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Aufregung um Joe und Hunter Biden: Echter Skandal oder viel heiße Luft?

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 24.10.2020 Roland Nelles

Kurz vor der US-Präsidentenwahl sorgen Korruptionsvorwürfe aus dem Lager von Donald Trump gegen Joe Biden und seinen Sohn Hunter für Wirbel. Doch die tatsächlichen Hintergründe bleiben im Nebel.

© Teresa Kroeger

"Vernichtende Enthüllungen", "ein schlimmer Fall von Korruption", "der wahre Skandal" - seit Tagen sind US-Präsident Donald Trump und seine treuesten Anhänger wie der Fox News Moderator Lou Dobbs oder der Kommentator Dan Bongino in heller Aufregung.

Der Anlass sind unter anderem Berichte des Blattes "New York Post" über vertrauliche E-Mails, die mutmaßlich von einem Laptop von Joe Bidens Sohn Hunter stammen. Sie sollen, so die Lesart, aufzeigen, dass nicht nur Bidens Sohn, sondern der Präsidentschaftskandidat selbst in Fälle von Korruption verwickelt sein sollen.

Die vermeintlichen Enthüllungen sorgen so kurz vor der Wahl naturgemäß für politischen Zündstoff. Die Demokraten sprechen von einer typischen "Schmierenkampagne" des Trump-Lagers. Trump-Anhänger wiederum schimpfen, dass viele eher liberale Medien über die Sache gar nicht oder nicht ausführlich genug berichten würden, weil sie Biden schützen wollten, sprich, parteiisch seien.

Zugleich gibt es Vermutungen, dass es sich bei dem angeblichen Skandal um eine russische Desinformationskampagne handelt, um Joe Biden zu schaden und die Wiederwahl von Donald Trump zu sichern. Joe Biden selbst hat alle Vorwürfe scharf dementiert. Und, um das Durcheinander perfekt zu machen, spielen in der Angelegenheit auch noch das FBI und Trumps Vertrauter Rudolph "Rudy" Giuliani eine Rolle.

Worum geht es eigentlich?

Um die komplizierte Geschichte zu verstehen, muss man an ihren Ausgangspunkt gehen. Seit fast zwei Jahren versuchen Donald Trump und sein Vertrauter Giuliani, den Bidens im Zusammenhang mit dem ukrainischen Unternehmen Burisma Korruption nachzuweisen. Das Ziel von Trump und Giuliani ist es offenkundig, den politischen Rivalen auszuschalten, um Trumps Wahlchancen zu erhöhen.

Bidens Sohn Hunter war zeitweilig Berater des ukrainischen Energiekonzerns Burisma als Joe Biden als Vizepräsident für die Ukrainepolitik der US-Regierung zuständig war. Joe Biden hat stets angegeben, mit seinem Sohn nie über dessen Geschäfte gesprochen zu haben. Bislang haben zudem sämtliche Untersuchungen in den USA und in der Ukraine kein Fehlverhalten der Bidens festgestellt.

Vor einigen Tagen nun sind E-Mails aufgetaucht, die mutmaßlich von einem Laptop von Bidens Sohn Hunter stammen sollen. Die "New York Post", ein Blatt, das sich im Besitz des Trump-Unterstützers Rupert Murdoch befindet, legt den Verdacht nahe, dass sich Vater Joe Biden doch mit einem Berater von Burisma getroffen haben soll.

Das Blatt zitiert aus einer E-Mail, die der Berater namens Vadym Pozharskyi an Hunter Biden geschickt haben soll. Darin bedankt er sich bei Hunter für die Gelegenheit, dessen Vater treffen zu können und einige Zeit miteinander zu verbringen.

Sowohl Joe Biden als auch sein Sohn Hunter haben dementieren lassen, dass ein solches Treffen jemals stattgefunden hat. Der "New York Times" zufolge gab es sogar innerhalb der Redaktion der "New York Post" Zweifel an der Geschichte. Bruce Golding, Autor der Geschichte der "New York Post", sei nicht bereit gewesen, seinen Namen unter dem Artikel zu veröffentlichen. Neben ihm hätten sich zahlreiche andere Mitglieder der Belegschaft über mangelnde Überprüfung der Fakten bei der Geschichte beklagt, so die Zeitung unter Berufung auf zwei Quellen. "Es hätte ohnehin kein anderer genommen, und wenn, dann hätten sie die ganze Zeit versucht, es zu widerlegen, bevor sie es veröffentlichen", so Giuliani.

Was hat es mit dem Laptop auf sich?

Wo kommt die angebliche E-Mail her und was ist das für eine Sache mit dem Laptop von Hunter Biden? Ist es echt und/oder wurden Inhalte womöglich manipuliert, um den Bidens zu schaden?

