-Bingo). Relativ neu im Rennen sind Flexibilität, Selbstbestimmung und Geschwindigkeit. Letzteres trifft auch auf die Microsoft-Erwachsenen-Rutsche zu, sie ist die schnellstmögliche Verbindung zwischen zwei Büroetagen am Wienerberg.

© Eine nicht zu unterschätzende Attraktion: Die Microsoft-Rutsche am Wienerberg. / Bild: Die Presse (C...

Mit der Rutsche ist vor einigen Jahren ein neues Arbeitsmodell eingezogen. Die Frage, ob Großraumbüro oder nicht, stellte sich bei Microsoft Österreich damals keiner. "Zentral war das Thema mobiles Arbeiten", sagt Thomas Lutz, Sprecher von Microsoft Österreich, während einer Hausführung im Jänner.2011 wurden die Wände niedergerissen und die sichtbaren Grenzen zwischen den Abteilungen geöffnet. Seitdem ist ein überwiegender Anteil der 340 Mitarbeiter ohne festen Schreibtisch - und unter Beobachtung. Über 30.000 Führungen haben das Haus bisher passiert. Der Standort wird neben dem neuen Erste Bank Campus, HP und Fujitsu gern als heimisches Vorzeigemodell der "New World of Work" genannt.

IBM zählte auch dazu, lange sogar. Das IT-Unternehmen war ein Pionier der 80er Jahre. 2017 wurde der Strategiewechsel eingeläutet, kreative Lösungen würden doch besser in persönlicher Interaktion wachsen. Ähnlich wie andere US-Konzerne verabschiedete sich IBM von seinem alten Home-Office-Modell. Für Microsoft Österreich sei dies aktuell kein Thema.

Im Desksharing arbeiten bei Microsoft derzeit im Prinzip alle bis hin zur Chefin, Dorothee Ritz. "Sie ist aber ohnehin ständig in Meetings". Für Besprechungen ist mittlerweile auch genug Platz ist. Früher gab es um die 15 Meetingräume. Gerade für kleinere Gruppen fehlten vor dem Umabu adäquate Plätze. Im neuen Büro sind es über 60 Räume - auf geringerer Fläche bei mehr Mitarbeitern.

"Das geht sich nur aus, weil wir die fixen Bereiche reduziert haben. Im Vorfeld haben wir Studien angelegt und gesehen, dass im Schnitt 70 Prozent aller Arbeitsplätze nicht besetzt waren. Die Mitarbeiter waren entweder beim Kunden draußen oder eben in Meetings - dafür brauchen wir keine endlosen Tischebuchten", sagt Lutz. Seit 2011 hat jeder Quadrant im Geschoss einen Shared-Desk-Bereich mit unterschiedlicher Widmung von still bis kommunikativ

Als Gast erwartet man von einem Konzernstandort dieser Größe volle Zimmer, herumwuselnde Manager und Wände voller Ideenreste. Davon findet man allerdings nicht viel. Es ist ruhig, aufgeräumt, vereinzelnd sitzen Tippende an Tischen oder als Zweiergruppen in den bemüht dekorierten Themen-Meetingräumen (vom orientalischen Bazar bis zum Wiener Kaffeehaus). Währenddessen sliden an Bildschirmen in den Gängen die Profile aller Mitarbeiter zur Erinnerung durch.

Das flexible Arbeitsmodell hat wohl gleich viele Freunde wie Feinde. Auf der emotionalen Ebene spielt sich im Desksharing-System weniger ab als in gewohnten Bürostrukturen oder dem Wohnzimmer daheim. Stabilität wurde durch freie Platzwahl ersetzt. Wer ins Büro kommt, überlegt zuerst: Wo docke ich heute an? Das Modell passt nicht zu jenen, die sich an einen Arbeitsalltag mit "work wife" und "wusband" (also den nahen Kollegen) gewöhnt haben. Dass sich die Generation Y, die digitalen Eingeborenen, in der neuen Arbeitswelt leichter täten, glaubt Lutz aber nicht. "Mit dem Alter hat es weniger zu tun als mit dem Habitus. Wenn jemand Familienbilder und Auszeichnungen an der Wand haben muss, ist er hier vielleicht falsch."

 Was außerdem auffällt, das Haus fördert die Meetingkultur auch indirekt. Einige Arbeitsplätze sind auf Ad-Hoc-Besprechungen ausgelegt. Stehtische und Sitzgruppen findet man hier inmitten der "Verkehrsadern" des Hauses. Wer nicht gestört werden will, sollte sich besser gezielt in eine ruhige Zone setzen oder in ein Einzelzimmer zurückziehen. Die sogenannten Call Rooms bilden die kleinste Raumeinheit. Die "Telefonzellen" gibt es in zwölffacher Ausführung, sie sind schalldicht isoliert und verfügen über eine eigene Lüftung und einer Glastür - ohne die ginge hier wohl auch keiner freiwillig hinein.

Voraussetzung für den hohen Grad an Mobilität ist eine gute technische Ausstattung. Die Geräte können sich die Mitarbeiter des Unternehmens selbst aussuchen, je nach Gusto. Nicht aussuchen kann man sich seine Verfügbarkeit bei Besprechungen, wer beim Meeting gerade Home Office macht, wird per Round-Table-Kamera auch virtuell dazu geholt. "Videokonferenzen ersetzen aber nie den persönlichen Kontakt zwischen Manager und Mitarbeiter", gibt Lutz zu bedenken.Vertrauensarbeitszeit am Vertrauensarbeitsort lautet die freundliche Devise. Ohne Spielregeln wäre die ganze Offenheit aber kontraproduktiv, daher hat Microsoft mit dem Umbau auch neue "Rules of Engagement" zum Thema Verfügbarkeit eingeführt. Wer sich an sie und seine Leistungsvorgaben hält, kann zwischendurch auch ruhig Ping Pong spielen gehen oder an die X-Box im Erdgeschoss wechseln. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Nehmen Mitarbeiter zwischendurch tatsächlich den Controller für eine Runde Fifa in die Hand? "Nein, natürlich nicht. Es wäre wohl erst dann salonfähig, wenn die Chefin selbst spielen würde."

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