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„Die Straße wurde erst vor zwei Jahren neu asphaltiert“

WELT-Logo WELT 20.04.2019 Heike Vowinkel
Die meisten Überlebenden der Buskatastrophe von Madeira haben die portugiesische Ferieninsel verlassen. Ein speziell ausgerüsteter Airbus der Luftwaffe ist mit den meisten Verletzten auf dem Weg nach Deutschland. Quelle: Reuters © Reuters Die meisten Überlebenden der Buskatastrophe von Madeira haben die portugiesische Ferieninsel verlassen. Ein speziell ausgerüsteter Airbus der Luftwaffe ist mit den meisten Verletzten auf dem Weg nach Deutschland. Quelle: Reuters

Zurück nach Deutschland, zurück in die Gewissheit der Heimat, zurück aus dem Urlaub, der zur Katastrophe wurde. Am Samstagmittag flog eine Spezialmaschine der Bundeswehr vom Cristiano-Ronaldo-Flughafen von Madeira ab, 15 deutsche Urlauber an Bord, Überlebende des verheerenden Bus-Unglücks. Sie waren am Morgen mit Krankenwagen von der Klinik Dr. Nélio Mendonça aus der Hauptstadt Funchal dorthin gebracht worden. An Bord waren auch Ärzte.

Ein deutscher Verletzter sei noch nicht reisefähig, hieß es. Ein weiterer Deutscher sei bereits am Freitagabend nach Deutschland zurückgekehrt. Einige Überlebende des Unfalls wurden zuvor entlassen. Andere wollen noch auf der Insel bleiben.

Die Autopsie der 29 Leichen ist inzwischen abgeschlossen, am Samstag trafen aus Deutschland noch Akten mit Fingerabdrücken und zahnärztlichen Daten ein, die eine endgültige Identifizierung der Toten ermöglichen sollen. Einzelheiten zu den Opfern und ihren Herkunftsorten sind weiter nicht bekannt.

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Blumen an der Unfallstelle: Der Bus mit 56 Insassen war hier abgestürzt und auf das Haus am Abhang gekracht Quelle: REUTERS © REUTERS Blumen an der Unfallstelle: Der Bus mit 56 Insassen war hier abgestürzt und auf das Haus am Abhang gekracht Quelle: REUTERS

Mittwochabend, 18.30 Uhr. 56 Menschen stiegen in den weißen Bus, der vor dem Hotel „Quinta Spedida“ in Caniço im Süden Madeiras parkte, allesamt deutsche Touristen bis auf den portugiesischen Fahrer und die Reiseleiterin. Sie hatten eine Abendveranstaltung in der sieben Kilometer entfernten Hauptstadt Funchal gebucht. Nach wenigen Sekunden Fahrt wurde der Bus auf der abschüssigen, kurvenreichen Straße immer schneller, das berichten später Überlebende.

Der Fahrer habe noch versucht, das Tempo zu drosseln, indem er die Betonwand rechts der Straße streifte, vergeblich. Der Bus stürzte den Abhang hinab in ein Haus. Dessen Bewohner war zum Glück nicht zu Hause.

Felipe Souza, Bürgermeister der Gemeinde Santa Cruz, zu der Caniço gehört, erzählt am Telefon, was er am Abend der Katastrophe erlebte. Der 54-Jährige war gerade mit dem Auto unterwegs, als ihn der Feuerwehrchef anrief und von einem Unfall berichtete. Als Souza dort eintraf, sah er Rettungswagen, Verletzte, die Toten. Offenbar waren fast alle Insassen nach draußen geschleudert worden. Er begann zu organisieren; die ganze Nacht war er vor Ort.

Bald wurde das Ausmaß des Unglücks klar: 28 Menschen tot – elf Männer, 17 Frauen – im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, noch in der Nacht starb eine weitere Frau im Krankenhaus. 28 Menschen verletzt, zum Teil schwer. Fahrer und Reiseleiterin haben überlebt. Souza steht auch zwei Tage danach, als er davon erzählt, hörbar unter dem Eindruck der Bilder dieser Nacht. Eine Katastrophe solchen Ausmaßes, so viel Leid und Tod, habe er, der auf der portugiesischen Ferieninsel vor der Küste Marokkos geboren wurde, noch nicht erlebt.

Blumen an der Unfallstelle: Der Bus mit 56 Insassen war hier abgestürzt und auf das Haus am Abhang gekracht © REUTERS Blumen an der Unfallstelle: Der Bus mit 56 Insassen war hier abgestürzt und auf das Haus am Abhang gekracht

Das sagt auch Ilse Berardo, die seit 38 Jahren auf Madeira lebt. Die deutsche Pastorin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Funchal bereitete gerade ihre Karfreitagspredigt vor, als sie vom Krisenstab angerufen wurde. Die Seelsorgerin eilte sofort ins Krankenhaus. Dort half sie übersetzen, so wie auch andere Deutsche, die auf Madeira leben.

Die Hilfsbereitschaft sei überwältigend gewesen, sagt Berardo am Telefon. Jeder habe getan, was er konnte. Die Menschen hätten unter Schock gestanden, viele nicht gewusst, ob nahestehende Menschen lebten oder schwer verletzt waren. Berardo hörte ihnen zu, spendete Trost.

