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„Mediengeil, fresssüchtig und verlogen“: Natascha Kampusch über den Hass im Netz

Kölner Stadt-Anzeiger-Logo Kölner Stadt-Anzeiger vor 4 Tagen Madeline Jäger
Natascha Kampusch (31) wird tagtäglich zum Opfer von Cybermobbern. Nun will sie anderen Betroffenen helfen. © Paul Zinken/dpa Natascha Kampusch (31) wird tagtäglich zum Opfer von Cybermobbern. Nun will sie anderen Betroffenen helfen.

Rückblickend betrachtet war Kampusch das erste prominente Opfer von Cybermobbing.

Natascha Kampusch gehört zu den bekanntesten Opfern einer Entführung, mehr als acht Jahre lang war sie der Willkür eines Mannes ausgeliefert. Im Jahr 2006, nach 3096 Tagen in einem Kellerverlies, gelang ihr die Selbstbefreiung. Der Täter brachte sich darauf hin um.

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Um den gewaltigen Medienrummel und die wilden Spekulationen um ihre Person zu beenden, entschied sich das damals 18-jährige Verbrechensopfer aus Österreich selbst in die Öffentlichkeit zu gehen. Sie bekam dafür viel Zuspruch und Anteilnahme, einen Teil der Öffentlichkeit provozierte ihr selbstbewusster Auftritt im ORF aber auch. In Foren, Kommentaren und sozialen Netzwerken wurde sie danach beleidigt und diskriminiert. Der österreichische Standard schreibt 2018: „Rückblickend wird klar, dass Kampusch eines der ersten prominenten Opfer von Online-Mobs war“.

Cybermobbing gegen Natascha Kampusch begann mit den Keller-Witzen

Natascha Kampusch muss man also als Expertin auf einem Gebiet nennen, über das heute sehr viel mehr gesprochen wird als vor 13 Jahren: der Hass im Netz, das sogenannte Cybermobbing. Nach Büchern über ihre Entführung und die Jahre in Freiheit geht die 31-Jährige jetzt mit ihrem neuen Buch „Cyberneider – Diskriminierung im Internet“ gegen Angriffe aus dem Netz in die Offensive. Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht sie über Schutzmechanismen, die sie sich gegen den Hass selbst aufbauen musste und richtet sich mit Ratschlägen gezielt an andere Betroffene.

„Mediengeil, fresssüchtig und verlogen“ – das sind noch die harmloseren Beleidigungen, denen Natascha Kampusch täglich ausgesetzt war. „Die Hetze im Netz begann schon 2006 mit diesen sogenannten „Keller-Witzen“ über mich“, erklärt Kampusch im Interview. Zunehmend wurden die Vorwürfe gegen sie aber auch konkreter: Von Mutmaßungen, sie würde mit hohen Summen vom Staat unterstützt bis hin zu Unterstellungen, sie hätte sich die ganze Geschichte nur ausgedacht. 

Natascha Kampusch erklärt sich das so: „Cybermobbing entsteht meistens aus Neid, Gehässigkeit und einer tief sitzenden Unzufriedenheit. Es ist eine Art von Neid auf das Anderssein des Anderen“. Daher auch der Buchtitel. Anderen Betroffenen rät sie dazu, sich unbedingt Hilfe zu suchen und sich „niemals klein kriegen zu lassen.“

Cybermobbing führt zu einer massiven Verunsicherung

Selbst die absurdesten Beleidigungen sind schmerzhaft, weiß Kampusch: „Es macht etwas mit einem, wenn man das liest. In vielen Fällen führt es zu einer massiven Verunsicherung der gemobbten Person und macht sie tieftraurig. Darüber hinaus kann Cybermobbing bereits vorhandene psychische Probleme verstärken und solche auslösen.“ Gerade bei Frauen könnten die Beleidigungen zu einer Dysmorphophobie, also einer Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers führen, erklärt sie weiter. Das alles sei nur ein Teil der gravierenden Auswirkungen. Der Höhepunkt seien Gedanken über Selbstmord.

Bei Natascha Kampusch führten die verbalen Verletzungen zum sozialen Rückzug: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe mir gedacht, das kann doch nicht sein, dass es so viele schreckliche Menschen auf der Welt gibt. Ich bin dann nur noch aus dem Haus gegangen, wenn es unbedingt notwendig war“.

Kampusch: „An Hilfsorganisationen wenden“

Im Haus ist sie nicht geblieben. Nicht noch einmal. Die tiefe Auseinandersetzung mit dem Thema Cybermobbing hat ihr gezeigt, dass sie nicht das einzige Opfer ist und auch, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein ist. Heute hat sie sehr konkrete Tipps für Menschen, die im Internet gemobbt werden und verrät sie unserer Redaktion:

Schnell professionelle Hilfe suchen

Menschen im echten Leben treffen, die einem guttun

Auch wenn viel Überwindung und Kraft dazu gehört, die Hass-Posts nicht zu nah an sich ranlassen und den objektiven Blick auf das Gesagte nicht verlieren

Sich mit Cybermobbern niemals in private Nachrichten verstricken

Zur Beweissicherung Screenshots anfertigen

In der akuten Cybermobbing-Situation: Einen begrenzten Zeitraum lang nicht mehr aktiv auf dem betroffenen Account sein. Aber: Nicht dauerhaft auf sozialen Netzwerken abmelden, denn: Nicht das Opfer hat einen Fehler begangen, sondern der Täter

Gemeinsam mit professioneller Beratung die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen

Aus eigener Erfahrung weiß Natascha Kampusch wie wichtig es ist, Gesprächsverläufe mit Cybermobbern zu dokumentieren, um den Behörden so viele Infos wie möglich zur Verfügung zu stellen. Sie müssen sich einen umfassenden Eindruck über den Täter und Fall verschaffen können. Denn: „Spätestens wenn die Worte eine Strafrelevanz haben, muss die Situation beweisbar sein“, erklärt sie. 

Ob professionelle Hilfe oder erst einmal Menschen aus dem persönlichen Umfeld einbeziehen, Kampuschs Botschaft ist: Nie sollten Opfer von Cybermobbing sich allein dem Hass im Netz stellen.

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