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Eine Stadt geht in Deckung

SZ.de-Logo SZ.de 09.10.2019 SZ vom 10.10.2019
Offenbar griffen der Vermummte und mindestens ein Mittäter zuerst die Synagoge an und schossen danach auf einen benachbarten Dönerladen. © dpa Offenbar griffen der Vermummte und mindestens ein Mittäter zuerst die Synagoge an und schossen danach auf einen benachbarten Dönerladen.

• In Halle (Saale) sind zwei Menschen erschossen worden, Medienberichten zufolge nahe einer Synagoge.

• Wer der Schütze ist und was sein Motiv war, das blieb am Mittwochnachmittag noch unklar.

• Wie die Polizei später mitteilt, seien mehrere bewaffnete Täter in einem Auto geflüchtet. Die Lage bleibt unübersichtlich.

Der Mann scheint die Ruhe wegzuhaben. Er steigt ohne Eile an der Fahrerseite aus einem Auto, stellt sich dahinter und schießt mehrfach in die Richtung der Hallenser Synagoge in der Humboldtstraße. Er trägt Military-Kleidung und verwendet offenbar ein Gewehr, vielleicht eine Jagdwaffe, die er nach jedem Schuss in Ruhe nachlädt. Es sind verstörende Bilder aus dem Paulus-Viertel, einem Gründerzeit-Kiez mitten in Halle. Aufgenommen hat sie offenbar ein Augenzeuge von hinten; die Bilder sind körnig und nicht sehr scharf, aber scharf genug, um eine neue Dimension der Gewalt in Deutschland zu zeigen. Mindestens zwei Tote gab es an diesem Tag.

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Wer aber dieser Mann ist und was sein Motiv, das blieb am Mittwochnachmittag noch unklar. Wegen der Anschlagsziele, der Synagoge und des Döner-Lokals, gab es Vermutungen, es könne sich um einen Terroranschlag durch Rechtsextremisten handeln. Gesicherte Informationen gab es aber zunächst nicht. Offenbar griffen der Vermummte und mindestens ein Mittäter zuerst die Synagoge an und schossen danach auf einen benachbarten Dönerladen. Konrad R., ein junger Mann, der gerade mit anderen Personen zu Gast in dem Imbiss war, berichtete dem Sender ntv, einer der Toten sei ein anderer Gast, der versucht habe, sich in Sicherheit zu bringen, mehrere Menschen seien aus dem Laden geflohen, er selber habe sich auf der Toilette versteckt. Wie er es weiter schilderte, habe er dort seine Familie informiert und ihr geschrieben, dass er sie liebe. Bald danach hörte er Polizisten rufen, ob noch jemand in den Räumen sei, und kam heraus.

Dann habe der Mann durch die Scheibe geschossen

Einen der Täter hat R. durch das Schaufenster kommen sehen, einen Mann in einer Art Armeekleidung, der eine Granate und ein Gewehr trug. Er habe die Granate geworfen, sie sei aber am Türrahmen abgeprallt. Dann habe der Mann durch die Scheibe geschossen. R. nimmt an, dass ein Maler von einer nahe gelegenen Baustelle, der sich im Laden etwas zu Essen habe holen wollen, tödlich getroffen wurde. Das ganze habe nur wenige Sekunden gedauert, der Mann sei vermummt gewesen.

Dramatische Szenen haben sich offenbar auch an einer der beiden Hallenser Synagogen abgespielt, hier hätte es womöglich ein Blutbad gegeben. Gut 80 Menschen befanden sich im Gotteshaus und begingen den höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, das Fest der Versöhnung, das ein Tag des Fastens und des Ruhens sein soll. Wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki am Nachmittag der Presse sagt, habe sich der Angriff in Halle direkt gegen die Synagoge gerichtet. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki, der selbst Augenzeuge war, "der Mann sah aus wie von einer Spezialeinheit", sagte er. "Aber unsere Türen haben gehalten."

