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Corona hat eine neue Weinerlichkeit hervorgebracht

WELT-Logo WELT 21.11.2020 Jacques Schuster
Jacques Schuster muss feststellen, dass ein gekränkter Narzissmus um sich greift, der dazu führt, dass mehr und mehr Menschen rabiat werden Quelle: Claudius Pflug © Claudius Pflug Jacques Schuster muss feststellen, dass ein gekränkter Narzissmus um sich greift, der dazu führt, dass mehr und mehr Menschen rabiat werden Quelle: Claudius Pflug

Wir leben in postheroischen Zeiten. Nur aus dieser Lage heraus lässt sich der Schwall rhetorischer Imperative, der Hang zur hysterischen Übertreibung und die greinende Weinerlichkeit erklären, die viele Landsleute in der Pandemie an den Tag legen. Wut und Maßlosigkeit liegen in der Luft.

Verstärkt wird das trübe Gemisch durch die sozialen Medien, diese großartige Erfindung, mit deren Hilfe es zum ersten Mal seit Anbruch des bürgerlichen Zeitalters gelungen ist, das Unbewusste, im Freud’schen Sinne das ES, völlig unzensiert in die Öffentlichkeit zu spülen: mal als braune Suppe, mal als Gewaltfantasie, immer übellaunig, stets wehleidig und zur Übertreibung bereit.

Debattieren Schul- und Gesundheitsexperten über die Möglichkeit, eine Maskenpflicht für Grundschüler im Unterricht zu verordnen, wägt keiner der Empörten nüchtern Gründe und Gegengründe. Lieber wird in pathetischem Ton an die Würde des Menschen erinnert, die in der eiskalten Bundesrepublik wieder einmal geschändet werde.

Müssen Schüler für mehrere Wochen in Quarantäne, die weder für Eltern noch für Kinder ein Zuckerschlecken ist, heißt es sofort, nun sei das Leben der Kleinen verspielt. Dahin seien ihre Chancen, von den seelischen Folgen abgesehen, welche die „Generation Trauma“ ein Leben lang so begleiten werde wie der Wächter den Gefangenen.

Ermöglicht ein neues Infektionsschutzgesetz – so unvollkommen es auch sein mag – einen zeitlich begrenzten Ausnahmezustand, der einer Demokratie angemessen ist, wird die Impfdiktatur an den wolkenverhangenen Himmel über Berlin gemalt und an das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 erinnert.

„In Deutschland besteht die Unart, aus jeder moralischen und politischen Delegitimierung eine Probe aufs Exempel antifaschistischer Gesinnung zu machen“, schrieb der Philosoph Hermann Lübbe vor Jahrzehnten. Das gilt bis heute. Hinzu kommt ein schaurig-schönes Gefühl. Es stellt sich immer dann ein, wenn sich die Nazi-Zeit beschwören lässt, um ihr ein mutiges „Nie wieder!“ entgegenzusetzen. Offenbar ist man geneigt, den Widerstand, den es in diesem Volk der Mitläufer und Täter während des „Dritten Reichs“ nicht gab, wenigstens im Nachhinein zu leisten. Was der Vergleich sonst bringen soll, weiß niemand, der denken kann.

Es ist sonderbar: Einerseits durchwandern die Deutschen ihre Vergangenheit wieder und wieder, andererseits legen sie unter der Bürde der Corona-Tage schwere Gedächtnislücken an den Tag. Hat das Virus das Erinnerungsvermögen getrübt?

Bislang hieß es: Sogar die später Geborenen, die selbst keine Katastrophenjahre mehr mitgemacht haben, trügen eine Art von Erinnerung, ein Vorgeburtstrauma in sich, das sie eher zu Skepsis und Vernunft als zu Maßlosigkeit anhalte. Nichts da! Die Vergangenheit ist ein fremdes Land geworden.

Wäre es anders, würde sich die Mehrheit der Landsleute an die Lage der Schulen 1944/45, an die frierenden Kinder, die Wanzen und Flöhe in den Pritschen der Luftschutzkeller, den Bombenhagel auf die Städte und an die Totenhaufen auf den Straßen erinnern. Damals gab es keine Regierung, welche den Menschen 75 Prozent ihres letzten Bruttoumsatzes in Friedenszeiten nach dem ganzen Kladderadatsch überwies. Waren die damaligen Kinder – unsere Eltern und Großeltern – eine verlorene Generation? Immerhin ist aus ihnen und diesem Land etwas geworden – und keinesfalls eine Nation ärmlicher, psychisch gestörter Straßenfeger.

„Habter’s nich ne Numma kleena?“, ist man geneigt wie ein Berliner zu fragen, würde es etwas bringen und wäre die Atmosphäre nicht derart aufgeladen. Nein, eine Nummer kleiner geht es wohl nicht. Woran das liegt, lässt sich mithilfe von Sigmund Freud erklären. „Der Mensch ist eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen“, stellte der Vater der Psychoanalyse in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ fest.

In der 70-jährigen Friedenszeit der Bundesrepublik, in welcher die Gesellschaft immer wohlhabender wurde und die technischen Möglichkeiten stetig ausgefallener, haben wir vergessen, was für falsche Götter wir sind.

Bis kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie haben sich die meisten gefühlt, als ritten sie auf dem Kamm einer Woge der Zukunft entgegen. Krankheiten wurden verdrängt. Mehr und mehr galt der Tod vor dem 100. Geburtstag als ein peinlicher Kunstfehler der Medizin. Und wenn der moderne Mensch doch sterben muss, dann gefälligst hinter verschlossenen Türen!

Corona hat das Land wachgerüttelt

Und nun? Jeden Tag hört man neue Hiobsbotschaften vom Robert-Koch-Institut, nimmt ständig höhere Sterberaten zur Kenntnis, sieht neue Fernsehbilder aus Intensivstationen; dazu der Blick hinter die verschlossenen Glastüren der Alten- und Pflegeheime.

Dort zeigt sich ein Spalier müder, brütender und vom Leben gezeichneter Köpfe, Schädel wie Einöden, bedeckt von braunen Altersflecken, kantig und kahl – hinter FFP2-Masken die verlorenen Gesichter unserer Verwandten.

Corona hat das Land wachgerüttelt und gezeigt, was wir in der bisherigen Behaglichkeit, im Frieden, im Käferglück eines engen Horizontes verdrängt hatten: die Vulnerabilität der Gesellschaft, die Verletzlichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert, dieser Götter, die vergaßen, dass sie Prothesen trugen – vom iPod über den Billigflug rund um die Welt bis hin zum Elektroauto.

Es ist die Erinnerung an die eigene Machtlosigkeit, das Wissen um die Traurigkeit und die Ohnmacht aller Menschendinge durch ein Justament-auch-Wissen um ihre Lächerlichkeit und Geringfügigkeit, das sich in der Pandemie wie eine schleichende Sepsis verbreitet. Ein gekränkter Narzissmus greift um sich.

Er führt dazu, dass mehr und mehr Menschen rabiat werden. In diesem Gefühl der Verletztheit wird jeder Maulwurfshügel zum Mount Everest, die an sich läppische Maskenpflicht zu einem Verbrechen und ein so bemühter wie harmloser Gesundheitsminister zum Fürsten der Finsternis.

Geht es so weiter mit der Pandemie, wanken wir von einem Lockdown light in den nächsten, wird sich Deutschland zunehmend in einen Herd nervöser Maßlosigkeit verwandeln. Auch das zeigt Corona: Es gibt keine Schwarmintelligenz! Leider.

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