Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Roboter bedrohen den Status der deutschen Mittelschicht

WELT-Logo WELT 11.06.2018

Getty ImagesGetty Images © Getty Images/Westend61 Getty ImagesGetty Images

Die Digitalisierung spaltet den deutschen Arbeitsmarkt in Jobs für Hoch- und Niedrigqualifizierte. Dazwischen wird es eng: Der höchste Veränderungsdruck lastet auf einer besonders großen Gruppe von Fachkräften.

Das könnte Sie auch interessieren

China kopiert den Urus und den Cayenne - Huansu X-Serie C60

Auf jeder Diskussionsveranstaltung, die man aktuell besucht, in jedem Vortrag und in beinahe jedem Buch, das neu erscheint, kommt unweigerlich ein Wort vor: Polarisierung. Die Spaltung in widerstreitende Pole scheint das Charakteristikum der Gesellschaft im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert zu sein.

Für diese Polarisierung gibt es zahlreiche Gründe. Etwa, dass globaler Handel und offene Grenzen Gewinner und Verlierer schaffen. Doch eine vermutlich noch größere Ursache von Polarisierung ist Technologie, technischer Fortschritt.

Ökonomen finden immer mehr Indizien dafür, dass Roboter und Assistenten aus Bits und Bytes den Arbeitsmarkt spalten: in eine Oberschicht und eine Unterschicht. Für die Einkommensgruppen dazwischen wird es eng.

Monotone Tätigkeiten unter Druck

"Automatisierung und Digitalisierung führen dazu, dass sich die Schere zwischen hoch- und niedrigqualifizierten Jobs weiter öffnet", beschreibt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING DiBa den allgemeinen Trend.

Der Ökonom hat untersucht, wie sich der technische Wandel auf die Beschäftigungssituation der letzten Jahre ausgewirkt hat. Ein Teil der von Brzeski beobachteten Effekte überrascht nicht und bewegt sich im Rahmen der Erwartungen.

Die Theorie besagt zum Beispiel, dass monotone Tätigkeiten, die sich leicht automatisieren lassen, massiv unter Druck geraten. Dagegen sollten Aufgaben, die einen hohen Bildungsstand und viel anspruchsvolle Interaktion voraussetzen, von der Digitalisierung viel weniger betroffen sein oder sogar profitieren.

Führungskräfte kaum von Robotern bedroht

Breski verweist auf die Jobkategorie Bürokräfte und verwandte Berufe. Hier gab es zwischen 2013 und 2017 nur ein geringes Stellenplus von zwei Prozent. Das vergleicht er mit dem Beschäftigungswachstum von 5,6 Prozent in der Gesamtwirtschaft (Beobachter sprechen vom "deutschen Jobwunder").

Die Kategorie Bürokräfte ist durch eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von 86 Prozent gekennzeichnet, eine der höchsten überhaupt. Gemeint sind sogenannte Dilbert-Jobs, also Tätigkeiten, die viel Routine und Repetition beinhalten.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich in den Kategorien Führungskräfte und Akademische Berufe. Die Gefahr, dass Roboter oder digitale Systeme die Aufgaben der Arbeitnehmer übernehmen, beziffern Experten hier nur auf rund ein Zehntel. Und tatsächlich war auch das Beschäftigungswachstum viel höher, nämlich zweistellig.

Facharbeitern droht Verdrängung

Nur eines passt auf den ersten Blick nicht ins Bild: In den letzten vier Jahren kam es auch zu einer deutlichen und überdurchschnittlichen Ausweitung der Jobs von Hilfsarbeitskräften, obwohl deren Tätigkeiten zu 85 Prozent automatisierbar sind.

Diese Helfer, die über keine Ausbildung oder andere Qualifikation in der ausgeübten Profession verfügen, verzeichneten neben Führungskräften und Akademischen Berufen den stärksten Stellenzuwachs.

Die beiden Beobachtungen müssen kein Widerspruch sein: "Diese Entwicklung unterstützt die Polarisierungsthese, die besagt, dass es zu einer Aufteilung in höher- und niedrigqualifizierte Berufe kommt", sagt Brzeski. Die fachliche Schicht werde auf Dauer verdrängt, fürchtet der Ökonom.

Stärkste Lohnzuwächse bei Führungskräften

Denkt man dies weiter, könnte es vor allem der Mittelbau der Gehaltspyramide sein, dessen Jobaussichten und damit auch Einkommensmöglichkeiten am stärksten unter der Automatisierung zu leiden haben. Das bedeutet nicht, dass Mittelschicht-Beruflern Massenarbeitslosigkeit droht, aber dass hier der Druck auf die Löhne und Gehälter am größten ist, und ebenso der Veränderungsdruck auf den einzelnen Arbeitnehmer.

Interessanterweise zeigen auch die Gehaltsdaten des Statistischen Bundesamtes, dass ungelernte Arbeitnehmer ihre Löhne (plus 26 Prozent) seit 2007 schneller steigern konnten als Fachkräfte (plus 22,8 Prozent). Das stärkste Plus verzeichneten Führungskräfte (plus 33 Prozent).

Der Ökonom Jörn Quitzau von der Berenberg Bank hat ähnliches beobachtet. Er vermutet, dass viel vom Unbehagen angesichts der Globalisierung eigentlich eine Furcht vor der Verdrängung und Marginalisierung durch die Maschinen ist. "Technologieangst spielt gewiss eine Rolle, der Einfachheit halber wird der von der Technologie ausgelöste Wandel der Globalisierung mit in die Schuhe geschoben", sagt Quitzau.