Der oder die Täter hätten versucht, das Tor des neben der Synagoge liegenden Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende weiter. Die Menschen im Gotteshaus seien geschockt gewesen. "Wir haben die Türen von innen verbarrikadiert und auf die Polizei gewartet." Der exakte Hergang des Verbrechens liegt am Mittwoch anfangs im Nebel von Halbwissen, widersprüchlichen Berichten, Internet-Gerüchten und Bruchstücken von Information. Die Polizei in Halle mobilisiert alle verfügbaren Kräfte, auch die Antiterroreinheit der Bundespolizei, die GSG 9, soll eingeflogen worden sein.

Etwa 30 Meter von der Synagoge entfernt liegt eine Leiche, mit einer blauen Plane abgedeckt. Daneben ein schwarzer Rucksack, an dessen Reißverschluss eine kleine Stoffente hängt. Die Polizei hat das Gebiet weiträumig mit Flatterbändern abgesperrt. Am Himmel kreist ein Helikopter. Die Stadt Halle warnt ihre Bürger: Es gebe eine "Amoklage", was bedeutet, dass womöglich Bewaffnete unterwegs sind und Gefahr für Leib und Leben besteht. Streifenwagen fahren mit Blaulicht durch das Viertel, die Beamten fordern die Menschen auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Polizei: Mehrere bewaffnete Täter sind in einem Auto geflüchtet

Wie die Polizei dann mitteilt, seien mehrere bewaffnete Täter in einem Auto geflüchtet. In Landsberg, das rund 15 Kilometer östlich von Halle liegt, fallen ebenfalls Schüsse, das bestätigt eine Polizeisprecherin in Halle. Am Nachmittag wird dann ein Verdächtiger festgenommen, über dessen Identität die Behörden keine Angaben machten. Polizei und Kommunalbehörden rufen die Bevölkerung in beiden Städten dennoch dazu auf, in den Häusern oder am Arbeitsplatz zu bleiben und nicht auf die Straßen zu gehen. Ein Helikopter der Bundespolizei landet in Landsberg.

Dann wiederum dementiert die Polizei, dass sich ein Bewaffneter dort aufhalte. Womöglich ist ein zweiter Täter aber doch noch auf freiem Fuß, die Polizei geht von einem Duo aus, will aber auch eine größere Personenzahl nicht ausschließen.

Es gibt in Halle noch eine zweite Synagoge, jene der reformierten Gemeinde. Der Anschlag traf das größere der beiden jüdischen Gebetshäuser, die ehemalige Einsegnungshalle auf dem alten jüdischen Friedhof. Der Vorsitzender der Reformgemeinde, Karl Sommer, erfuhr erst Stunden nach der Tat Einzelheiten des Anschlags. Wegen des hohen Feiertags hatte er, entsprechend der religiösen Sitte, weder Fernsehen noch Radio eingeschaltet. "Da schweigen alle Geigen", sagte er. "Wir sind sprachlos. Der Antisemitismus zeigt wieder seine Fratze. Es wird immer schlimmer."

Die Tat weckt böse Erinnerungen an die Mordtaten des rechtsextremen NSU, jener Terrorzelle, die zwischen 2000 und 2006 neun Männer mit Migrationshintergrund, meist Kleingewerbetreibende, und eine Polizistin ermordet hatte. In diesem Jahr wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) mutmaßlich von Rechtsextremisten ermordet. Noch aber sind an diesem Mittwochnachmittag keine näheren Informationen über Täter bekannt.

Am Mittwoch, vor den Schüssen in Halle, hatten Fahnder Gebäude in vier Bundesländern durchsucht. Im Fokus standen sieben rechtsextreme Beschuldigte aus Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Sie sollen Moscheen und Politiker bedroht haben. Laut Polizei gibt es aber keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit den Verbrechen in Halle. In der Synagoge dort setzten die Gläubigen ihren Gottesdienst übrigens später fort. Der Versöhnungstag Jom Kippur schließt mit dem Gebet der "Ne'ila". Es ist ein Appell an die Barmherzigkeit Gottes, bevor sich die Himmelstore schließen.

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