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Studie: Das denken die Deutschen über die Digitalisierung

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 10.01.2020 Herz, Carsten
Die Digitalisierung ist dabei, die Arbeitswelt grundlegend zu ändern. © dpa Die Digitalisierung ist dabei, die Arbeitswelt grundlegend zu ändern.

Viele Erwerbstätige haben eine gespaltene Meinung zum technologischen Wandel. Sie fürchten die Veränderung – und empfinden sie gleichzeitig als Erleichterung.

Die Mehrheit der Deutschen blickt mit Furcht auf den digitalen Umbruch – doch um den eigenen Arbeitsplatz sorgen sich die wenigsten. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov Deutschland im Auftrag des Versicherers HDI, die das Unternehmen am Donnerstag in Köln vorstellte.

Demnach fürchten 60 Prozent der Deutschen Jobverluste durch die Digitalisierung – aber 72 Prozent halten den eigenen Arbeitsplatz für ungefährdet. „Die Ergebnisse der Studie haben uns selbst überrascht“, sagte Patrick Dahmen, Vorstandschef der HDI Lebensversicherung, in Köln. Erkenntnisse und Handeln klafften bei vielen Berufstätigen weit auseinander, lautet sein knappes Fazit der Studie.

Die Mehrheit der Deutschen blickt demnach mit sehr zwiespältigen Gefühlen auf den technologischen Wandel. „Durch die Digitalisierung werden in Deutschland mehr Arbeitsplätze verschwinden als neue entstehen“ – dieser Meinung sind sechs von zehn Berufstätigen, bei den über 45-Jährigen sind es sogar 65 Prozent. Dennoch glaubt eine Mehrheit nicht, dass der eigene Job bedroht ist.

Drei Viertel der über 45-Jährigen Befragten halten es für unwahrscheinlich, dass die Digitalisierung für sie persönlich zum Jobkiller wird. Bei den Jüngeren sind es sogar 69 Prozent, die keine negativen beruflichen Konsequenzen fürchten. „Die Befürchtung schmerzlicher Veränderungen in der Arbeitswelt ist also um ein Vielfaches höher als die Sorge um den eigenen Beruf“, heißt es in der Studie.

Yougov Deutschland hat für die Studie über 3600 Berufstätige ab 15 Jahren befragt, die erstmals in jedem Bundesland durchgeführt wurde. Die Ergebnisse seien repräsentativ für Berufstätige in Deutschland als auch in den jeweiligen Bundesländern, betonten die Autoren.

Besondere Härten wollen die meisten Deutschen vor diesem Hintergrund nicht für den Job in Kauf nehmen. Drei Viertel der Befragten halten zwar Fort- und Weiterbildung für ihren Beruf für wichtig. Andererseits sind laut der Studie fast zwei von drei Berufstätigen ausdrücklich nicht bereit, für ihren Beruf den Wohnort zu wechseln. In Sachsen sind es sogar 75 Prozent, am beweglichsten sind noch die Mitarbeiter in Hessen und Hamburg mit 57 Prozent.

Schon heute hinterlässt die Digitalisierung allerdings ihre praktischen Spuren im Arbeitsleben. 39 Prozent der Erwerbstätigen sind der Meinung, dass das Arbeitsleben durch die Digitalisierung in den letzten fünf Jahren „rauer“ geworden ist. 44 Prozent empfinden den digitalen Wandel insgesamt dennoch als Erleichterung der Arbeit.

„Gespaltenes Verhältnis“

„Ein gespaltenes Verhältnis zur Digitalisierung zeigt sich quer durch unsere gesamte Studie“, sagte HDI-Topmanager Dahmen. Einerseits spürten viele Berufstätige, dass starke Veränderungen in der Arbeitswelt anstünden. Andererseits sorgten digitale Vereinfachungen und die bisher gute Lage am Arbeitsmarkt offenbar dafür, dass die meisten „noch keinen persönlichen Handlungsbedarf erkennen und die Entwicklung einfach abwarten“.

In den Unternehmen geht der digitale Wandel weiter. So hat auch HDI Deutschland erst kürzlich in Sachen Digitalisierung neue Fakten geschaffen.

Ende Dezember schaltete der Versicherer sein bisheriges, überaltertes IT-System ab. Mehr als 3,6 Millionen Verträge mussten auf ein neues System umziehen. „Für uns ist das ein Riesenschritt, weil wir in den letzten Jahren hohe Investitionen in das neue System gesteckt haben“, sagte Jan Wicke, Vorstandschef des zum Talanx-Konzern zählenden Versicherers HDI Deutschland, in Köln.

Die Informationstechnik (IT) ist oftmals das schwache Herz vieler Versicherer. Auch beim Talanx-Konkurrenten Ergo fließen mehr als 400 Millionen Euro in die Erneuerung der Computertechnik. Die Branche träumt von einer neuen digitalen Zukunft – und hat eingesehen, dass sie dabei Nachholbedarf hat.

Der technologische Wandel legte in vielen Assekuranzen schonungslos Versäumnisse der Vergangenheit offen: Die IT in vielen Unternehmen ist veraltet, und viele Konzerne sind nur unzureichend auf den Sprung ins digitale Zeitalter vorbereitet.

Ernüchterung bei Industrieversicherern

So verglich auch Allianz-Chef Oliver Bäte einst die hauseigene IT mit dem Schloss Neuschwanstein. Mit jeder Übernahme, mit jeder Integration sei die Zahl der Türmchen am Schloss gewachsen, so Bäte. So sehr, dass am Ende selbst Spezialisten kaum mehr den Überblick über das gesamte Konstrukt hatten. Auch in München arbeiten die Mitarbeiter deshalb an einer Erneuerung der Systeme.

Die Allianz will jedoch erst 2025 die letzten Altsysteme stilllegen. Europas größter Versicherer schloss jüngst eine Partnerschaft mit dem Softwarekonzern Microsoft und will künftig wesentliche Teile seines hauseigenen Software-Systems ABS auch anderen Unternehmen auf Microsofts Cloud-Servern anbieten.

Bei den Industrieversicherern in Deutschland ist die große Aufbruchstimmung in Sachen Digitalisierung vorerst abgeebbt. Nach einer kürzlich veröffentlichten gemeinsamen Untersuchung der Unternehmensberatung Oliver Wyman und des Versicherungsmaklers Marsh schätzt die überwiegende Mehrheit der deutschen Industrieversicherer den eigenen Grad der Digitalisierung deutlich skeptischer ein als noch vor zwei Jahren.

2017 schätzten demnach etwa ein Drittel der Befragten ihre Digitalisierung als überdurchschnittlich ein, heute sind es lediglich rund fünf Prozent. „90 Prozent der Studienteilnehmer bewerten ihre digitalen Fähigkeiten heute als lediglich durchschnittlich“, heißt es in der Studie.

Mehr: Deutsche sprechen der Bundesregierung Digitalkompetenz ab

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