Technologieangst nicht unbegründet

Aus jetziger Sicht seien die langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaft schwer einzuschätzen, so Quitzau. Im seinem Hauptszenario mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit wird es zu einem ungemütlichen Übergang kommen, der für viele Berufstätige schmerzhaft ist, aber am Ende zu einem Mehr an Wohlstand und Lebensqualität für alle führt.

"Unser Neben-Szenario, das im Gegensatz zum Hauptszenario 40 Prozent Wahrscheinlichkeit hat, führt in eine 20:80-Gesellschaft, in der nur noch 20 Prozent der heute Erwerbstätigen benötigt werden, um 100 Prozent des gegenwärtigen Bruttoinlandsprodukts zu erwirtschaften. Sollte dieses Szenario wahr werden, hätten wir ein echtes Problem, auf das bisher weder die Parteien noch sonst jemand gute sozialpolitische Antworten hat", sagt der Ökonom. Technologieangst sei daher nicht ganz unbegründet.

Andere Experten sehen die Auswirkungen auf die Jobsituation insgesamt weniger negativ. "Es sind nicht Jobs, die verschwinden, sondern Berufe", sagt Pascal Finette, Zukunftsforscher und Managing Director der Singularity University. Finette ist davon überzeugt, dass Künstliche Intelligenz (KI) die Gesellschaft und das Arbeitsleben in schnellem Tempo verändern wird.

Große Verschiebungen in den Abläufen

Allerdings wird die Technik Menschen nicht nur vielfach unbeliebte Tätigkeiten abnehmen, sondern auch vollkommen neue schaffen. Eine menschenähnliche Intelligenz aus dem Computer, die universal funktioniere, sich an verschiedenste Situationen anpasse und ein eigenes Bewusstsein entwickele, hält er für Science-Fiction.

Auf absehbare Zeit werde die KI sich auf spezielle Aufgaben beschränken und dadurch einzelne Berufe verändern, das allerdings gründlich. Ähnlich sieht es McKinsey. Die Beratungsfirma schätzt, dass es auch im Jahr 2030 genügend Arbeit gibt, aber bis zu 375 Millionen Arbeitnehmer ihr Berufsfeld wechseln müssen, da sich innerhalb ihrer täglichen Abläufe große Verschiebungen ergeben.

Brzeski kommt zum selben Schluss: Die Automatisierung werde zum Verlust bestimmter Arbeitsplätze oder Tätigkeiten führen, aber auch neue Jobs schaffen. "Drohnenbetreiber oder App-Entwickler waren vor zehn Jahren sehr selten, und heute?", fragt der Ökonom.

"Die Roboter kommen, der Mensch bleibt"

Die Datenbank der Bundesagentur für Arbeit offenbart zum Beispiel, dass allein in den letzten drei Jahren 3810 neue Berufsbezeichnungen entstanden sind, die allermeisten Neuerungen im Berufsleben sind Technologie-getrieben. Die Arbeitslandschaft unterliege einem großen Wandel, an deren Ende allerdings nicht notwendigerweise weniger Menschen mit Jobs stehen, sagt Brzeski. Fazit: "Die Roboter kommen, der Mensch bleibt."

So tröstlich diese Erkenntnis auch ist, vieles deutet darauf hin, dass die Hauptlast auf der Mittelschicht ruht, denn in den mittleren Berufen mit mittlerem Einkommen ist der Veränderungsdruck am höchsten. "Die individuelle Beschäftigungsstabilität könnte sich durch einen zunehmenden Robotereinsatz reduzieren", vermutet Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Das IW schlägt vor, die Arbeitsgesetzgebung neu zu denken, um den Wechsel von einem alten Beruf in einen neuen zu unterstützen. Dabei ist zu bedenken, dass die deutsche Mittelschicht auch in anderen Aspekten, zum Beispiel bei Steuern und Abgaben, besonders belastet ist.

Offene und ehrgeizige Gesellschaft

Insgesamt sei es vorteilhaft, den Wandel durch Flexibilisierung zu erleichtern statt zu behindern: "Digitalisierung ist kein Tsunami, der über Unternehmen und Beschäftigte hereinbricht, sondern in seinen unterschiedlichsten Facetten menschengemacht ist", sagt Stettes. Für ihn ist der digitale Wandel "eine Gestaltungsaufgabe".

Die Politik sollte ihren Beitrag leisten, den digitalen Wandel zu unterstützen, damit dieser beschäftigungsfreundlich verläuft, betont Stettes. Mit der Re-Regulierung des Arbeitsmarktes habe die Große Koalition in Deutschland allerdings den entgegengesetzten Weg eingeschlagen: "Unternehmen benötigen Flexibilität, um sich auf Veränderungen einstellen zu können und um einen Anreiz zu haben, Beschäftigung aufrecht zu erhalten oder neue Arbeitsplätze zu schaffen", kritisiert der Ökonom. Die Arbeitsmarktpolitik der vergangenen Jahre sei hier ein Rückschritt gewesen.

Andere Volkswirte betonen, dass auch eine verlässliche und ausreichende Absicherung für Zeiten der Arbeitslosigkeit die Transformation begünstigt. Denn je weniger Furcht ein Beschäftigter haben muss, vorübergehend ohne Erwerbstätigkeit dazustehen, und sei es um eine Fortbildung zu machen, desto eher wird er geneigt sein, den Fortschritt als etwas Positives zu betrachten. So lässt sich denn die Polarisierung am ehesten überwinden, indem die ganze Gesellschaft offener und ehrgeiziger wird.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon