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Preisschock am Ölmarkt

SZ.de-Logo SZ.de 16.09.2019 Von Victor Gojdka
Bis die saudische Öl-Produktion wieder Normalmaß erreicht hat, könnte es Wochen dauern. © AFP Bis die saudische Öl-Produktion wieder Normalmaß erreicht hat, könnte es Wochen dauern.

• Nach den Attacken in Saudi-Arabien steigt der Ölpreis zunächst deutlich an. Später beruhigen sich die Märkte ein wenig.

• Deutschland ist nicht abhängig vom saudischen Öl, dennoch könnten auch hierzulande die Verbraucher den Schock am Markt zu spüren bekommen.

• Auch die unklare politische Lage am Golf hat Einfluss auf den Preis.

Alle Augen waren an den globalen Finanzmärkten um 23.55 Uhr deutscher Zeit auf einen Preis gerichtet, der in der Sprache der Händler das merkwürdige Kürzel Lcoc1 trägt. Was nicht heißt, dass dieser Preis uninteressant wäre. Im Gegenteil: Er bewegt Preise, schmiert die globale Wirtschaft und treibt Verbraucher zur Verzweiflung. Lcoc1, dieses unauffällige Kürzel gehört zum weltweiten Ölpreis.

Als der der frühe Ölhandel in Singapur am Montag um null Uhr deutscher Zeit beginnt, da macht der Preis für ein Ölfass der Nordseesorte Brent einen Satz nach oben. Binnen Sekunden schießt die Notierung zeitweise um 19 Prozent in die Höhe, auf 71,95 Dollar für ein Fass. Zum Vergleich: Als die Händler am Freitagabend ihre Büros verlassen hatten, da hatte die selbe Menge noch etwa 60 Dollar gekostet. Doch die Attacken auf zwei Raffinerieanlagen in Saudi-Arabien am Samstag haben den Ölmarkt durchgerüttelt und sein fragiles Gleichgewicht ins Wanken gebracht.

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Für die Händler ist die Markteröffnung um Mitternacht ein Schock. Die Preiskurve, sie zeichnete wie ein Seismograph die Nervosität am Markt nach. Dass der Ölpreis auf einen Schlag mehr als zwölf Dollar zulegt? Dem Datendienstleister Bloomberg zufolge ist das der größte Preissprung seit 1988. Große Ausschläge über sechs oder sieben Prozent hinaus? Am Ölmarkt nicht an der Tagesordnung. Doch die Zeiten am Ölmarkt sind gerade nicht normal. "Das ist der größte Angebotsschock in der Geschichte", schreibt Rohstoffexperte Bob Ryan von BCA Research. Schon fürchten Ökonomen um die Weltwirtschaft und Verbraucher um ihre Tankladung. Sind diese Sorgen berechtigt?

Saudi-Arabien ist der wichtigste Ölexporteur auf dem Globus, fünf Prozent des globalen Ölangebots kommen von dort. 9,8 Millionen Barrel des Rohstoffs produziert das Königreich jeden Tag. Man muss nach den Angriffen sagen: produzierte. Denn nach Einschätzung von Experten dürften die Drohnenangriffe auf die zwei größten Ölanlagen des Königreichs den Output der Saudis um etwa 5,8 Millionen Barrel pro Tag gesenkt haben. Schließlich handelte es sich bei den Zielen der Angriffe um die größte Ölverarbeitungsanlage des Landes, Abaqiq, und das zweitgrößte Ölfeld in Khurais. "Abqaiq ist das Herz des Systems, und es hatte gerade eine Herzattacke", sagt Ölexperte Roger Diwan von IHS Markit.

Engpass-Gefahr in Deutschland besteht nicht, trotzdem könnte Benzin teurer werden

Ob Verbraucher den Ölpreisschock im Laufe des Montags an der Tankstelle zu spüren bekommen, ist derzeit noch unklar. Preismeldungen von Tankstellen in der Nacht im Großraum München legen nahe, dass der Benzinpreis für einen Liter der Sorte E10 im Vergleich zu Sonntagabend eher noch um einige Cent gesunken ist. Erfahrungsgemäß nutzen die großen Tankstellen-Ketten Schocknachrichten am Ölmarkt allerdings mitunter, um den Preis hochzusetzen. Ob das am späteren Montagmorgen passiert, wenn die europäischen Konzernzentralen wieder besetzt sind, ist unklar.

Dennoch dürfte Öl in Deutschland nicht knapp werden. 2018 bezog die Bundesrepublik schließlich nur ein Prozent ihres Öls aus Saudi-Arabien. "Eine Engpass-Gefahr beim Öl besteht also nicht", sagte ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands der Deutschen Presseagentur.

