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Der große Wurf: Das Eisbär-Mädchen darf erstmals an die frische Luft

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 15.03.2019 Petra Ahne
Der große Wurf: Das Eisbär-Mädchen darf erstmals an die frische Luft © dpa/Steffen Freiling Der große Wurf: Das Eisbär-Mädchen darf erstmals an die frische Luft

Das Tier, das seit Monaten einen großen Teil seiner Arbeitszeit in Anspruch nimmt, hat Florian Sicks noch nie gesehen. In echt jedenfalls. Wenn er wissen will, was es gerade macht, geht er zum Computer in seinem Büro, drückt eine Taste, und auf dem Monitor erscheinen sechs Schwarz-Weiß-Bilder. Die Wurfbox im Eisbären-Gehege von oben, von schräg oben, von vorn, von der Seite.

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Sterblichkeit bei neugeborenen Eisbären ist hoch

Man sieht: einen Eisbären, groß und massig wie ein weißer Fels. Man hört: ein tiefes gurgelndes Geräusch, das nach ein paar Sekunden endet und nach kurzer Pause wieder losgeht, immer wieder. „Es trinkt“, sagt Florian Sicks, Säugetier-Kurator im Tierpark, und drückt auf die Kameraeinstellung, die die beste Perspektive verspricht. Auf ganzer Monitorgröße sieht man nun einen großen Eisbären, auf dem Hinterteil sitzend. Und davor, mit dem weißen Fell fast verschmelzend, einen sehr kleinen Eisbären. Er sitzt auch, den Kopf reckt er hoch zu einer der Zitzen des großen Tiers. Er umklammert sie mit dem Maul.

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Ein Bild von großer Innigkeit, für Florian Sicks ist aber etwas anderes wichtig: Das Eisbär-Mädchen, drei Monate alt, kann jetzt im Sitzen trinken. Ein wichtiger Entwicklungsschritt, ein weiterer Grund zur Hoffnung, dass diesmal alles gut geht. Die letzten beiden Male hatte der Nachwuchs von Tonja, der Eisbärin aus dem Tierpark, nicht überlebt. Vor gut einem Jahr starb ihr Kind mit 26 Tagen an einer Lungenentzündung und vor zwei Jahren Sohn Fritz an Leberversagen, mit vier Monaten. Die Sterblichkeit bei neugeborenen Eisbären ist hoch, nimmt nach zwei Wochen aber stark ab. Beide Todesfälle kamen überraschend, vor allem der von Fritz, kurz bevor er öffentlich vorgestellt werden sollte. Der Grund für das Leberversagen wurde nie geklärt.

„Knutomanie“ ließ Besucherzahlen um ein Drittel steigen

Der Auftritt, den Fritz nicht mehr erlebte, steht nun dem noch namenlosen Eisbär-Mädchen bevor. Freitag wird die Tür zwischen der Wurfhöhle und dem Freigehege zum ersten Mal geöffnet. Und unter den Augen von Zoo-Mitarbeitern und Journalisten wird es mit seiner Mutter nach draußen gehen – oder auch nicht. Ab Samstag werden dann die Parkbesucher dem Eisbär-Kind bei seinen Ausflügen zusehen können.

Es werden viele Besucher sein, so viel ist jetzt schon klar. Dass ein kleiner Eisbär die Attraktivität eines Zoos dramatisch steigern und ein echter Wirtschaftsfaktor sein kann, hat sich zuletzt an Knut gezeigt.

Knut kam 2006 im Berliner Zoo zur Welt, wurde von seiner Mutter nicht angenommen und von Hand aufgezogen. Die „Knutomanie“, wie die Begeisterung für ihn bald genannt wurde, ging in dem Moment los, in dem der Zoo die Geschichte vom verlassenen Eisbärenbaby verbreitete, da war Knut vier Wochen alt. Als er zum ersten Mal auf dem Freigelände zu sehen war, war er schon ein Star, 30.000 Menschen kamen. So ging es weiter, die Zoo-Aktien stiegen um 67 Prozent, die Besucherzahlen um ein Drittel. In den ersten Monaten tollte Knut zweimal am Tag mit seinem Pfleger Thomas Dörflein durchs Gehege.

Knut wuchs, mit seiner Niedlichkeit schwand die Begeisterung für ihn, und als er mit vier Jahren im Wasserbecken ertrank – er war an einer Hirnhautentzündung erkrankt – erschien das Kritikern wie das passende Ende eines nicht artgerechten Zootier-Lebens.

