Durch Nutzung dieses Diensts und der damit zusammenhängenden Inhalte stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu.
Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Altersvorsorge: Mehr zahlen, weniger bekommen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 13.09.2017 Jan Schulte
Wie viel Rente bleibt nach dem Arbeitsleben? © Huy Phan Wie viel Rente bleibt nach dem Arbeitsleben?

Angela Merkel hält die Rente erfolgreich aus dem Wahlkampf heraus, das Thema gilt als zu brisant. Eine Reform ist unausweichlich, Experten warnen bereits vor den Folgen.

Gerade einmal fünf Minuten und 40 Sekunden hat es gedauert. Dann bekam Elke Schulte aus Lippstadt in der ARD-Wahlarena das Mikrofon und fragte Angela Merkel, was die Bundeskanzlerin gegen Altersarmut tun wolle. Schon der zweite Fragestellerin sprach das Thema an, das Angela Merkel im Wahlkampf wohl am liebsten ganz vermeiden würde: die Rente – und die Kanzlerin geriet prompt in Erklärungsnot. Zwar rechnete sie vor, was die neu eingeführte Grundsicherung bringen würde, räumte aber zugleich ein: "Das ist nicht viel, ich weiß."

Noch im Fernsehduell mit Martin Schulz versuchte Merkel das Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Denn ein konkretes Rentenkonzept für die Zukunft hat die CDU nicht, das Thema gilt als hochbrisant. Es geht um die Zukunft vieler Generationen, um die Frage, ob die Berufstätigen von heute im Ruhestand noch angemessen leben können. Zudem verschlingen Reformen an der Rente schnell Milliarden von Euro. Die CDU will deshalb eine Kommission einsetzen, die bis 2019 Vorschläge erarbeiten soll. Lediglich auf eine Aussage legte sich Angela Merkel bisher fest: Das Renteneintrittsalter bleibe bei 67 Jahren, wenn sie wieder Kanzlerin wird.

Deckel drauf, Thema aussitzen, doch der Plan geht nicht auf. Schon mit dieser einen Aussage stößt die Kanzlerin einige Parteikollegen vor den Kopf. Noch Anfang des Jahres kamen aus der CDU ganz andere Forderungen. Im April schlug Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Auch die junge Union plädierte für eine Rente erst mit 70 Jahren. Und trotz der Ansage seiner Chefin, gibt Schäuble nicht auf. Die Debatte über ein höheres Rentenalter sei nötig – wenn auch erst nach der Wahl.

Wirtschaftsexperten sprechen bereits deutliche Warnungen aus: "In der nächsten oder spätestens übernächsten Legislaturperiode muss die Politik über eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters über das Alter von 67 hinaus entscheiden", sagt Hermann Buslei, Rentenexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und widerspricht der Kanzlerin. Die verkündete noch im Juni beim Industrietag in Berlin: "An der gesetzlichen Rente haben wir bis 2030 die Reformschritte eigentlich gemacht, die ich für notwendig erachte."

Ein Rentner zu ein Beitragszahler

Die staatliche Rente steht vor einem gewaltigen Finanzierungsproblem, weil die Deutschen immer älter werden und die geburtenstarken Jahrgänge bald aufhören zu arbeiten. "Aktuell kommen mathematisch gesehen kaum noch zwei aktive Beitragszahler auf einen Rentner, um 2030 droht ein Verhältnis von eins zu eins", warnt auch der Rentenexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Jochen Pimpertz.

Das Rentenniveau, also der Teil, den Einzahler vom Staat wieder ausgezahlt bekommen, wenn sie in Rente gehen, ist bereits gesunken. Noch 2005 lag es bei 52,6 Prozent, aktuell sind es 48 Prozent. Bis 2030 wird es auf 44,7 Prozent fallen, rechnet die Bundesregierung. Gleichzeitig würden die Beiträge von aktuell 18,7 Prozent auf 21,8 Prozent steigen.