Vielen Überlebenden werde erst allmählich klar, was da passiert sei, erzählt Berardo. Psychologische Hilfe bekamen sie auch von deutschen Notfallexperten und Ärzten, die am Donnerstag gemeinsam mit Außenminister Heiko Maas (SPD) nach Madeira geflogen waren. Maas hatte zusammen mit seinem portugiesischen Amtskollegen am Unfallort einen Kranz niedergelegt und sich für die Hilfsbereitschaft bedankt. In ganz Portugal wurde für drei Tage Staatstrauer angeordnet.

Die meisten der 54 Deutschen hatten beim Reiseveranstalter Trendtours gebucht, gehörten aber nicht zu einer zusammenhängenden Reisegruppe, sondern kamen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands. Die Suche nach der Unglücksursache ist nicht abgeschlossen. Ein Bremsversagen gilt als wahrscheinlich, offizielle Ermittlungsergebnisse gibt es aber keine. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Bus, so heißt es, soll noch nicht alt, höchstens fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Ende Januar sei er in der Inspektion gewesen, bis Februar 2020 habe er eine gültige Zulassung bekommen. Auch der Fahrer galt als erfahren und zuverlässig. Er lag am Samstag ebenso wie die Reiseleiterin noch im Krankenhaus. Bürgermeister Souza kennt ihn. Zwei Mal habe er ihn in den letzten Tagen gesprochen, erzählt er. Doch mehr dürfe er darüber wegen der laufenden Ermittlungen nicht sagen. Die Straße sei in gutem Zustand, sagt Souza, „sie wurde erst vor zwei Jahren neu asphaltiert, hatte Begrenzungen“.

Felipe Souza ist Bürgermeister von Santa Cruz, Madeira Quelle: Filipe Sousa © Filipe Sousa Felipe Souza ist Bürgermeister von Santa Cruz, Madeira Quelle: Filipe Sousa

Am Freitagnachmittag fand in der Kirche Igreja Presbiteriana in Funchal unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Karfreitagsgottesdienst statt. Pastorin Berardo hatte Angehörige und Überlebende eingeladen, viele nahmen teil. Einige der Gäste hätten deutliche Verletzungen am Körper und im Gesicht gehabt, berichtete die Zeitung „Correio da Manhã“.

Zu den etwa 100 Trauergästen gehörte Portugals Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa. Für sie, für die Überlebenden und Angehörigen und die Insel habe der Karfreitagsgottesdienst zwei Tage nach dem Unglück eine tiefere Bedeutung bekommen, sagt Berardo zuvor noch am Telefon. „Es ist ein Karfreitag, an dem wir nicht nur über Leiden und Sterben sprechen, sondern geradezu aus dem Leiden und Sterben heraus.“

Ostern, sagt Bürgermeister Souza, werde in diesem Jahr kein frohes Fest für die Insel. Er will den Fahrer des Unglücksbusses und seine Tochter besuchen. Auch Pastorin Berardo mag kein frohes, nur ein segensreiches Osterfest wünschen. Am kommenden Donnerstag wird sie erneut beim Gedenkgottesdienst predigen – diesmal auf Portugiesisch und Deutsch.

Hintergrund - Sicherheit in Bussen

Das Risiko, im eigenen PKW zu verunglücken, ist deutlich höher als die Gefahr, Unfallopfer auf einer Busreise zu werden. Laut TÜV und dem „Bus-Report 2018“ achten Reisebusunternehmer heute sehr viel mehr als vor einigen Jahren darauf, ihre Fahrzeuge zu warten und in Schuss zu halten. Eine Richtlinie der EU schreibt für Busse alle sechs Monate eine Sicherheitsprüfung vor. Das gilt auch für Madeira.

„Eine Prüfung ist natürlich aber immer nur eine Momentaufnahme“, sagt Richard Goebelt, Leiter des Geschäftsbereichs Fahrzeug und Mobilität beim TÜV-Verband. In vielen Ländern wären die Sicherheitsstandards der Busse längst nicht so gut wie in Deutschland. Der TÜV-Experte empfiehlt, sich stets genau die Reifen anzusehen, bevor man in einen Bus einsteigt. Ist das Profil abgefahren oder nicht genug Luft im Reifen, dann seien das Indizien, dass das Busunternehmen es sonst auch nicht so ernst nimmt der Sicherheit.

Seit 1999 gibt es bei Reisebussen eine Ausrüstungspflicht für Anschnallgurte. „Leider nutzen viel zu wenige Passagiere den Gurt. Der Busfahrer kontrolliert das nicht und kann es während der Fahrt auch gar nicht. Gurte sind aber überlebenswichtig“, sagt der Unfallforscher Siegfried Brockmann. Dass sich ein Bus überschlage, wie auf Madeira, mache weniger als zehn Prozent der Unfälle aus.

Mitarbeit: Sebastian Gubernator, Tina Kaiser, Ibrahim Naber, Nuno de Mendoca.

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