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Alles muss raus: Pariser Hotel Ritz versteigert sein Interieur

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 16.04.2018 berliner-zeitung

Ritz: AFP © AFP AFP

Das alte Ritz scheint wiederauferstanden. Nachtblauer Teppich dämpft den Schritt. Selbst Highheels können dem Bodenbelag nicht das leiseste „Tacktack“ entlocken. Wo das Blau endet, ragt das pechschwarze Tor mit Emblem des Ritz empor, ein schmiedeeisernes Kunstwerk, opulent, luxuriös. Gabrielle „Coco“ Chanel ist regelmäßig durch dieses Tor geschritten.

1936 hatte die Modeschöpferin das legendäre Luxushotel zu ihrem Domizil gemacht und dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1971 gewohnt. Auf dem Marmorsims des Kamins steht ihr Foto. Es zeigt die Französin als zartes, ja zerbrechliches Geschöpf. Dick aufzutragen, war ihre Sache nie gewesen. Mit einfachen, klaren Linien hat sie sich einen Namen gemacht. Die ihre Suite schmückenden Holzpagoden mitsamt der aus China stammenden Wandbehänge zeugen ebenfalls von der Vorliebe fürs schlicht Ergreifende.

Renovierung für 440 Millionen

Verwundert reibt man sich die Augen. Hatte die 1898 von dem Schweizer Cesar Ritz eröffnete Nobelherberge nicht nach einer vier Jahre währenden, 440 Millionen Euro teuren Renovierung, bereits einem zeitgemäßen Nachfolger Platz gemacht? Dass der Vorgänger knapp zwei Jahre nach Abschluss der Renovierungsarbeiten Wiederauferstehung feiern darf, ist das Werk von Artcurial. Das an den Champs-Élysées residierende Auktionshaus hat zusammengetragen, was im alten Hotel den Schriftsteller Marcel Proust, die Opernsängerin Maria Callas oder auch den Filmemacher Woody Allen erfreute und im renovierten keine Verwendung mehr fand.

Zusammengekommen sind dabei 10.000 Gegenstände, die gruppiert zu 3.500 Ensembles vom Dienstag bis zum Freitag dieser Woche versteigert werden sollen. Mit einem Erlös von 1,5 Millionen Euro rechnet das Auktionshaus. Und damit die Kundschaft auch begreift, welche Kostbarkeiten ihr dargeboten werden, präsentiert Artcurial sie im alten Ambiente: Ob Kronleuchter oder Wandteppich, Harfe oder Himmelbett, Garderobehaken oder Kleiderbügel: Es erstrahlt vor holzvertäfelten Wänden und blumenverzierten Jugendstil-Tapeten.

Wer im Vorfeld der Versteigerung durch die liebevoll rekonstruierten Hotellandschaften schreitet, braucht nicht viel Fantasie, um den Geist des alten Ritz heraufzubeschwören: Die illustren Gäste, die dort ein- und ausgingen, die sich um sie und das Hotel rankenden Legenden – eine andere Zeit, magisch und legendär.

So gemahnt das Mobiliar der Bar Hemingway an feucht-fröhliche Abende, die der Schriftsteller und Großwildjäger einst mit dem Kollegen Scott Fitzgerald hier verlebt und wohl auch versoffen hat. Die Zigarrentruhe, aus der sich die beiden bedient haben mögen, ist noch da. Die vier Ledersessel fehlen ebenfalls nicht. Vielleicht saß Hemingway ja 1944 auf einem dieser milchkaffeebraunen Sofapolster. Erzählt wird, er habe sich wutschnaubend erhoben und am Tresen versammelte deutsche Nazis aus der Bar gejagt. Dass Historiker beteuern, die Besatzer hätten bereits den Rückzug angetreten, bevor Hemingway sie vertreiben konnte – Schwamm drüber.

Ritz © dpa/Christian.Böhmer Ritz

Die letzten Stunden von Lady Di

In den Salons Impériale, Fitzgerald oder Windsor wiederum zeugen zerwühlte Himmelbetten davon, dass das später von dem ägyptischen Milliardär Mohammed Al-Fayed erworbene Ritz als Hort höchsten Liebesglücks galt. Soweit es ungetrübt blieb, fehlte der Anreiz, die Kunde nach draußen zu tragen. Anders sah es aus, wenn die Dinge schiefgingen. Besonders schief ging es, als es der beleibte britische Kronprinz Edward VII. mit seiner Geliebten in der Badewanne trieb, und beim Liebesspiel dort steckenblieb. Das allezeit hilfsbereite Hotelpersonal hat ihn zwar befreit, die bis zum heutigen Tag lustvoll verbreitete Geschichte von seinem Missgeschick aber in die Welt getragen.

Doch neben Lustvollem trug sich auch Leidvolles zu im Ritz. Nach der Rückkehr von einem Spaziergang soll Coco Chanel die vom Empfangschef gestellte Frage nach ihrem Wohlbefinden mit den Worten beantwortet haben: „Nicht so gut, in ein zwei Stunden werde ich sterben.“

Die Worte erwiesen sich als wahr. Überschattet wird der Glanz des Ritz dazu von der Erinnerung an Lady Di. Am 31. August 1997 dinierte Diana Spencer im sternegekrönten Hotelrestaurant mit ihrem Freund Dodi Al-Fayed, dem Sohn des Besitzers. Nach dem Essen stieg das Paar ins Auto und verunglückte tödlich. In einem Tunnel am Seine-Ufer trug sich der Unfall zu, ein paar Straßenecken nur vom Hotel entfernt.

Diskretion ist oberstes Gebot

Fragt sich noch, ob man mit einem ersteigerten Möbelstück auch Ritz-Atmosphäre mit nach Hause nimmt, ob die sich um Barhocker, Baldachin oder Badewanne rankenden Legenden in den eigenen vier Wänden fortleben. François Tajan bezweifelt das. Im Salon Proust versinkt der stellvertretende Chef des Auktionshauses in einem Sofa. Man könne die Ritz-Atmosphäre nicht erwerben, glaubt Tajan. Aber die im Stil des Empire, Louis XV. und Louis XVI. gehaltenen Möbel seien ausnehmend schön und komfortabel.

Und nach der Versteigerung? Das neue Ritz scheint zur Legendenbildung nicht zu taugen.

Diskretion ist dort oberstes Gebot. Ein vom Parkhaus ins Hotel führender Tunnel entzieht Prominente neugierigen Blicken. Eine Anekdote gibt es trotzdem: Anfang des Jahres stürmten fünf mit Äxten bewaffneten Einbrecher in die Lobby des Hotels. Unter den fassungslosen Blicken von Bediensteten und Gästen zertrümmerten und leerten sie Vitrinen, in denen Pariser Spitzenjuweliere ihre Preziosen auszustellen pflegen. Drei Räuber wurden gefasst, zwei sind noch flüchtig.

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Im Januar fand ein Raubüberfall auf das berühmte Hotel statt:

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