Am Familien-Wohnort der Bidens in Wilmington im Bundestaat Delaware gibt es einen Computerladen, dessen Besitzer John Paul Mac Isaac angegeben hat, Hunter Biden habe bei ihm im Frühjahr 2019 ein Laptop und eine externe Festplatte zur Reparatur abgegeben.

Isaac erklärte gegenüber US-Medien, er sei blind. Er könne deshalb nicht mit einhundertprozentiger Sicherheit sagen, ob der Mann, der das Material ablieferte, Hunter Biden gewesen sei. Video-Aufzeichnungen des Kamerasystems in seinem Laden von dem Moment der Übergabe gibt es auch nicht. Dafür präsentierte Isaac einen Auftragszettel, der von Hunter Biden unterschrieben worden sein soll.

Isaac erklärte weiter, der Mann habe den Laptop und die Festplatte nie abgeholt. Er habe daraufhin das Material selbst begutachtet. Gegenüber der New York Times sagte Isaac, es sei "alarmierend" und "peinlich" gewesen. Er habe daraufhin das FBI kontaktiert und eine Kopie des Materials angefertigt. Das FBI habe die Hardware kurze Zeit später beschlagnahmt. Dies wurde vom FBI zwischenzeitlich bestätigt. Die Behörde machte jedoch keine Angaben darüber, warum sie das Material einsammelte. Es ist auch unklar, welche Ermittlungen die Fahnder danach anstellten.

Der Computerladen-Besitzer, der von sich selbst sagt, er habe 2016 für Donald Trump gestimmt, wunderte sich alsbald, was aus dem Laptop und dessen Inhalt in der Obhut des FBI werden würde. Er habe die Befürchtung gehabt, dass die Sache möglicherweise von den Behörden vertuscht werden könnte, gab Isaac gegenüber der Times an.

Ab da kamen dann offenbar Rudy Giuliani und die New York Post ins Spiel. Im September soll Isaac Kopien der Daten an einen Anwalt von Giuliani weitergegeben haben. Von dort aus wanderte es dann an die New York Post, wobei bei dieser Transaktion zwischenzeitlich auch ein anderer Trump-Unterstützer, Steve Bannon, eine Rolle gespielt haben soll. Die New York Post veröffentlichte seither nicht nur E-Mails und Chat-Nachrichten, die mutmaßlich von dem Laptop stammen, sondern auch private Bilder von Hunter Biden.

Die Sache mit China

Ein zweiter Strang der Geschichte, der in den vergangenen Tagen an Bedeutung gewonnen hat, dreht sich um angebliche Geschäftskontakte der Bidens zu China.

Kurz vor der letzten TV-Debatte zwischen Trump und Joe Biden am vorigen Donnerstag, präsentierte das Trump-Team einen früheren Geschäftspartner von Hunter Biden namens Anthony Bobulinski. Er behauptete, Vater Joe Biden sei im Jahr 2017, also nach seiner Zeit als Vizepräsident, von seinem Sohn Hunter in den Versuch eingebunden worden, zusammen mit mehreren Partnern mit einem chinesischen Energie-Unternehmen ins Geschäft zu kommen. Es soll um Investitionen der Firma CEFC China Energy Co. in den USA und anderswo gegangen sein.

Bobulinski gibt an, er habe an einem Treffen mit Joe, Hunter Biden sowie mit Joe Bidens Bruder James Biden in Los Angeles teilgenommen, bei dem über die Familiengeschäfte der Bidens mit den Chinesen gesprochen worden sei. An dem geplanten Unternehmen sollten auch noch weitere Geschäftspartner teilhaben.

Bobulinski präsentierte eine E-Mail, die mutmaßlich auflistet, wie die Anteile an dem neuen Unternehmen zwischen den Partnern aufgeteilt werden sollten. "10 werden gehalten von H für den großen Mann?" lautet dabei eine Formulierung. Das solle bedeuten, dass Hunter Biden im Namen seines Vaters Joe zehn Prozent der Anteile übernehmen würde, so Bobulinski.

Die E-Mail will Bobulinski von einem anderen Partner, James Gilliar, erhalten haben. Gilliar ging allerdings auf Distanz zu Bobulinski: Er sagte dem "Wall Street Journal", Joe Biden sei nie an der Diskussion über die geplante Struktur des Geschäfts beteiligt gewesen. Er wisse insgesamt nichts darüber, dass Joe Biden überhaupt an irgendeinem Punkt in das Geschäft involviert gewesen sei.

Ähnlich äußerte sich das Wahlkampfteam von Joe Biden. Der demokratische Kandidat habe keinerlei Beziehung zu dem geplanten Unternehmen und es sei auch nie geplant gewesen, dass er davon profitiere.

