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Eine Gaskammer will der Ex-SS-Mann nie gesehen haben

WELT-Logo WELT 14.11.2018

Im Stutthof-Prozess von Münster sagte am Dienstag der angeklagte frühere SS-Mann Johann R. aus. Er bezeichnete sich als religiösen Menschen, dem das Leben im Lager zuwider war. An ein Erlebnis konnte er sich besonders gut erinnern.

13.11.2018, Nordrhein-Westfalen, Münster: Am 3. Prozesstag im Landgericht gegen den ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, sitzt der Angeklagte beim Landgericht in der Anklagebank und hält sich an seinem Stock fest. Dem 94 Jahre alten Mann aus dem Kreis Borken wirft die Staatsanwaltschaft hundertfache Beihilfe zum Mord vor. Der in Rumänien geborene Deutsche soll als SS-Wachmann von 1942 bis 1944 in dem deutschen KZ bei Danzig Dienst geleistet haben. Foto: Guido Kirchner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © dpa 13.11.2018, Nordrhein-Westfalen, Münster: Am 3. Prozesstag im Landgericht gegen den ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, sitzt der Angeklagte beim Landgericht in der Anklagebank und hält sich an seinem Stock fest. Dem 94 Jahre alten Mann aus dem Kreis Borken wirft die Staatsanwaltschaft hundertfache Beihilfe zum Mord vor. Der in Rumänien geborene Deutsche soll als SS-Wachmann von 1942 bis 1944 in dem deutschen KZ bei Danzig Dienst geleistet haben. Foto: Guido Kirchner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Um 10.54 Uhr, mit Beginn seiner Einlassung, hätte der Angeklagte eine Chance gehabt, zu berichten, was wirklich geschehen war. Was er im Konzentrationslager Stutthof gesehen und was er möglicherweise getan hatte. Er hätte Zeugnis ablegen können von den unmenschlichen Lebensverhältnissen der Gefangenen und den Gräueltaten, wie sie die Überlebenden zu Hunderten geschildert haben – und wie er sie doch auch erlebt haben muss.

Das war jedenfalls die Hoffnung der Nebenkläger, die über ihre Anwälte im Saal des Landgerichts Münster vertreten waren. Doch Dr. Johann R., pensionierter Landesbeamter aus dem Münsterland, beschrieb nur, wie er sich im Lager aufseiten der SS fühlte: schlecht. Und beschämt, denn er wollte damals schon mit der "Sache" nichts zu tun haben.

Immerhin 18 Seiten lang war die Erklärung, die sein Rechtsanwalt Andreas Tinkl im Auftrag seines Mandanten verlas. Johann R. habe sie den Verteidigern diktiert, gab er an.

Er begann seinen Vortrag mit einem Eröffnungsplädoyer, in dem er darauf hinwies, dass die im Raume stehenden Verbrechen keineswegs bezweifelt werden sollten, der Strafprozess aber die individuelle Schuld des Angeklagten feststellen müsse.

Gleichwohl, so Tinkl, habe der "deutsche Vernichtungsapparat nur funktionieren" können, "weil ein Großteil der Bevölkerung – ein Großteil unser aller Vorfahren – mitgewirkt oder weggesehen hat". Wobei er den Bogen zu seinem Mandanten schlug.

Dann trug er die Aussage des Angeklagten vor. Johann R. wurde in Rumänien geboren, seine Eltern waren Landwirte, er hatte zwei Schwestern, die beide tot sind. Im Jahr 1938 wurde er konfirmiert, er sei bis heute "sehr gläubig". Mit 18 Jahren habe er seinen Dienst bei der Wehrmacht antreten müssen – und sich keineswegs "freiwillig" gemeldet. So hatte es der Sachverständige in seinem Gutachten ausgeführt.

Johann R. erinnert sich an kleinste Details. Er schildert, wie bei der Musterung die Köpfe vermessen worden sind. Er weiß noch, dass das erste Essen, das die jungen Männer beim Transport in Viehwaggons nach Wien erhielten, ein Linseneintopf war.