Eisbären-Nachwuchs bedeutet Chance für den Berliner Zoo

„Wir werden es anders machen als bei Knut“, sagt Tierparkchef Andreas Knieriem im Besprechungsraum in Schloss Friedrichsfelde, einem schmucken Barockbau auf dem Tierpark-Gelände. Anders ist es ohnehin, denn das neue Eisbär-Mädchen wird von seiner Mutter aufgezogen. Aber Knieriem meint das grundsätzlicher.

Auch für ihn bedeutet der Nachwuchs eine Chance. Er ist seit fünf Jahren Direktor der zwei Berliner Zoos. Er hat den umstrittenen Bernhard Blaszkiewitz abgelöst und zwei Institutionen übernommen, die weit von dem entfernt waren, was inzwischen als zeitgemäße Zootierhaltung gilt. Eine davon hatte viel zu wenige Besucher. Der Tierpark stand vor der Insolvenz. Knieriem, dem ein Ruf als Erneuerer vorausging und der zuvor in München Zoochef war, entschied sich für den großen Wurf und entwickelte einen Masterplan für beide Standorte, der allein für den Tierpark bis 2030 Investitionen von 92 Millionen Euro vorsieht.

Tierschützer wollen keine Eisbären im Zoo sehen

Schon kleine Maßnahmen zeigten Wirkung, ein renovierter Haupteingang, modernere Schautafeln, einladendere Restaurants. Die Besucherzahlen im Tierpark haben sich stabilisiert. Die Frage, ob eine Stadt zwei Zoos braucht, auch wenn es dafür im einst geteilten Berlin historische Gründe gibt, stellt niemand mehr. Noch in diesem Jahr soll der erste spektakuläre Umbau vollendet und das Alfred-Brehm-Haus als Regenwald-Landschaft wiedereröffnet werden. Alles in allem bleibt so eine Zoo-Erneuerung aber ein langwieriges Projekt, für das immer wieder Geld aufgetrieben werden muss.

Mit einem Eisbärbaby hat man immerhin von einem Tag auf den anderen eine Attraktion. Es ist eine Gelegenheit, neue Besucher zu gewinnen und ihnen nahezubringen, wie man sich gute Tierhaltung im Zoo vorstellt. Gerade bei einer Art wie dem Eisbären, dem größten Landraubtier, heimisch in den Weiten der Arktis, bedroht von Klimawandel und Meeresverschmutzung. Eine Art, von der Tierschützer sagen, sie gehöre nicht in den Zoo.

Eisbärbaby hat gute Chancen auf langes Leben im Zoo

Die Außenanlage der Eisbären besteht aus einem imposanten, Steinberg mit vielen Abstufungen, umgeben von einem Wassergraben, zu dem hin die Anlage steil abfällt. Kurator Sicks sagt, dass das Gelände in den 50er-Jahren mithilfe eines Bildhauers geplant wurde, der entschied, welches der riesigen Granitstücke, die von der zerbombten Reichsbank stammten, wo platziert werden sollte. So ein Baumaterial wäre jetzt unbezahlbar, sagt Tierparkchef Knieriem. Er findet die Anlage „in Ordnung“: groß, naturnah. Nicht wie andere im Tierpark, wo es erst mal darum ging, „aufzuhören, einen bemitleidenswerten Zustand zu zeigen“.

Das großzügige Eisbärgehege erlaubt, für Abwechslung zu sorgen, Futter auch mal zu verstecken, Düfte zu platzieren, eine Schwimminsel zum Spielen ins Wasser zu legen. Beschäftigung ist wichtig. Zufrieden ist Knieriem aber nicht. Im kommenden Jahr will er anfangen, Geld für eine zweite Anlage zu sammeln. Platz genug ist da. Dann könnte man auch zwei Eisbären halten – getrennt. Sie sind Einzelgänger, auch dieses Wissen schlägt sich nun in der Zoo-Haltung nieder. Vor zehn Jahren lebten in der Anlage noch vier Tiere, anfangs neun.

Ganz hinten, am Rand der Felsenlandschaft, ist eine Tür. Sie führt zur Wurfhöhle, in der ein Eisbär-Baby nicht ahnt, dass sich seine Welt bald sehr vergrößern wird. Und das nie erfahren wird, dass seine Artgenossen im Packeis der Arktis zu Hause sind. Es hat gute Chancen, ein langes Zootier-Leben zu führen. Und vielleicht sogar ein gar nicht so schlechtes. 

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