Laut Wall Street Journal hat das geplante Unternehmen nie Gelder aus China erhalten, es seien auch keine Geschäftsabschlüsse getätigt worden. Es gebe in den Geschäftsunterlagen zudem keine Hinweise auf eine Beteiligung von Biden an dem Unternehmen.

Bobulinski bleibt derweil bei seiner Darstellung. Er wollte zum Ende der Woche sämtliche Unterlagen und Emails dazu an die Republikaner im Senat weiterleiten, die derzeit das Geschäftsbaren von Hunter Biden untersuchen.

Die Sache mit Russland

Seitdem die ersten Vorwürfe in der New York Post gegen die Bidens laut wurden, stellt sich die Frage, ob hinter der ganzen Sache womöglich eine fremde Macht stecken könnte. Russland zum Beispiel. Haben russische Agenten die ganze Geschichte mit Tricks und Kniffen ins Rollen gebracht, um Joe Biden kurz vor der Wahl zu schaden? Wollen sie Donald Trump so zum Sieg verhelfen?

Führende US-Medien berichten bereits seit einer Weile über Warnungen der US-Geheimdienste, dass Russland versuchen wolle, die Wahl zu beeinflussen, etwa auch durch die Verbreitung von verfälschten Informationen über die Biden-Familie. Die Russen könnten dazu auch den Trump-Vertrauten Rudolph Giuliani nutzen, so die Geheimdienste. Es soll auch Hacker-Angriffe von russischer Seite gegeben haben, um belastendes Material, das berüchtigte "Kompromat", gegen die Bidens zu finden.

Sowohl das FBI als auch Trumps Geheimdienstdirektor, John Ratcliffe, machten inzwischen deutlich, dass es bislang keine Hinweise darauf gebe, dass das Laptop Teil einer russischen Desinformations-Kampagne sei. Man habe auch keine russische Desinformation auf dem Laptop gefunden. Weitere Einzelheiten, wollten sie zu den Vorgängen ansonsten nicht öffentlich machen.

 Was folgt jetzt aus alledem?

US-Präsident Donald Trump und seinen Anhängern läuft die Zeit davon. Trump liegt in den Umfragen zurück, der Wirbel um das mutmaßliche Hunter-Biden-Laptop und die China-Mail sind für sie politisch gesehen eine willkommene Gelegenheit, um Joe Biden zu attackieren. Die Hoffnung ist, dass sie so einige Wähler doch noch davon überzeugen, ihre Stimme nicht dem Vizepräsidenten zu geben.

Es ist letztlich die Wiederholung des Drehbuchs von 2016. Damals malten Trump und seine Getreuen Hillary Clinton als korrupte Politikerin, Trump sollte als mutiger Saubermann erscheinen, der "den Sumpf in Washington" trockenlegt.

Wie damals ist für Trump und Co. auch diesmal der tatsächliche Wahrheitsgehalt der Vorwürfe zweitrangig. Es geht für sie vor allem darum, Biden auf den letzten Metern mit ausreichend Dreck zu beschmeißen, damit möglichst viel davon hängen bleibt. Sie wissen nur zu genau: Bis zur Wahl werden sich alle Einzelheiten der Sache ohnehin nicht endgültig klären lassen, so können sie getrost mit Verdächtigungen in alle Richtungen hantieren.

Von der angeblichen Hillary-Clinton-Email-Affäre, die 2016 von Trump und seinen Getreuen zur Staatsaffäre erklärt wurde, blieb am Ende nichts übrig. Gleichwohl kostete der Wirbel darum Clinton wahrscheinlich den sicher geglaubten Wahlsieg.

Das kann wieder funktionieren. Einiges spricht aber dafür, dass die Sache diesmal für Trump und seine Strategen nicht ganz so einfach sein könnte. Trumps Versuche, das FBI oder seinen eigenen Justizminister William Barr dazu zu bewegen, mit großem Pomp die Einleitung von Ermittlungen gegen die Bidens zu verkünden, blieben bislang erfolglos.

Für die Demokraten ist es bislang zudem relativ leicht, die Sache politisch zu kontern. Sie verweisen einfach immer wieder auf die diversen undurchschaubaren Geschäfte des Trump-Clans. Erst Anfang der Woche berichtete die New York Times über ein bislang unbekanntes Geschäftskonto der Trumps in China.

So oder so gilt: Die wichtigsten Themen, die die meisten Amerikaner umtreiben, sind Trumps Coronapolitik und seine Amtsführung in den letzten vier Jahren insgesamt. Sie werden vor allem die Wahl bestimmen.

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