Ihm sei klar gewesen, dass das "falsch war"

Und der 94-jährige Greis weiß noch genau, was passierte, als sie in der Kaserne in Dębica bei Krakau ankamen: "Für uns neue Rekruten wurde eine Filmleinwand aufgebaut und wir konnten uns alle 'Quax, der Bruchpilot' mit Heinz Rühmann anschauen."

Johann R. leistete für zwei Wochen Dienst im KZ Stutthof, dann erhielt er eine zweimonatige SS-Ausbildung in Plottnitz. Dort, schildert er, "sangen wir häufig das Lied 'Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein'".

Dann wurde er Wachmann im Lager. "Für mich als christlichen Menschen war es sehr schwer, das zu sehen", sagt er. Die Häftlinge hätten ihm leidgetan, es sei ihm klar gewesen, dass das "falsch war". Aber Auflehnen, so sagt er, konnte er sich nicht. Er habe zu große Angst gehabt.

Den Alltag, den die Häftlinge erdulden mussten und wie er auch in der Anklage geschildert wird, blendet Johann R. in seiner Aussage fast vollständig aus. Wohl berichtet er vom schlimmen Zustand der Gefangenen, aber von Schlägen, Exekutionen, Misshandlungen, Folterungen oder Tötungen von Kindern, wie sie regelmäßig vorkamen, sagt er kein Wort.

Stattdessen erzählt er von seinem Kompaniechef Paul Ehle, der ihm "wohlgesonnen" gewesen sei, vielleicht, weil "ich so jung war". Seine Kameraden nannten ihn "Bubi". Für eben jenen Kompaniechef besorgte Johann R. bei einem Heimaturlaub eine Damenuhr.

Ehle, so sagt es Johann R., sah im Übrigen ab 1944 die "Vorgänge im Lager und auch die Behandlung der Gefangenen ebenfalls kritisch". Will er ernsthaft glaubhaft machen, dass er mit seinem vorgesetzten Offizier als Angehöriger eines Totenkopfverbandes der SS, als Herr über Leben und Tod in einem Konzentrationslager die schlimmen Verhältnisse kritisierte, für die er mitverantwortlich war? Und die Ehle als Führungsoffizier maßgeblich gestaltete?

Soll hier das Bild von unschuldig verstrickten Holocaust-Tätern entworfen werden, die sich in der inneren Emigration befanden?

Es wirkt jedenfalls so. Auch seine Äußerungen zur Gaskammer von Stutthof sind widersprüchlich. Ein solches Mordwerkzeug habe er nämlich nicht gesehen, so R., wohl aber "ein Krematorium, das wussten wir alle". Dabei wurde die Gaskammer im Frühjahr 1944 in Betrieb genommen, zu diesem Zeitpunkt war Johann R. noch in Stutthof eingesetzt.

Erinnerungen an Linseneintopf, aber nicht an eine Gaskammer

Gleichzeitig spricht er aber von einer "Entlausungskammer", die er kannte. Dieser Begriff diente der SS in ihrer zynischen Tarnsprache als Synonym für eine Gaskammer. Das Wort nutzen heute noch Holocaust-Leugner, die die Existenz von Gaskammern zum Massenmord an Menschen abstreiten.

Im Prozess drängten sich allerlei Nachfragen auf. Richter Rainer Brackhane, Staatsanwalt Andreas Brendel und die Nebenkläger gaben dem Angeklagten viele mit auf den Weg: Wussten Sie, dass viele Juden im Lager waren? Warum, glaubten Sie, waren diese Menschen im KZ eingesperrt? Warum haben sie sich nicht sofort an die Front versetzen lassen? Und wann kamen Sie mit dem Begriff "Entlausungskammer" in Berührung?

Johann R., der sich an den Linseneintopf bei seiner Einberufung erinnern kann, aber keine Gräueltaten gesehen haben will, will diese Fragen über seine Anwälte am kommenden Donnerstag beantworten. Nebenklagevertreter Christoph Rückel ist skeptisch, was die Aussage vom Dienstag angeht: "Das war weitgehend unglaubwürdig", sagt der Anwalt. "Die Inszenierung als Opfer kaufe ich ihm nicht ab."

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