Nicht nur Verbraucher, auch Ökonomen sorgen sich wegen des Preisschocks beim Öl. Manche fürchten, dass ein dauerhaft höherer Preis die ohnehin fragile weltwirtschaftliche Lage noch weiter eintrübenund viele Länder endgültig in eine Rezession treiben könnte. Öl gilt als Schmierstoff der Wirtschaft, ist Grundstoff vieler Produkte. Sie alle könnten teurer werden, falls der Ölpreis auf Dauer hoch bleibt.

Auch Konsumenten könnten bei steigenden Preisen ihr Geld stärker beisammenhalten. Das würde die Weltkonjunktur besonders hart treffen. Viele Unternehmen halten sich in der aktuellen Lage schon jetzt mit Ausgaben und Investitionen zurück. Im Gegensatz dazu hatten die Konsumenten in den vergangenen Monaten immer noch gut Geld ausgegeben und damit die Konjunktur gestützt. Dieser Effekt könnte nun einbrechen und die Weltwirtschaft bedrohen. Allerdings nur, wenn der Ölpreis über Wochen auf dem aktuellen Niveau bliebe. Die Betonung auf: wenn.

Die Opec wird das fehlende Öl eher nicht ausgleichen

Denn bislang ist unklar, ob der Ölpreis tatsächlich über lange Zeit deutlich erhöht bleibt. US-Präsident Donald Trump hat bereits auf Twitter angekündigt, er habe erlaubt, die Strategische Ölreserve (SPR) seines Landes zu öffnen, "sofern nötig". Wie viel aus der Reserve genau entnommen werden dürfe, schrieb Trump nicht. Später jedoch teilte er über das soziale Netzwerk ohne genauen Kontext mit: "Sehr viel Öl!" Und in der Tat, die strategische US-Ölreserve umfasst etwa 700 Millionen Barrel. Zum Vergleich: Die saudische Produktion hat sich durch die Angriffe um etwa 5,8 Millionen Barrel pro Tag verringert.

Trump hatte seine Ankündigung geschickt gesetzt, um Punkt 23:55 Uhr deutscher Zeit schickte er die Tweets ab. Just jene Minute, in der der Vorhandel an der Rohstoffbörse öffnet. Es brauchte dann nur knapp zehn Minuten, bis die Nachricht in der Breite durchsickerte, bis der Ölpreis wieder deutlich nachgab. Von knapp 72 Dollar in der Spitze sank er dann auf nur noch etwa 68 Dollar je Fass Brentöl. In den Stunden danach stabilisierte sich der Preis zwischen 67 und 69 Dollar.

Viele fragen sich nun: Wo könnte jetzt schnell Öl in rauen Mengen herkommen, um den Ölmarkt zu stabilisieren? Saudi-Arabien dürfte zunächst auf seine Öl-Lagerbestände zurückgreifen, die in Teilen im Ausland liegen. "Es war sehr klug, dass sie die ins Ausland gelegt haben - darauf können sie jetzt zählen", sagt Ölanalystin Ashley Petersen von Stratas Advisors im Börsensender Bloomberg. Zu den größten Abnehmern saudischen Öls gehören China und Japan.

Einem Bericht des Wall Street Journal zufolge könnten die Saudis wohl bereits am Montag ihre Ölproduktion wieder deutlich hochfahren und ein Drittel der Ausfälle allein auf diese Weise ausgleichen. Bis die Ölproduktion aber wieder auf vorherigem Niveau läuft, dürfte es noch Wochen dauern.

Manch einer hofft außerdem auf das einflussreiche Ölkartell Opec. Das hatte erst kürzlich wieder besiegelt, dem Markt künstlich Öl vorzuenthalten, um die Preise zu treiben. Wer nun glaubt, der Ölclub könne jetzt schnell die Produktion ankurbeln, liegt jedoch falsch. Die Krux: Den Löwenanteil der Kürzungen trägt ausgerechnet das verwundete Saudi-Arabien, das jetzt nichts tun kann. Insgesamt kann das Ölkartell auf kurze Sicht unter dem Strich nur etwa 900 000 Fass Öl mehr pro Tag fördern, vor allem Länder wie Kuwait oder die Vereinigten Arabischen Emirate wären dann in der Pflicht. Andere große Ölländer wie Russland pumpen bereits jetzt schon fast an den Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Doch selbst wenn es Saudi-Arabien, den USA und anderen Ländern gelingen sollte, die Versorgungslücke schnell zu schließen, könnten die Preise noch länger hoch bleiben. Der Drohnenangriff hat gezeigt, wie verwundbar das Herz der Ölindustrie verwundbar ist und wie aufgeheizt die Lage im Nahen Osten. Donald Trump hat den Urhebern des Anschlags über Twitter bereits mit Vergeltung gedroht. Die Händler am Ölmarkt dürften deswegen noch länger einen Risikoaufschlag auf den Ölpreis verlangen. "Es sieht so aus, als hätten wir damit noch länger zu tun", sagte Expertin Ashley Petersen. Keine guten Aussichten für die Weltwirtschaft. Und die Kunden an der Zapfsäule.

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