Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Was ist dran am „Lidl-Löffel“ gegen Zuckersucht?

WELT-Logo WELT 22.10.2019 Mai Saito
Der Lidl-Löffel hat eine Beule in seiner Laffe Quelle: Lidl © Lidl Der Lidl-Löffel hat eine Beule in seiner Laffe Quelle: Lidl

Der Discounter Lidl will seine Kunden künftig dazu bringen, weniger Zucker zu konsumieren. Doch die Methode klingt fragwürdig: Mit einem speziellen Löffel, der in der Mitte eine Erhebung hat, soll der Konsument seinen Zuckerverbrauch um bis zu 20 Prozent senken. Doch nimmt derjenige, der bisher drei Löffel Zucker in den Kaffee gerührt hat, künftig nicht automatisch vier Löffel für das gewohnte Geschmackserlebnis?

Ob der sogenannte Lidl-Löffel wirklich funktioniert und den inneren zuckersüchtigen Schweinehund überlisten kann, erklärt der Ernährungs- und Gesundheitspsychologe Christoph Klotter von der Hochschule Fulda im Gespräch mit WELT.

Die Top-Gesundheitsthemen der MSN-Leser:

Krankmeldung:  Gewerkschaften kritisieren digitalen "Gelben Schein"

Pizza zum Frühstück:  Kuriose These

Nackenverspannungen:  So lindern Sie die Beschwerden

WELT: Die große Frage, die im Raum steht: Funktioniert der „Lidl-Löffel“ oder ist es nur ein Marketinggag?

Christoph Klotter: Nein, der Löffel kann die Psyche niemals austricksen. Es sei denn, der Löffel wird von jemandem eingesetzt, der Zucker reduzieren will, also bewusst etwas ändern will.

WELT: Aber hat der Löffel zumindest einen Einfluss auf die Gesundheit für alle anderen Konsumenten?

Klotter: Nein, der direkte Einfluss des Löffels auf die Gesundheit ist nicht erwiesen. Außerdem hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) 2011 festgestellt: Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz, dass Zucker an sich ungesund ist.

WELT: Zucker zu verteufeln ist derzeit neben Fleischverzicht ein großer gesellschaftlicher Trend. Vor ein paar Monaten warb Lidl mit einem Burger ohne Fleisch. Will der Discounter also nur auf den Zug gesunder Ernährung aufspringen?

Klotter: Ja, schließlich sind auch das Gesundheitsministerium oder die Industrie auf diesen Zug aufgesprungen. Dem Image von Lidl tut diese Kampagne gut, weil sie den Konsumenten vermittelt: „Wir stehen auf eurer Seite und möchten mit euch gegen den Zucker kämpfen.“ Aber nichts aus der Wissenschaft bestätigt, dass der Löffel gesundheitlich wirksam ist. Es wäre wünschenswert, wenn Lidl dazu empirische Studien durchführen würde.

WELT: Worauf ist der potenzielle Erfolg der Kampagne psychologisch zurückzuführen?

Klotter: Es gibt die sogenannte Intention-Verhaltens-Lücke. Sie beschreibt das Phänomen, dass das, was wir wollen, und das, was wir tun, nichts miteinander zu tun haben müssen. Und das trifft auch für diesen Fall zu: Wir wollen den Zucker reduzieren, aber das hat nichts direkt mit der Gesundheit zu tun. Dennoch fühlen wir uns gut.

WELT: Will der Verbraucher also eigentlich nur sein Gewissen besänftigen?

Klotter: Ja, der Verbraucher beruhigt eher sein Gewissen, als dass er gesünder is(s)t.

WELT: Mal anders gefragt: Schadet der Löffel?

Klotter: Nein, der Löffel ist sicherlich nicht schädlich – der Löffel versucht ja nicht, den Konsumenten zum Ungesunden hin zu manipulieren. Schließlich gilt immer noch: die Dosis macht’s. Und es stellt sich auch immer die Frage, wer solch einen Löffel benutzt. Wenn ein Mensch zehn Kuchen am Tag isst, ist das schließlich auch nicht gesund.

WELT: Schmecken die Verbraucher überhaupt den Unterschied, wenn sie wie versprochen 20 Prozent weniger Zucker verwenden?

Klotter: Der Markt bietet mittlerweile viele zuckerreduzierte Produkte: Von Schokolade bis Ketchup ist alles mit dabei. Die Erfahrung sagt, dass man keinen Unterschied schmeckt.

WELT: Welche Alternativen gibt es, die der Gesundheit tatsächlich guttun?

Klotter: Das Allheilmittel gibt es nicht, zumal 80 Prozent unseres Essverhaltens unbewusst und emotional gesteuert sind. Aber der Nutri-Score könnte ein erster Schritt sein. Auch wenn nicht ganz geklärt ist, inwiefern der Nutri-Score gesünder macht, gilt: Durch die Kennzeichnung der Lebensmittel werden wir uns unseres Essverhaltens bewusster als zuvor.

WELT: Das gilt dann für diesen Löffel auch, oder?

Klotter: Ja, auch beim Löffel stellen wir uns die Frage nach einer gesünderen Ernährung. Und das ist gut: Schließlich gehen wir bewusster mit unseren Lebensmitteln um und bewirken indirekt etwas Gutes.

Das Interview wurde telefonisch geführt.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon