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"Backward Books": Die Gespenster-Bibliothek als Einrichtungstrend

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 21.01.2018 berliner-zeitung
Backward Books: Mike Froehling © Mike Froehling Mike Froehling

Zu den ewigen Aufgaben, die einem das Leben stellt, gehört die Frage, wie man sein Bücherregal sortiert. Manche halten eine Ordnung nach Genres und Autoren für sinnvoll, andere reihen alphabetisch nach Titeln auf, nach Erscheinungsjahr, biographisch oder einfach emotional. Zumeist zählen eher praktische Erwägungen.

Das heißt, dass man vor allem schnell finden will, was man sucht. Gleichzeitig schafft man durch das individuelle Arrangement der verschiedensten Bücher im besten Fall auch ein eigenes, sehr persönliches geistiges Flair. Als „Brautschatz des Geistes und des Gemütes“, bezeichnete Karl Julius Weber das häusliche Bücherregal schon vor zweihundert Jahren.

Bücher sind Statements

Optische Überlegungen spielten bei Buchliebhabern bislang eine untergeordnete Rolle – es sei denn, sie heißen Joachim Unseld und können ihre Komplett-Ausgabe der Edition Suhrkamp in allen Farbtönen des Lichtspektrums anordnen. Zum puren Einrichtungsgegenstand haben sich Bücher nie degradieren lassen; dazu sind sie zu sehr Statement, und die Gefahr, dass man von Gästen in ein Gespräch über wenigstens einen seiner dekorativen 300 Bände „Die Andere Bibliothek“ verwickelt wird, ist groß. Dann lieber gar kein Buch. Wie Donald Trump, in dessen Appartement im nach ihm selbst benannten Tower in New York legendärerweise nicht ein einziges zu finden ist.

Aber so will man ja auch wieder nicht sein. Und da schafft ein  neuer, von Interieur-Magazinen propagierter und über die sozialen Medien  massiv verbreiteter Trend nun Abhilfe: Das Ganze nennt sich „backward books“, wahlweise auch „neutral bookshelf“.  Gemeint ist, dass Bücher neuerdings mit dem Rücken (und dem Autorennamen und Titel) zur Wand und dem offenen weißen Papierrand nach vorne im Regal drapiert werden. Angeblich sieht das besser aus.  „Bücher passen nicht zu Ihrem Dekor? Sorgen Sie sich nicht. Die unglaublich einfache Lösung?  Drehen Sie sie  herum  für den perfekten, koordinierten Look“, rät etwa die New Yorker  Wohnkultur-Website Apartment Therapy ihren Lesern.

In all den einfallslos minimalistisch, grundsätzlich weiß oder grau gehaltenen Einrichtungen, die schon seit einiger Zeit die Instagram- und Pinterest-Feeds dominieren, würde  der Rücken zum Beispiel von „Moby Dick“  wirklich anecken. Vom Inhalt gar nicht zu reden. Wird da nicht das Abschlachten der Wale propagiert und der Südseeinsulaner Queequeg als „Wilder“ bezeichnet? Ist das politisch korrekt? Besser keinen Shitstorm riskieren!

So erledigt Instagram nicht nur die Idee des Buchrückens als   Ausdruck von Distinktion und Persönlichkeit, sondern  gleich auch die Idee von sich selbst als   Forum des grenzenlosen Individualismus:  Die Büchersammlung als  blassbleiche Gespensterbibliothek zeigt, ganz im Gegenteil, dass das  Heischen nach Likes  als primäres Sozialverhalten eine Generation farbloser Nullen gebiert.

Für „Bücherfreunde, die Bücher hassen“ sei der „irritierende neue  Inneneinrichtungstend“, schimpfte vergangene Woche auch die britische Daily Mail.  „Niemand, der gerne liest, würde so etwas tun.“ Tatsächlich hat sich zum größten Problem des „neutral book-shelf“ noch keiner geäußert – nämlich,  wie man darin eigentlich irgendwas finden will.   Weshalb zu befürchten ist, dass  es darum am allerwenigsten geht: Der  Instagram-Hipster in seiner weißen Designer-Wohnung   samt maßgeschreinerter Regalwand voller „backward books“ muss nie ein Buch finden. Weil er nie eines liest.

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