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Die falsche Anna

SZ.de-Logo SZ.de 26.04.2019 Von Johanna Bruckner, New York
Im Fall einer Verurteilung droht Anna Sorokin eine jahrelange Haftstrafe. © dpa Im Fall einer Verurteilung droht Anna Sorokin eine jahrelange Haftstrafe.

• In New York ist eine Hochstaplerin für schuldig befunden worden, deren Fall international für Aufsehen sorgte.

• Anna Sorokin gab sich als deutsche Erbin Anna Delvey aus und prellte so New Yorker Luxushotels.

• Von verschiedenen Banken versuchte sie einen 22-Millionen-Dollar-Kredit für ein angebliches Kunstprojekt zu bekommen.

Am ersten Prozesstag Ende März erscheint Anna Sorokin in einem ärmellosen, tiefausgeschnittenen Kleid vor dem New Yorker Gericht. Ihre Brille mit dem markanten schwarzen Rahmen wirkt ein bisschen zu groß für ihr Gesicht - so wie es derzeit modern ist. Online ist nachzulesen, von welchen Designern die einzelnen Teile stammen. Kleid: MiuMiu oder Michael Kors, da sind sich das Boulevardblatt New York Post und der noch junge Instagram-Account "AnnaDelveyCourtLooks" uneins. Pullover zum Überziehen: H&M. Brille: Celine. Als in Woche zwei zum dritten Mal ein Verhandlungstag mit erheblicher Verspätung beginnt, weil sich die 28-Jährige weigert, in der ihr zur Verfügung stehenden Kleidung den Gerichtssaal zu betreten, wird Richterin Diane Kiesel unwirsch: "Das ist keine Modenschau!", belehrt sie die Angeklagte. Sorokin beginnt daraufhin zu weinen.

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Ob die Tränen echt sind? Wer weiß das schon bei einer Frau, die es als Hochstaplerin zu einiger Berühmtheit gebracht hat. In New York trat Sorokin als Erbin Anna Delvey aus Deutschland auf. Mit ihrem Märchen von einem angeblichen Millionenvermögen erschlich sich die falsche Anna das Vertrauen von Luxushotels, Banken und Freunden. Manche waren wohlhabend, andere nicht - von allen "lieh" sich Delvey Geld. Zurückblieb ein gewaltiger Schuldenberg.

Das New York Magazine und die Vanity Fair haben jeweils große Geschichten über Sorokin veröffentlicht (letztere geschrieben von einem mutmaßlichen Opfer Sorokins). Netflix will ihre Geschichte verfilmen, das Drehbuch soll Shonda Rhimes schreiben - von ihr stammen Erfolgsserien wie Grey's Anatomy und Scandal. Die Geschichte der Anna Delvey geht also weiter. Die von Anna Sorokin findet am Donnerstag vor dem New York State Supreme Court ihr vorläufiges Ende. Dort musste sich die 28-Jährige wegen schweren Diebstahls und der Erschleichung von Dienstleistungen verantworten - in den meisten Anklagepunkten befindet die Jury sie für schuldig.

Ein angeblicher Millionen-Trust-Fund und hochfliegende Pläne

Es ist wohl auch die Chuzpe, mit der Sorokin vorging, die ihre kriminelle Karriere zum attraktiven Unterhaltungsstoff macht. So mietete sie sich über Monate im noblen "11 Howard" in Soho ein, wo die Nacht in einem Zimmer der mittleren Kategorie 400 Dollar kostet. Ihre Geburtstagsparty ließ sie von einer PR-Firma planen und Freunde lud sie zu einem Luxustrip nach Marokko ein - Unterkunft mit eigenem Butler inklusive. Ihr ausschweifendes Leben bezahlte sie entweder gar nicht oder mit Geld, das ihr nicht gehörte. Vor Gericht ging es um insgesamt 275 000 Dollar.

Ganze zehn Monate dauerte es, bis Anna Delveys Scharade in New York aufflog. Das mag auch daran liegen, dass diese Stadt der Superlative besonders anfällig ist für grandiose Geschichten. Die lieferte die junge Frau mit den langen rotbraunen Haaren und dem angeblichen 60-Millionen-Euro-Trust-Fund. Sie sei in New York, um eine Kunststiftung zu gründen, erzählte Anna ihren Bekannten in der Party- und Künstlerszene. Angeschlossen sein sollte ein exklusiver Privatclub. Das Konzept: Hippe Galerie meets Soho House. 22 Millionen Dollar wollte sie der Anklage zufolge für dieses Projekt von verschiedenen Kreditinstituten.

In Wahrheit, so formuliert es Staatsanwältin Catherine McCaw in ihrem Eröffnungsplädoyer, sei Delveys Name nicht einen Cent wert gewesen. Ihre Biographie - eine Mischung aus Halbwahrheiten und Phantastereien. Tatsächlich wurde Sorokin 1991 in Russland geboren und zog erst als 16-Jährige in den 55 000-Einwohner-Ort Eschweiler bei Aachen. Ihr Vater arbeitete zunächst als Lkw-Fahrer, später als leitender Angestellter eines Logistikunternehmens, bevor er sich mit einer Firma für Heizungen und Klimaanlagen selbstständig machte. Eine durchaus respektable Karriere. Doch der Tochter war das offenbar nicht genug.

