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Kein Autismus durch Impfungen

dw.com-Logo dw.com 15.01.2017 Gudrun Heise

Eine Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln könne Autismus auslösen, vermutet der designierte US-Präsident Donald Trump. Ist da überhaupt etwas dran? Nein, sagt Virologe Jan Leidel.

© picture-alliance/dpa/M. Gambarini

Deutsche Welle: Herr Leidel, Donald Trump hat angekündigt, den bekannten Impf-Skeptiker Robert F. Kennedy Jr. [der Neffe des einstigen US-Präsidenten John F. Kennedy] in eine Kommission zur Sicherheit von Impfungen zu berufen. Beide haben mehrmals im Fernsehen die These vertreten, dass eine Masern-, Mumps- und Röteln-Kombinationsimpfung (MMR) zu Autismus führen könne. Wie stehen Sie dazu?

Dr. Jan Leidel: Die Einstellung Donald Trumps zum Impfen gehört zu den Dingen, die mir etwas Angst machen. Auch seine angebliche Absicht, Kennedy Junior zum Leiter einer entsprechenden Kommission zu machen, erfüllt mich nicht gerade mit Zuversicht. Man muss abwarten. Die Macht des amerikanischen Präsidenten auf dem Gebiet des Impfens ist relativ begrenzt, aber es ist trotzdem bedenklich, denn natürlich gibt es auch in den USA eine ganze Reihe von Impf-Skeptikern, und wenn dann schon der Präsident diese Auffassungen vertritt, dann ist es natürlich Wasser auf die Mühlen der Gegner.

Die Verbindung von MMR-Impfungen und Autismus wurde in den 90er Jahren von Andrew Wakefield hergestellt. War diese Studie seriös?

Sie haben an 12 Kindern Untersuchungen durchgeführt und sind damals zu dem Schluss gekommen, dass ein Zusammenhang zwischen der MMR und dem kindlichen Autismus zu erkennen sei. Aber es gab eine ganze Reihe von methodischen Fehlern. So war die Studienzahl sehr gering, und es gab eine Reihe von Ungereimtheiten. Zum einen hatte Herr Wakefield – ohne seine Co-Autoren oder Lancet (die Studie erschien in der medizinischen Fachzeitschrift) darüber zu informieren - 55.000 Pfund von einem Anwaltskonsortium erhalten. Es vertrat Eltern, deren Kinder an Autismus litten. Sie hofften, sie könnten Material für eine Klage gegen Impfstoff-Hersteller bekommen.

Gab es andere Ungereimtheiten bei der Studie?

Wie eine Gruppe von der englischen Ärztekammer festgestellt, hat, ist sehr unethisch vorgegangen worden. Die Kinder wurden sehr invasiven Untersuchungen unterzogen, von denen sie überhaupt nicht profitierten. Es wurden zum Beispiel Lumbalpunktionen durchgeführt - also Punktionen des Rückenmarkskanals -, nur um diese Studie durchzuführen. Deswegen bekam Herr Wakefield auch große Probleme, und schon 2004 hat sich ein großer Teil der insgesamt 13 Co-Autoren von ihm und von der Studie distanziert. 2010 ist sie auch vom "Lancet" zurückgezogen worden.

Wie ordnen Sie diese Studie ein? Sie wird heute als unseriös eingestuft.

Das besagt aber natürlich noch nicht, dass sie nicht möglicherweise stimmen könnte. Das bedeutet nur, es gab einen Interessenkonflikt, es gab unethisches Verhalten. Aber was ist nun tatsächlich mit diesem postulierten Zusammenhang? Mittlerweile gibt es eine solche Fülle von Studien an hunderttausenden von Kindern. Sie konnten überhaupt keinen Hinweis darauf finden, dass an der Studie etwas dran ist, so dass wir heute sagen können: Es handelt sich insgesamt eigentlich um einen Medizinskandal, und an der Aussage ist nichts dran.

Die Verbindung von Impfung und Autismus war nicht die einzige Äußerung Trumps auf diesem Gebiet

Trump hält die Mehrfachimpfungen für ein großes Übel. Er sagt: 'Ich bin gar kein Impfgegner, aber man sollte immer nur gegen eine Krankheit impfen und nicht mit einer Spritze gegen ganz viele.' Das ist aus unserer heutigen Sicht wirklich abstrus. Dem Immunsystem des Kindes ist es völlig gleichgültig, vor wie vielen Krankheiten eine Impfung schützt. Für das Immunsystem ist es interessant, wie viele Fremdeiweiße - sogenannte Antigene - in dem Impfstoff sind, mit dem sich der Körper beschäftigen muss. Wir hatten noch nie eine Zeit, in der die Impfstoffe so wenige Fremdeiweiße enthalten haben wie heute.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein Kind, das 1960 gegen Pocken, Diphtherie, Tetanus und Polio geimpft wurde, hat sich mit mehreren tausend solcher Antigene auseinandersetzen müssen. Ein heutiger, moderner sechs-fach Impfstoff enthält weniger als 20.

Gibt es wissenschaftlich fundierte Argumente, die gegen Impfungen sprechen?

Nein, die gibt es grundsätzlich nicht. Man wird natürlich immer im Einzelfall schauen müssen, welche Evidenz haben wir dafür, dass eine bestimmte Impfung ausschließlich segensreich ist. Eine wissenschaftlich fundierte Aussage aber, dass Impfungen an sich problematisch oder gar gefährlich sein könnten, gibt es nicht.

Zu welchen Problemen kann es kommen, wenn ich mein Kind nicht impfen lasse, zum Beispiel gegen Masern?

Zum einen gibt es unmittelbare Folgen. Die Masern-Erkrankung schwächt das Immunsystem über mehrere Wochen bis Monate stark. Deshalb treten dann auch andere Krankheiten nach den Masern gehäuft auf. Es gibt zum Beispiel eine durch das Masernvirus ausgelöste Lungenentzündung, Mittelohrentzündungen, und es gibt – besonders gefürchtet – die Entzündung des Gehirns. Man muss davon ausgehen, dass auf etwa 1000 Masernfälle eine solche Gehirnentzündung entfällt. Und von denen, die unter dieser Gehirnentzündung leiden, stirbt ein nicht unerheblicher Teil und weitere 30 Prozent erleiden schwere, bleibende Schäden.

Sind die Gefahren des Nicht-Impfens also größer als die des Impfens?

In der wissenschaftlichen Gesellschaft gibt es keinen Zweifel am Segen der Impfungen. Auch die WHO sagt, dass nach dem Zugang zu sauberem Wasser, Schutzimpfungen die wichtigste Maßnahme zum Erhalt der Gesundheit und zur Vermeidung von Todesfällen ist.

Die UNICEF hat 2002 das Recht der Kinder auf Schutzimpfungen postuliert. Sonst sei das in der Kinderrechtskonvention der UN verankerte Recht der Kinder auf eine möglichst gute Gesundheit gar nicht umsetzbar. Wir wissen, dass Schutzimpfungen viele, viele hundert Millionen Menschenleben gerettet haben.

Das Gespräch führte Gudrun Heise

Dr. Jan Leidel ist Virologe und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, STIKO.

Autor: Gudrun Heise

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