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Corona-Demonstration: Sie sind die zweite Welle

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 2 Tagen Dominik Drutschmann

Die Corona-Skeptiker schienen fast verstummt zu sein. In Berlin zeigt sich, dass in der Bewegung immer noch Wucht steckt – und eine Menge Widersprüche.

Menschen protestieren gegen die Corona-Schutzmaßnahmen vor dem Brandenburger Tor in Berlin © John MacDougall/​Getty Images Menschen protestieren gegen die Corona-Schutzmaßnahmen vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Terminator2 lässt keinen Zweifel, was er von den Corona-Maßnahmen hält: "ALLE AUFSTEHEN WIDERSETZT EUCH DIESER WILLKÜR". Sunshine will aber nicht aufstehen. Sie bleibe zu Hause, weil sie an ihrem "Platz energetisch am stärksten" ist. Beide Accounts schreiben in der Telegram-Gruppe "Freiheits-Chat", wo sie zum Widerstand aufrufen.

Was im Netz brodelt, zeigt sich auch auf der Straße. An diesem Samstag haben sich Tausende Corona-Kritiker in Berlin zur Demo "Das Ende der Pandemie – Der Tag der Freiheit" eingefunden. Was auf der Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule geschieht, ist genauso absurd, wie es Terminator2 und Sunshine vermuten lassen.

Die Gegensätze stehen dicht gedrängt und ohne Maske nebeneinander. Ein Mann hat sich eine Pace-Flagge um den dürren Leib gehängt. Der Regenbogenstoff berührt fast die Reichsflagge, die dem Nachbarn aus dem Rucksack lugt. Beide lauschen den Worten von Michael Ballweg, dem Initiator der Stuttgarter Bewegung "Querdenken 711", der die Veranstaltung gegen 15:30 Uhr eröffnet.

Viel Beifall, viel Gegröle, ein paar Menschen haben Trillerpfeifen dabei. Eine Frau mit Strohhut und umgehängter Deutschland-Flagge hockt auf dem Bürgersteig und wirkt komplett überwältigt. Sie weint hemmungslos, so gerührt ist sie. Alle feiern Ballweg, sich selbst und die Bewegung.

Demonstranten im Tiergarten in Berlin, im Hintergrund eine in rechtsradikalen Kreisen gezeigte Reichsflagge © Dominik Drutschmann/​ZEIT ONLINE Demonstranten im Tiergarten in Berlin, im Hintergrund eine in rechtsradikalen Kreisen gezeigte Reichsflagge

Darum geht es an diesem Samstag: Zeigen, dass man da ist. Dass es viele sind. Auch die Veranstalter um die Initiative "Querdenken 711" und die Hygiene-Demo-Veteranen von "Nicht ohne uns" wollten nochmal am ganz großen Rad drehen. Eine halbe Million Menschen würden kommen, hieß es. Kurz vor der Veranstaltung wurde die erwartete Teilnehmerzahl auf 10.000 nach unten korrigiert. Wie viele es am Ende waren, darüber gehen die Meinungen auseinander. Und damit ist man mittendrin im Kampf um die Wahrheit.

Es kommt darauf an, wen man fragt. Etwa den Mann aus der Nähe von Kassel, der gestern extra nach Berlin angereist ist. "Das sind hier mindestens 800.000 Leute, eher eine Million. Wie bei der Loveparade". Er ist einer der wenigen, die überhaupt eine Maske tragen, auch wenn sie ihm unterm Kinn hängt.

Auf der Bühne machen sie die Demonstration noch etwas größer: "Hier sind 1,3 Millionen Menschen", ruft Nana Lifestyler, der Moderator der Veranstaltung. "Das ist die größte und friedlichste Veranstaltung in der Geschichte der Bundesrepublik." Die Polizei Berlin spricht am Abend von etwa 20.000 Personen. Wahrheit ist, was man daraus macht.

"Wir sind die zweite Welle!"

Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor versammeln sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Da ist die Familie aus Hamburg. Vater, Mutter, Kind. Warum sie an diesem herrlichen Augusttag nicht lieber am Elbstrand baden? "Weil wir uns von denen nicht mehr vera*** lassen", sagt die Mutter und schiebt nach: "Ich denke dabei immer auch an die Kleine". Dass sie jetzt hier mit dabei ist, womöglich die zweite Welle des Virus zu verursachen, ist ihr bewusst. "Das finde ich bescheiden", sagt sie, "aber es ist wichtiger, in Freiheit zu leben."

Andere haben weniger Probleme, das Virus womöglich weiterzuverbreiten. Statt "Wir sind das Volk" skandieren viele "Wir sind die zweite Welle!" Das Bild der Welle ist ein gutes Symbol für die Demonstration: Was zählt, ist Corona. Andere politische Überzeugungen verlieren sich in der Sogkraft der Bewegung.

Eine Bewegung, die trotz aller Unterschiede eng zusammensteht. Um 15:56 Uhr, keine halbe Stunde nachdem die Veranstaltung eröffnet wurde, geben die Organisatoren bekannt, dass die Polizei sie beendet habe. Kaum jemand trägt eine Maske, fast niemand hält die Abstände ein. Trotzdem können es viele nicht fassen. "Danke Merkel", sagt einer und meint das offenbar ernst. Die Veranstalter rufen zum Widerstand auf. Die Teilnehmer setzen sich auf den Boden und skandieren: "Wir bleiben hier."

Im Tiergarten, einige Meter abseits der Straße, weigert sich ein Arzt aus Hagen zurückzuweichen. Der Mann – in Deutschland geboren, Sohn afrikanischer Einwanderer – demonstriert gemeinsam mit Menschen unter der Reichsflagge gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. "Solange die Grundrechte ausgesetzt sind, ist jeder Kämpfer für die Sache ein guter Kämpfer", sagt er. Wenn man wieder frei sei, könne man anfangen über rechts und links zu diskutieren.

Reichsbürger, Rechtsradikale und Verschwörungsideologen geben den Ton an

Der Mann aus Kassel, der sich an die Loveparade erinnert fühlt, spricht aus, was viele andeuten. Corona sei doch nur der Start einer womöglich viel größeren Sache. Und deswegen sei es auch so wichtig, sich dagegen zu stemmen. Es gehe um die individuelle Freiheit, aber auch um das Überleben von Wirtschaftssystemen. "Das sind Gefahren, die viele heute nicht sehen. Etwa, dass ausländische Investoren Deutschland aufkaufen." Um das zu verhindern, ist er aus Kassel nach Berlin gefahren.

Weniger weit hatte es der ältere Herr, Typ Rainer Langhans, der unter einem Baum etwas abseits des Geschehens steht. Für den Berliner ist die Sache klar. Er ist für Frieden und hat deswegen auch kein Problem mit den Reichsflaggen. Wie das zusammenpasst? Die BRD hätte niemals einen Friedensvertrag unterzeichnet, daher müsste man zurück ins Deutsche Reich, sagt er. Die Reichsflagge sei demnach nur faktisch korrekt.

Reichsbürger, Rechtsradikale und Verschwörungsideologen geben den Ton auf der Demonstration an. Sie widersetzen sich auch den Anordnungen der Polizei. Gegen 19 Uhr haben es die Beamten immer noch nicht geschafft, alle Menschen von der Straße zu bekommen. Etwa 4.000 sind der Polizei zufolge in Richtung Reichstagswiese weitergezogen, rund 2.000 Personen protestieren weiter vor dem Bundeskanzleramt. Vielleicht ist auch Terminator2 dabei.


Video: Orte mit kuriosen Namen - Teil 3 (Kabel1)

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