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„Die Deutschen erwarteten uns mit Maschinengewehren“

WELT-Logo WELT 21.11.2019 Berthold Seewald
Dieses Video zeigt, wie sich die europäischen Fronten im Ersten Weltkrieg Tag für Tag verändert haben. © Bereitgestellt von WeltN24 GmbH Dieses Video zeigt, wie sich die europäischen Fronten im Ersten Weltkrieg Tag für Tag verändert haben.

Das Bild vom Ersten Weltkrieg wird vor allem vom Niemandsland und den Schützengräben geprägt, in die sich die Heere in Flandern und in der Champagne eingegraben hatten. Ganz anders dagegen die Schlachtfelder im Osten: Dort gelangen den Armeen wiederholt weiträumige Operationen, die zu tiefen Einbrüchen in die feindlichen Linien führten. Dass die Offensiven dennoch ohne entscheidende Ergebnisse blieben, hing mit der Weite des Raumes, seiner mangelhaften Infrastruktur und den beschränkten technischen und logistischen Möglichkeiten der Zeit zusammen.

Dennoch kannte auch die Ostfront zwischen 1914 und 1917 den Grabenkrieg. Nur waren die Abschnitte, die eine Division zu halten hatte, ungleich breiter, kam ihr Nachschub mit Pferdfuhrwerken von den Ausladestationen der Eisenbahnen langsamer bei ihr an, war die Ausstattung mit moderner Ausrüstung spärlicher. Es gab weniger Stacheldraht, feste Unterstände und schwere, weitreichende Geschütze. Hinzu kam, dass die Zünder der Granaten im sandigen Boden der Waldsteppe leicht versagten. Die dramatischen Folgen wurden bei der letzten russischen Großoffensive gegen deutsche Truppen Anfang 1916 deutlich.

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Nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf Verdun im Februar 1916 ging beim russischen Oberkommando die dringende Bitte aus Frankreich ein, mit einer schnellen Offensive für Entlastung zu sorgen. Obwohl die zarischen Truppen nach dem Durchbruch der verbündeten Deutschen und Österreicher bei Gorlice-Tarnów im Mai 1915 fast ganz Polen und Teile Litauens hatten aufgeben müssen, stimmte das russische Oberkommando, die Stawka, zu. Nach den schweren Niederlagen 1914 und 1915 hatte Zar Nikolaus II. persönlich den Oberbefehl übernommen, der faktisch von Generalstabschef Michail Alexejew ausgeübt wurde.

In der russischen Armee fehlte es an Munition, Geschützen, selbst an Gewehren und Rekruten für die Fronteinheiten. Nur mit Mühe konnte Alexejew drei Angriffsgruppen mit 350.000 Soldaten aufbieten, denen mit der deutschen 10. Armee gerade einmal 75.000 Mann gegenüberlagen. Obwohl die Kämpfe an der Westfront gezeigt hatten, dass Gräben, Unterstände, Maschinengewehre und Drahtverhaue die Verteidiger in die deutlich stärkere Position versetzten, suchten die altgedienten Generäle des Zaren ihr Glück in Massenangriffen, denen eine heftige Artillerievorbereitung voranging.

General Alexei Ewert (1857-1926) kommandierte die zentrale Westfront Quelle: picture alliance / akg-images © picture alliance / akg-images General Alexei Ewert (1857-1926) kommandierte die zentrale Westfront Quelle: picture alliance / akg-images

Da die beiden ersten Kriegsjahre die erfahrenen Kader des zarischen Friedensheeres dramatisch reduziert hatten, wurden die Angriffe von unerfahrenen Offizieren geleitet, die zunehmend widerwillige Mannschaften anführten. Wie auch in den übrigen Heeren der kriegführenden Mächte galt der Massenangriff immer noch als maßgebliche taktische Option, der zudem die Überzeugung anhing, dass darin der Kampfeswille der Soldaten zur vollen Entfaltung kommen würde.

Am 18. März 1916 begann auf einer Breite von 250 Kilometern nördlich und südlich des weißrussischen Naratsch-Sees der russische Angriff. Sein strategisches Ziel war Wilna (heute Vilnius), das die Deutschen im September 1915 besetzt hatten. Was folgte, hat ein Offizier, der bei Dünaburg (heute Daugavpils) eingesetzt wurde, in einem Brief desillusioniert zu Papier gebracht, der von der russischen Militärzensur abgefangen und an den Oberbefehlshaber der Nordwestfront weitergeleitet wurde. Der Osteuropa-Historiker Dietrich Beyrau hat ihn in seinem Buch „Krieg und Revolution“ auszugsweise übersetzt:

„Anderthalb Wochen bereiteten wir uns auf den Angriff vor, ergänzten die Patronen, die Handgranaten“, doch die Granaten, zumal der schweren Artillerie, die den Angriff vorbereiten sollte, blieben aus. „Da siehst Du die Mobilisierung der Industrie. Wenn die Kämpfe in diesem Sinne weitergehen, dann lohnt es nicht zu kämpfen.“

Auch der Angriff am 9. März um kurz nach zwei Uhr in der Nacht zerrte an der Moral. „Ungefähr um zwei Uhr nachts ging die Artillerie der Deutschen los – sie wussten alles, während unsere Strategen auf eine Überraschung hofften ... Wir gingen leise, ohne zu schießen. Die Deutschen erwarteten uns mit Maschinengewehren. Unser Angriff scheiterte.“

Den ganzen Tag versuchte die russische Artillerie, die Stacheldrahtverhaue vor den deutschen Stellungen zu zerstören. Am Abend begann ein neuer Angriff. „Man sagte uns: Der Drahtverhau ist zerstört, geht kühner vorwärts ... Nirgends, überall war er noch instand ... man befahl uns, ihn selbst zu zerschneiden ... Wir schickten nach Scheren. Sie / die Deutschen / schossen. Beschossen uns auch im Sumpf ... Unser Bataillon bestand aus 850 Mann, zum Morgen gingen 400 Mann zurück, davon die Hälfte mit erfrorenen Beinen und Händen.“

Drei Tage später wurde die verstärkte Truppe erneut nach vorn geschickt. „Geht, sagten sie, und zerreißt den Draht mit euren Händen ... Mein Gott, was war das. Gingen direkt in den Tod, ohne Hoffnung auf Erfolg ... In meiner Kompanie blieben nur 13 Mann übrig ... Wenn man uns wieder so losschickt, ist es besser, sich zu erschießen; es wäre wenigstens nicht so schrecklich.“

Russische Kriegsgefangene. Die zarische Armee verlor am Naratsch-See 110.000 Mann Quelle: picture alliance / IMAGNO/Austri © picture alliance / IMAGNO/Austri Russische Kriegsgefangene. Die zarische Armee verlor am Naratsch-See 110.000 Mann Quelle: picture alliance / IMAGNO/Austri

„Viel Wahres und Trauriges“, notierte der Oberbefehlshaber der Nordwestfront, Alexei Ewert, auf eine Abschrift des Briefes und schlug vor, alle höheren Kommandeure mit dem Inhalt bekannt zu machen, als „ein Beispiel, wie man nicht vorgehen sollte“. Das änderte am Zusammenbruch der Offensive nichts. Sie wurde Ende März 1916 eingestellt, nachdem die zarische Armee 110.000, die Deutschen 20.000 Mann verloren hatten.

Aus den Materialien der Briefzensur wird nicht deutlich, ob der General mit seiner Weisung die unteren Führungsebenen für den entsetzlichen Menschenverschleiß verantwortlich machen wollte oder ob das Schreiben – angesichts der mangelnden Vorbereitung des Vorstoßes – an sich selbst und seine Stäbe gerichtet war, schreibt Beyrau.

Auf jeden Fall markierte das Scheitern des Unternehmens einen tiefen Einschnitt. Angesichts der dramatischen Verluste gegen einen zahlenmäßig weit unterlegenen Gegner gaben die zarischen Generäle die Hoffnung auf einen Sieg gegen die deutschen Truppen auf. Von da an agierten sie nur noch defensiv gegen die vom deutschen Oberbefehlshaber Ost (Ober Ost ) geleiteten Armeen, wie der Kommandobereich von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff genannt wurde.

Angriffe sollten nur noch von der russischen Südwestfront gegen die K.-u.-k.-Armeen in Galizien unternommen werden. Tatsächlich gelang im Sommer 1916 General Alexei Brussilow noch einmal ein tiefer Einbruch in die österreichischen Linien, die nur noch durch deutsche Verstärkungen gehalten werden konnten. Doch nachdem die weiteren Offensiven Brussilows statt des erhofften Durchbruchs nur zu entsetzlichen Verlustzahlen geführt hatten, verstärkte sich in allen Teilen der russischen Armee die Vorstellung, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können. Meutereien und Desertionen waren die Folge.

Enttäuschung und Defätismus entluden sich nicht zuletzt über dem Oberbefehlshaber, dem Zaren. Der Sturz von Nikolaus II. und seinem Regime wurde nur noch eine Frage der Zeit.

Dietrich Beyrau: „Krieg und Revolution. Russische Erfahrungen“. (Schöningh, Paderborn. 311 S., 56 Euro)

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