Im vergangenen Jahr musste die Bundesregierung zudem feststellen, dass die Rentenkasse leerer wird. Laut Rentenversicherungsbericht wurden 1,6 Milliarden Euro mehr ausgezahlt als eingenommen. Das Vermögen der Kasse sank damit auf 45,5 Milliarden Euro ab. Und was aktuell noch nach einer großen Rücklage klingt, wird ohne Reform schon bald weg sein. Denn "die aktuellen Berechnungen der Bundesregierung bedeuten, dass die Nachhaltigkeitsreserve der Rentenkasse spätestens bis 2030 auf das vorgeschriebene Mindestmaß abgeschmolzen ist", erläutert Jochen Pimpertz. Die Nachhaltigkeitsreserve dient dabei nur dazu, kurzfristige Einnahmenschwankungen der Kasse auszugleichen.

Rentenniveau, Rentenbeitrag und Regelaltersgrenze, das sind die drei Stellschrauben, an denen die Politik drehen kann. An welche Schraube die Politik herangeht, hängt davon ab, was sie erreichen möchte. Einig sind sich die Experten in einem: Allzu lange aussitzen lässt sich das Thema nicht. "Wir leben derzeit in Deutschland in einer wirtschaftlich so guten Situation, dass die Politik über den aktuellen Stand hinausdenken muss und sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen sollte", fordert IW-Experte Pimpertz. Es sei schlicht ein Irrglaube, die Altersgrenze nach 2031 bei 67 Jahren belassen zu können, ohne entweder das Rentenniveau abzusenken oder den Beitrag zu erhöhen.

Doch einfach ist eine Reform nicht. Erhöht die Politik die Altersgrenze, sind das aktuelle Rentenniveau und der Beitrag eher zu halten. "Im Schnitt steigt die Alterserwartung, wenn jemand schon 65 ist, in Deutschland alle zehn Jahre um rund ein Jahr", erläutert DIW-Experte Hermann Buslei. Will man dann dafür sorgen, dass der Effekt der steigenden Lebenserwartung ausgeglichen wird, muss anteilig länger gearbeitet werden. Wobei ein zusätzliches Jahr Lebenserwartung dem Experten zufolge zu zwei Dritteln mit Arbeitszeit ausgeglichen werden muss. Die Rente dürfe sich dann nur um ein Drittel verlängern. Und auch das klappt nur, wenn die Politik den Arbeitsmarkt so gestaltet, dass man im hohen Alter darin auch noch arbeiten kann. Doch spätestens seit dem TV-Duell ist klar: Beide Volksparteien wollen das Eintrittsalter nicht anheben.

Eine andere Möglichkeit ist, an den Beiträgen zu schrauben und so das Rentenniveau zu halten. Das gehe aber nur, wenn die Beiträge deutlich erhöht würden, sagt Hermann Buslei und warnt: "Wenn der Beitragssatz aber steigt, bleibt den Leuten nicht nur weniger für den heutigen Konsum, sondern auch, um in private Vorsorge zu investieren. Man muss da also sehr aufpassen."

Die letzte Möglichkeit ist, das Rentenniveau einfach weiter absinken zu lassen. Die Deutschen bekämen dann weniger Rente vom Staat ausgezahlt. Wie hart das Rentner treffen würde, ist unklar. Wer im dreigliedrigen System, bestehend aus staatlicher Rente, betrieblicher Rente und privater Vorsorge vor allem auf den staatlichen Teil setzt, für den könnte das dramatische Folgen haben. Zumal es gerade für Geringverdiener schwierig ist, selbst in eine private Altersvorsorge einzuzahlen. Die Wahrscheinlichkeit, von Altersarmut betroffen zu sein, würde damit steigen. Wer hingegen privat vorgesorgt hat, der könnte ein Absinken des Rentenniveaus verkraften, sagt IW-Experte Jochen Pimpertz.

Was also tun? Angela Merkel versucht das Thema weiter aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Im TV-Duell zweifelte Herausforderer Martin Schulz bereits an der Glaubwürdigkeit der Kanzlerin. "Beim letzten Duell war es die Maut, die auf keinen Fall kommt. Wir wissen, sie ist da. Jetzt lassen wir uns mal mit der Rente mit 67 überraschen", sagte der SPD-Kandidat. Bis zur Wahl sind es noch weniger als zwei Wochen, bis dahin mag es der Kanzlerin noch gelingen, das Thema klein zu halten. Doch langfristig komme die Politik um eine Reform nicht herum, sind sich die Experten einig.

Mehr auf MSN:

NÄCHSTES
NÄCHSTES
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon