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Bluttat in Utrecht: Hinweise auf Terror-Motiv des Schützen verdichten sich

EXPRESS-Logo EXPRESS 19.03.2019 express
In der niederländischen Stadt Utrecht sind am Montagmorgen Schüsse in einer Straßenbahn gefallen. © AFP In der niederländischen Stadt Utrecht sind am Montagmorgen Schüsse in einer Straßenbahn gefallen.

Nach dem Straßenbahn-Attentat im niederländischen Utrecht verdichten sich die Hinweise auf ein terroristisches Motiv: Die Auswertung eines Schreibens, das im Fluchtauto des mutmaßlichen Schützen gefunden worden sei, weise auf ein solches Motiv hin, teilte die Justiz am Dienstag mit.

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Was war geschehen?

Um 10:45 Uhr fallen Schüsse in Utrecht. In einer Straßenbahn. Drei Menschen sterben, fünf werden verletzt. Danach herrschen in der Universitätsstadt ungewöhnliche Ruhe - und Angst.

Gespenstische Stille nach den Schüssen von Utrecht

Es herrscht gespenstische Stille in Utrecht. Am Platz des 24. Oktober im Westen der niederländischen Großstadt stehen zwei gelbe Straßenbahnen - bewegungslos, wie Mahnmale.

„Geen Dienst“ steht auf dem Hinweisschild an ihrer Vorderseite geschrieben, „Außer Dienst“. In einer Bahn waren am Montagmorgen um 10.45 Uhr Schüsse gefallen, drei Menschen starben, fünf wurden verletzt - davon drei schwer.

„Dort bei der Tram lag sie“, sagt ein Mann mit einem Fahrrad und zeigt auf die gelbe Straßenbahn. „Da lag eine Tote, unter einem weißen Laken.“

Knapp acht Stunden lang ist Utrecht im Bann von Terror und Angst. Ein Terroranschlag wird nicht ausgeschlossen. Und der mutmaßliche Täter ist zunächst nicht gefunden. Keiner weiß, ob nicht noch ein Anschlag folgt.

Polizei und Bürgermeister widersprechen sich in Bezug auf Verdächtige

Es herrscht höchste Alarmstufe in der Provinz. Bürger in Utrecht sollen die Häuser nicht verlassen. Erst gegen 18.30 Uhr kommt plötzlich Entwarnung: Die Polizei hat den Hauptverdächtigen festgenommen. Über sein Motiv wird aber weiter gerätselt.

Zwei weitere zunächst festgenommene Männer wurden am Dienstag wieder freigelassen worden. Sie hätten nichts mit der Tat zu tun, sagte der Bürgermeister. Die Polizei widersprach dieser Schilderung kurz darauf. Es seien immer noch drei Verdächtige in Gewahrsam. 

Drei Tote bei mutmaßlich „terroristischem“ Angriff in Utrecht 

Terrorismus als Motiv gilt inzwischen als wahrscheinlich. Aber zugleich gibt es auch Hinweise, dass der Angriff eine entsetzliche Beziehungstat sein könnte. Der Verdächtige, ein 37-jähriger türkischstämmiger Mann, hat ein langes Vorstrafenregister - auch wegen Gewalttaten.

Noch vor wenigen Wochen stand er wegen des Vorwurfes der Vergewaltigung vor Gericht. Nachbarn und Bekannte sagten dem niederländischen Radio, dass er die Scheidung von seiner Frau nicht verkraftet habe.

Karte_Utrecht_Terror_18032019 © AFP Karte_Utrecht_Terror_18032019

Dazu passen die Schilderungen von Augenzeugen. Der Mann habe gezielt auf eine Frau geschossen, sagte der junge Niederländer Niels der Zeitung De Gelderlander. Drei, vier Männer wollten der Frau helfen, war sein Eindruck. Und dann schoss der Täter erneut, so erinnert sich Niels. „Er zielte auf die Leute, die versuchten, der Frau zu helfen.“

Verwandte des Täters unter den Opfern in Utrecht?

