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Aids in Afrika: Wegen Corona vor dem Comeback?

dw.com-Logo dw.com 01.12.2020 Daniel Pelz

Die Infektionsraten sinken in vielen Ländern Afrikas seit Jahren, dank guter Medikamente leben viele HIV-Patienten länger als früher. Doch zum diesjährigen Welt-Aids-Tag sieht die Lage düster aus.

Beratung im Schutzanzug: Diese Masken haben nichts mit dem Gesprächsthema HIV, sondern mit Corona zu tun © Bram Janssen/AP/picture alliance Beratung im Schutzanzug: Diese Masken haben nichts mit dem Gesprächsthema HIV, sondern mit Corona zu tun

Einfach war Gilbert Tenes Job schon vor Corona nicht. Jetzt hat es der Aids-Arzt aus Kamerun noch schwerer: "Die Menschen wollen nicht mehr ins Krankenhaus kommen", klagt er im DW-Interview. Mehr als die Hälfte der HIV-Infizierten, die in Behandlung sind, kommt aus Angst vor Corona nicht mehr zu den regelmäßigen Kontrolluntersuchungen. "Wir können ihnen keine Medikamente mehr geben, sie nicht mehr beraten, keine Tipps geben, wie sie sich schützen können", sagt Tene.

Mit Medikamenten können HIV-Infizierte manchmal Jahrzehnte leben, ohne Aids zu bekommen. Doch ohne drohen fatale Folgen. Tenes südafrikanische Kollegin Zolelwa Sifumba sieht das jeden Tag: "Viele Menschen kommen nicht mehr zu den Kontrollen. Wenn sie kommen, ist es zu spät und sie sterben", sagt Sifumba, die sich in der Provinz KwaZulu-Natal um HIV-Infizierte kümmert.

Fortschritte in Gefahr

Dabei hatte sich die Lage im östlichen und südlichen Afrika in den letzten Jahren verbessert. Die Region galt lange als weltweites Epizentrum, doch das ist vorbei. 2018 teilte die UN-Organisation UNAIDS mit, dass die Neuinfektionen innerhalb von sechs Jahren um ein Drittel gesunken seien. Die Todesfälle gingen sogar um mehr als 40 Prozent zurück. Im Gegensatz zu vielen anderen Weltregionen, sodass Aids wohl nicht wie geplant bis 2030 ausgerottet sein wird. "Die COVID-Epidemie drückt uns nun noch weiter von unseren Zielen weg", sagt Winnie Byanyima, Direktorin der UN-Organisation UNAIDS.

Für den kenianischen HIV-Patienten Gilbert bedeutet Corona eine zusätzliche Sorge © Donwilson Odhiambo/ZUMA/picture alliance Für den kenianischen HIV-Patienten Gilbert bedeutet Corona eine zusätzliche Sorge

Wie weit, das haben ihre Experten ausgerechnet: Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie könnten sich weltweit mehr als 290.000 Menschen zusätzlich anstecken - und 148.000 Menschen mehr an den Folgen der HIV-Infektion versterben.

Nicht nur, weil HIV-Infizierte Angst vor Krankenhäusern haben. "Daten zeigen, dass die Gewalt gegen Frauen und Mädchen gestiegen ist, während die Schulen geschlossen waren. Sexuelle Gewalt ist vor allem in Afrika einer der wichtigsten Ursachen für neue Infektionen", sagt Byanyima. Auch lassen sich immer weniger Menschen auf HIV testen, seit die Corona-Pandemie ausgebrochen ist. Auch Schwangere. So wächst das Risiko, dass sie ihre ungeborenen Babys infizieren.


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Ärzte im Alarmzustand

Gleichzeitig setzt Corona Afrikas Gesundheitssysteme unter Druck. Schon vor Beginn der Pandemie hatten viele Länder zu wenig Ärztinnen und Pflegepersonal. Die müssen nun nicht nur HIV-Infizierte und Aids-Patienten, sondern auch Corona-Fälle behandeln. Und schweben selbst in höchster Gefahr: "Durch mangelhafte Maßnahmen zur Vorbeugung von Ansteckungen und fehlende Schutzausrüstung infizieren sich viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen und sterben, wodurch der Mangel immer größer wird", sagt die südafrikanische Ärztin Sifumba.

Dieses Plakat in Lesotho stellt einen Zusammenhang zwischen Seitensprung und HIV-Infektionsgefahr her © Michele Spatari/AFP Dieses Plakat in Lesotho stellt einen Zusammenhang zwischen Seitensprung und HIV-Infektionsgefahr her

Afrikas Aids-Aktivisten fürchten noch eine andere Folge der Corona-Pandemie. "Wir bekommen weniger finanzielle Unterstützung", sagt Awa Fany, die im HIV-Programm der Baptistischen Kirche Kameruns arbeitet, zur DW. "Die Geber konzentrieren sich mehr auf COVID-19. Wir fragen uns, wie wir unsere Ressourcen so einsetzen können, dass wir uns sowohl um HIV-positive Kinder und um Corona-Patienten kümmern können."

Wenn das Geld knapp wird

Das Problem hat nicht nur die Baptistenkirche Kameruns. Auch der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ist alarmiert. Der Fonds, 2002 als Partnerschaft zwischen Regierungen, Unternehmen und internationalen Organisationen gegründet, stellt nach eigenen Angaben rund 20 Prozent aller Mittel im Kampf gegen die Aids-Pandemie bereit. Seit diesem Jahr unterstützt der Fonds seine Partnerländer auch im Kampf gegen Corona.

Dieses Foto von HIV-Medikamenten für einen Patienten in Simbabwe wurde vor Beginn der Corona-Pandemie aufgenommen © Jekesai NJIKIZANA/AFP Dieses Foto von HIV-Medikamenten für einen Patienten in Simbabwe wurde vor Beginn der Corona-Pandemie aufgenommen

Schwierig würde es aber, wenn sich Corona zu einer ähnlich langwierigen Bedrohung wie Aids entwickelt. "Mein Alptraum-Szenario ist, dass der Globale Fonds auch [in Zukunft] für COVID zuständig sein wird, aber mit dem gleichen Budget wie heute. Das würde bedeuten, dass wir im Kampf gegen alle vier Krankheiten weniger Fortschritte machen und mehr Menschen sterben werden", sagt Fonds-Direktor Peter Sands.

Damit liegt der Ball bei den Regierungen. Die entwicklungspolitische Organisation ONE schätzt den Mehrbedarf auf etwa 5 Milliarden US-Dollar (rund 4,1 Milliarden Euro), um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Kampf gegen Aids abzuschwächen. Doch Regierungen überall auf der Welt sehen sich mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und wachsender Staatsverschuldung konfrontiert. Ob sie da mehr Geld für die Aids-Bekämpfung aufwenden können und wollen, ist längst nicht sicher.

Mitarbeit: Moki Kindzeka (Kamerun)

Autor: Daniel Pelz

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