Im schmucklosen Gerichtssaal 31 des New Yorker Strafgerichts tritt Anna Sorokin mal auf, als betrete sie eine Bühne - trotz Handschellen. Ihr Rücken ist dann kerzengerade, der Blick geht geradeaus. Die anwesenden Reporter halten dankbar drauf. Es gibt auch andere Tage. Als Richterin Diane Kiesel die Angeklagte zwingt, den Gerichtssaal in einem Jogginganzug zu betreten - es ist einer jener Tage, an denen sie mit einem "Garderoben-Malheur" hadert, wie es die Staatsanwältin spöttisch formuliert -, scheint sich Sorokin am liebsten verstecken zu wollen. Immer wieder zieht sie die Ärmel des beigefarbenen Sweatshirts über die Hände. Auf die Fragen der Richterin antwortet sie so leise, dass die Gerichtsstenographin ihr Tischchen näher an die Anklagebank ziehen muss.

Gesucht: ein Outfit, das nicht "Häftling" schreit

Tatsächlich ist die Outfit-Frage in amerikanischen Strafprozessen nicht trivial. Sorokins Anwalt Todd Spodek, so berichtet es die New York Post, habe befürchtet, dass seine Mandantin im vom Gefängnis Rikers Island zur Verfügung gestellten Zweiteiler einen schlechten ersten Eindruck auf die Jurymitglieder machen könnte. Vor jenem Gerichtstermin, bei dem die Laien-Richter ausgewählt werden sollten, schickte er deshalb eilig einen Mitarbeiter in die Stadt, um für seine Klientin einzukaufen. Arbeitsauftrag war demnach, ein Outfit zu finden, das nicht "Häftling" schreie. Seit dem offiziellen Prozessbeginn wurde Sorokin von einer Promi-Stylistin eingekleidet.

Als reiche Erbin Anna Delvey shoppte Sorokin gerne bei angesagten Labels, ihr Hotelzimmer sei stets voll gewesen mit Einkaufstüten, schreibt das New York Magazine. Auch anderen gegenüber zeigte sich die falsche Anna großzügig. Dem Uber-Fahrer steckte sie 100 Dollar zu, einer Hotelangestellten, mit der sie sich gut verstand, bezahlte sie Massagen, Maniküren und Kältetherapie-Behandlungen. Gegen Ende ihrer großen Luftnummer überredete Sorokin noch die befreundete Vanity-Fair-Redakteurin Rachel Williams zu einem Luxusurlaub. Sie versprach, für alles aufzukommen. Doch ihre Kreditkarte war da bereits gesperrt - am Ende blieb die Journalistin auf einer Rechnung von 62 000 Dollar sitzen.

Im Zeugenstand berichtet Williams von den psychischen Belastungen durch die Schulden. Sie wache jede Nacht mit Panikattacken auf und komme deswegen regelmäßig zur spät zur Arbeit. "Ich drehe durch", sagt sie unter Tränen. Die Fotoredakteurin ist längst nicht die Einzige, die sich von der Hochstaplerin in den Bann ziehen ließ. Ein Banker, der Sorokins Kreditantrag überprüfte (und letztendlich ablehnte), schickte ihr insgesamt 158 Textnachrichten. In einer schrieb er: "Ich zwinge mich, dich nicht zu küssen - du bist irrsinnig schön."

Vielleicht auch, weil der Prozess fragwürdige Praktiken und Versäumnisse bei den involvierten Finanzinstituten offenbart, wird Sorokin in einem der Hauptanklagepunkte, bei dem es um den 22-Millionen-Kredit geht, am Ende nicht schuldig gesprochen.

"Ein bisschen Anna steckt in jedem von uns"

Glaubt man Sorokins Anwalt Todd Spodek, so nutzte seine Mandantin einfach nur ein System aus, das "leicht verführbar ist durch Glanz und Glamour". Und tatsächlich musste sich Sorokin offenbar nicht viel Mühe machen, um andere von ihrem Reichtum zu überzeugen. In ihrem Abschlussplädoyer gibt die Staatsanwältin Einblick in die Internet-Suchhistorie der Schwindlerin. Sorokin gab bei Google Befehle ein wie: "nicht zurückverfolgbare Fake Mails verschicken". Um Anrufe ihrer angeblichen Steuerberaterin bei Kreditinstituten zu fingieren, nutzte sie die populäre App "Hushed", über die Anrufe mit unterschiedlichen Nummer getätigt werden können.

Sorokin habe gesehen, wie der Anschein von Wohlstand Türen öffne, sagt Spodek. Sie habe versucht, sich Zeit zu kaufen, um ihre Geschäftsidee ans Laufen zu bringen und ihre Schulden zurückzuzahlen. "Anna musste so tun, als sei sie jemand, bis sie wirklich jemand war."

Ein Satz, der vielleicht nirgendwo so sehr zum Lebensgefühl gehört wie in New York. Hier liegen Sein und Schein ganz nah beieinander. Wer noch nichts ist, will etwas werden. "Always hustling" antworten New Yorker schon mal auf die Frage, wie es ihnen geht. Wörtlich lässt sich dieser Satz kaum angemessen übersetzen - am ehesten vielleicht noch mit: "Ich arbeite an mir". Er beschreibt das Streben, mehr aus sich zu machen, das so typisch ist für diese Stadt. In seinem Schlussplädoyer vergleicht ihr Verteidiger Anna Sorokin mit dem großen Frank Sinatra: Der habe schließlich auch den Neuanfang in New York gesucht - genau wie seine Mandantin. "Ein bisschen Anna steckt in jedem von uns", sagt Spodek.

Sorokin selbst hat im Prozess eine Aussage verweigert. Für die lokale Boulevardpresse Gelegenheit für eine vorerst letzte Spitze: "Sie hat doch noch ein Scheinwerferlicht gefunden, das sie nicht mag", schreibt die New York Post.

Sorokin droht nach ihrer Verurteilung eine Haftstrafe bis zu 15 Jahren. Die wird sie wohl weit weg von New York absitzen müssen - wegen eines abgelaufenen Visums steht ihre Auslieferung nach Deutschland bevor.

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