Die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete unter Berufung auf Familienangehörige des Tatverdächtigen, er habe auf eine Verwandte geschossen. 

Daan Molenaar saß in der Straßenbahn, in der der Täter das Feuer eröffnete. Molenaar war in den vordersten Teil der Bahn gestiegen, wie er im niederländischen Radio erzählt. „Das war mein Glück.“

Auf einmal habe die Bahn gestoppt. Zuerst habe er nicht kapiert, was los sei. Die Türen seien noch zu gewesen. Und dann habe er die Frau gesehen, sagte er dem Reporter. „Zunächst dachte ich: ein Unfall.“ Dann hätten ein paar Leute die Frau weggetragen. Dann erst habe er den Mann mit der Pistole gesehen. „Und dann dachte ich: Schnell weg hier.“ Als die Türen der Straßenbahn aufgegangen seien, seien die Passagiere rausgerannt. Man habe erneut Schüsse gehört. „Wie in einem amerikanischen Western.“

Utrecht_Einsatz © AFP Utrecht_Einsatz

Stunden später liegt der Tatort fast verlassen da. Mit rot-weißen Bändern hat die Polizei den Platz und die angrenzenden Wohnviertel weiträumig abgesperrt. Der Platz ist ein gesichtsloser Verkehrsknotenpunkt mit einer Hochstraße, rund herum stehen Bürohochhäuser, an der Ecke ist eine Tankstelle. Polizisten kontrollieren die Zufahrtswege, Krankenwagen stehen an der Tankstelle.

Angriff in Utrecht: „Wir haben Angst“ 

Auf den Straßen der sonst so gemütlichen Studentenstadt ist es ungewöhnlich ruhig. Kaum ein Fahrrad ist zu sehen, nur wenige Menschen sind unterwegs. Die Polizei fordert die Bürger auf, in ihren Häusern zu bleiben, bis der mutmaßliche Täter gefasst sei. Schulen und Büros schließen die Türen. Über dem Viertel kreisen die Hubschrauber der Polizei.

Das Ehepaar De Groot steht am Wohnzimmerfenster seines kleinen Reihenhauses aus rotem Backstein. Beide schauen fassungslos auf das Treiben auf dem Platz vor ihrem Vorgarten. „Schrecklich, schrecklich“, stammelt die ältere Dame immer wieder. Sie war durch die Sirenen der Polizei aufgeschreckt worden, wie sie durch die verschlossene Haustür sagt. „Wir machen nicht mehr auf, wir haben Angst.“

„Ich muss zu meinen Kindern“, ruft verzweifelt eine junge Frau in einem knallgelben Mantel. Acht und sieben Jahre alt seien sie, erzählt sie. „Die Schule hat angerufen, ich muss sie abholen.“ Doch ratlos schaut sie auf die rot-weißen Absperrbänder. Keine Ahnung, wie sie nun zur Schule kommen soll.

In einem nahe gelegenen Hotel lässt Manager Reint van Rooij die Tür nur noch von Hand öffnen. „Vorsichtsmaßnahme, auf Anraten der Polizei“, sagt er. Die meisten Gäste hatten am Morgen bereits ausgecheckt, als die Schüsse nur wenige Meter entfernt gefallen waren.

Das Stadtviertel Kanaleneiland, in dem die Schüsse fielen, ist häufiger als sozialer Brennpunkt negativ in den Schlagzeilen gewesen. „Es ist furchtbar für die Opfer und die Familien.“ sagt van Rooij. „Was auch immer es war, Terror oder nicht.“

Die 49-jährige Linda aus Groningen sitzt im Café des Hotels. „Ich hätte in der Straßenbahn sitzen sollen“, sagt sie mit zitternder Stimme. Wegen eines Streiks am Morgen war sie aber später als geplant in Utrecht angekommen. „Da war die Bahn schon weg.“  

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