Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Chaotisch und lebensgefährlich: Der Öffentliche Nahverkehr in Rom hat es in sich

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 17.05.2018 berliner-zeitung
Der Linienbus, der in der Nähe des Tevi-Brunnen in Flammen aufging – schwer verletzt wurde glücklicherweise niemand.: Der Öffentliche Nahverkehr in Rom hat es in sich © dpa Der Öffentliche Nahverkehr in Rom hat es in sich

Die dramatische Szene, festgehalten auf Handy-Videos von Touristen und Einheimischen, spielte sich in der Einkaufsstraße Via del Tritone mitten ab, nur wenige hundert Meter vom weltberühmten Trevi-Brunnen entfernt: Aus dem Heck eines Stadtbusses quillt dichter Rauch, darunter breiten sich Flammen aus. Dann gibt es einen gewaltigen Knall, der Bus explodiert, wird zum Feuerball, eine schwarze Rauchsäule steigt an den Fassaden auf, die Vitrinen umliegender Geschäfte platzen, Schaulustige und Passanten flüchten.

Das könnte Sie auch interessieren:

Israel bombardiert Ziele im Gazastreifen

Die Explosion in der vergangenen Woche war im ganzen historischen Zentrum Roms zu hören. Verletzt wurde glücklicherweise nur die Verkäuferin der Boutique, vor der der Bus gestoppt hatte, sie erlitt leichte Verbrennungen. Die Insassen hatte der Fahrer rechtzeitig auf die Straße gescheucht.

Andernorts wäre Panik ausgebrochen, jeder hätte sofort an einen Terroranschlag gedacht. Nicht so in Italiens Hauptstadt. „Nur in Rom explodiert ein Bus und die Leute machen sofort die Atac als Schuldigen aus“, twitterte eine Journalistin der Zeitung La Repubblica wenig später. Atac, Abkürzung für „Azienda Tranvie ed Autobus del Comune di Roma“, das sind die städtischen Verkehrsbetriebe – sie gehören zu den marodesten Europas.

Warum brennen die Busse?

Brennende Busse erhitzen die Gemüter in der Ewigen Stadt nicht erst seit dem Knall in der Via del Tritone. Allein dieses Jahr sind schon zehn Stadtbusse in Flammen aufgegangen, inklusive dem, der ebenfalls am Dienstag in einem Viertel an der Peripherie ausbrannte. 169 waren es in den vergangenen drei Jahren, wie La Repubblica unter Berufung auf Atac-Techniker berichtete. Auf Twitter gibt es sogar einen Hashtag, „Flambus“ heißt er, unter dem wütende Römer die Fotos posten und beißende Kommentare abgeben – über die Atac und über Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Protestbewegung Fünf Sterne. Sie war vor bald zwei Jahren gewählt worden, unter anderem wegen des großen Unmuts über das Atac-Chaos. Verbessert hat sich seither gar nichts.

Warum brennen die Busse? Weil sie kaum oder schlecht gewartet werden, erklären Experten. Wenn Stromversorgungskabel blank liegen oder Kühlflüssigkeit fehle, genüge manchmal ein Funke.

Der öffentliche Nahverkehr ist ein Dauer-Aufreger für die knapp drei Millionen Römer. Jahrzehntelanges Missmanagement, Vetternwirtschaft und Korruption haben die städtische Atac ruiniert. Sie ist mit 1,4 Milliarden Euro verschuldet und stand vergangenen Sommer vor der Pleite. Zur Abwendung der Insolvenz läuft ein Vergleichsverfahren. Raggi hat schon vier Chefs ernannt und wieder abgesetzt. Die Atac zu sanieren scheint ebenso unmöglich wie eine Lösung für das römische Verkehrsproblem zu finden. Die Millionenstadt hat nur zweieinhalb Metrolinien und die höchste Autodichte Europas. Dauerstau ist die Folge.

50.000 Schlaglöcher in Rom

Roms Busse und Bahnen sind außerdem hoffnungslos überaltert. Die Busse haben im Schnitt 13 Jahre auf dem Buckel, in anderen europäischen Metropolen sind es acht. Die beiden am Mittwoch ausgebrannten Fahrzeuge waren gar seit mehr als 15 Jahren im Dienst. So kommt es, dass von den 1300 Stadtbussen täglich etwa ein Drittel defekt ist und im Depot bleibt. Zuletzt waren der Atac wegen der drohenden Pleite gar keine Ersatzteile mehr geliefert worden.

Diejenigen Busse, die noch fahren, sind schmutzig und überfüllt. Gut festhalten ist angesichts des holprigen Kopfsteinpflasters und der laut offizieller Zählung 50.000 Schlaglöcher in Roms Straßen angeraten. Es kann einem auch passieren, dass plötzlich scheppernd ein Teil der Plastikverkleidung von der Decke fällt und der Fahrer nicht einmal anhält, um nachzusehen.

Viele Römer fahren schwarz

Und Busfahren in Rom kann nicht nur gefährlich sein. Man muss auch gefühlt das halbe Leben an den Haltestellen stehen, wo es bezeichnenderweise keine Fahrpläne gibt. Wartezeiten von bis zu einer Stunde sind keine Seltenheit. Es mangelt häufig nicht nur an Fahrzeugen, sondern auch an Fahrern. Dabei hat die Atac 12.000 Mitarbeiter, mehr als die Fluglinie Alitalia. 2000 von ihnen melden sich täglich krank. Auch gestreikt wird sehr regelmäßig, die Belegschaft ist in elf verschiedenen Gewerkschaften organisiert. An Silvesterabenden etwa macht die Atac alljährlich ab 21 Uhr Feierabend.

Bei so viel Ungemach fahren viele Römer einfach schwarz, obwohl das Einzelticket mit 1,50 Euro und die Jahreskarte mit 250 Euro günstig sind. Die Einnahmen der Verkehrsbetriebe sind entsprechend gering.

Bürgermeisterin Raggi versuchte nach der Explosion in der Via del Tritone damit zu trösten, dass Rom bereits 600 neue Busse bestellt habe. Dafür habe man 170 Millionen Euro freigeschaufelt. Aber erstens sind es zu wenige, zweitens könnte es wegen ausufernder Bürokratie drei Jahre dauern, bis sie auf den Straßen sind. Bis dahin werden wohl noch einige „Flambus“-Fotos hinzukommen.

Mehr auf MSN:

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Berliner Zeitung

Berliner Zeitung
Berliner Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon