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Er brachte die Welt nach Europa

WELT-Logo WELT 15.03.2019
Okwui Enwezor, der designierte Leiter des Münchner Hauses der Kunst, steht am Mittwoch (19.01.2011) beim Fototermin vor dem Haus der Kunst in München (Oberbayern). Der gebürtige Nigerianer wird den Posten im Oktober dieses Jahres antreten. Foto: Andreas Gebert dpa/lby [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ] © picture alliance / dpa Okwui Enwezor, der designierte Leiter des Münchner Hauses der Kunst, steht am Mittwoch (19.01.2011) beim Fototermin vor dem Haus der Kunst in München (Oberbayern). Der gebürtige Nigerianer wird den Posten im Oktober dieses Jahres antreten. Foto: Andreas Gebert dpa/lby [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]

Kuratoren versprechen gern, dass sie mit ihren Ausstellungen die Welt verändern. Okwui Enwezor aber hat es geschafft, der Nigerianer hat die Kunst revolutioniert – in Afrika, USA und Europa. Jetzt ist er viel zu jung gestorben.

Es war Mitte der Neunzigerjahre, als man zum ersten Mal von ihm hörte: Okwui Enwezor. Sein Name wurde schnell zur Verheißung einer neuen globalen Welt mit großem Echo. Damals kuratierte der noch völlig unbekannte Enwezor die zweite Johannesburg Biennale. Und viele fuhren aus Europa an den neuen, noch so fernen Ort und erzählten vom erstaunlichen Aufbruch afrikanischer Künstler und Künstlerinnen und von einem Direktor, der mit einer seltenen Mischung aus Charme und Würde, Bildung und priesterlicher Überzeugung vom unaufhaltsam transkontinentalen Gang der Kunstdinge dozierte.

Enwezor wurde 1963 im nigerianischen Calabar geboren, siedelte, kaum 20-jährig, nach New York über, studierte Politik, interessierte sich für Kunst und begann bald in seinem neuen Magazin "Journal of Contemporary African Art", das er mit Universitätskollegen gründete, gegen die Westkunst anzuschreiben, die sich noch ganz auf die Energietrasse zwischen Europa und Amerika verließ. Mit ebenso viel Kennerschaft wie Emphase machte er auf dichte, ungemein lebendige afrikanische Szenen aufmerksam und bereitete im publizistischen Dauereinsatz zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern seines Kontinents den Weg in den internationalen Ausstellungsbetrieb.

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Er kuratierte die erste Weltkunstausstellung

Es war im Zuge der Globalisierung des Kunstbetriebs nur folgerichtig, dass Enwezor 1998 an die Spitze der 11. Kassler Documenta berufen wurde. Und erst jetzt war die Großbühne, die ja eigentlich schon immer das stolze Wort "Weltkunstausstellung" im Titel führte, wirklich offen für künstlerische Handschriften und Entwicklungen, die man bislang übersehen hatte oder als Folklore abtat. Enwezor schaffte, was so viele Kuratoren vor ihm und nach ihm großspurig ankündigten, aber selten einhielten: einen Paradigmenwechsel.

Unvergessen, wie Enwezor 2002 dann in der Festtracht seiner Heimat wie ein Häuptling den Prüfgang durchs Fridericianum in Kassel antrat und mit sichtlicher Zufriedenheit in den raumgreifenden Installationen der Georges Adéagbo, Pascale Marthine Tayou, Ouattara Watts, Frédéric Bruly Bouabré oder Olumuyiwa Olamide Osifuye verweilte. Nie mehr ist die intellektuelle Erregung einer Kulturbegegnung so sinnlich erfahrbar gewesen wie damals. Nie mehr wurde so intensiv über eine Documenta diskutiert und inhaltlich gestritten, wie über diese gewaltige Öffnung des westlichen Kunstkanons, die bis heute wirkt.

Seine Eleganz und sein Humor bleiben in Erinnerung

Schon damals hätte sich Enwezor auf seinen Erfolge ausruhen können. Doch anders, als es den meisten seiner Documenta-Vorgänger und -Nachfahren erging, startete er nach dem Kassler Mandat erst richtig durch. Von Sevilla in Spanien bis nach Gwangju in Südkorea hat er so ziemlich alle Biennalen und Großkunstausstellungen geleitet und blieb dabei seiner Überzeugung treu, die in der Begeisterung für die neue "Africanità" und über allem Beistand für die Karrieren schwarzafrikanischer Künstler nie die intensive Beschäftigung mit herausragenden Werken der amerikanisch-europäischen Gegenwart zurückstellen wollte.

Wer ihn erlebte, behielt zwei Eigenschaften ganz besonders in Erinnerung: seine Eleganz und seinen Humor. Der große Mann, grundsätzlich eine äußerst beeindruckende Erscheinung, lachte gern und kräftig. Als wir ihn zu seinem Amtsantritt 2011 als Direktor am Münchner Haus der Kunst wiedertrafen, bewies er mit wenigen Worten, dass wir es mit einem Mann der globalen Welt zu tun hatten: Er amüsierte sich damals über uns, die wir ganz mitgenommen waren von den neuesten Entwicklungen im Fälschungsskandal um Wolfgang Beltracchi.

Er selbst hatte noch gar nichts von dem Vorfall gehört, der uns so erschütterte. Enwezor war eben ein Weltenbummler, regionale Petitessen waren nicht seins. Das war sicher auch einer der Gründe, warum er in seiner langen Karriere überall gut ankam und Visionen Wirklichkeit werden ließ, dass das lokalpatriotische, selbstverliebte München aber Schwierigkeiten mit ihm hatte. Man warf ihm an so manchem Stadt-Stammtisch mangelnde Deutschkenntnisse vor, in seine Zeit fiel die Aufdeckung einer Scientology-Unterwanderung im Haus, und am Ende stellte ihm die Dienstaufsicht auch noch einen Finanzchef zur Seite.

Experimente mit der Wahrheit

Diese Entwicklung kann man sich nur damit erklären, dass der ehrgeizige Weltbürger und die sesshaften Bayern einfach keine gemeinsame Sprache fanden. Denn eigentlich waren Enwezors Lieblingsworte: "Begegnung" und "Austausch". Passend dazu bestand seine Documenta neben Kassel aus fünf Diskussionsplattformen, die umschreiben, wofür sein Lebenswerk steht: "Demokratie als unvollendeter Prozess" in Wien und Berlin, "Experimente mit der Wahrheit" in Indien, "Créolité und Kreolisierung" auf St. Lucia, "Unter Belagerung" in Lagos. Die Verbindung von Politik und Kunst war sein kuratorisches Thema. Sein Ton aber war ein ganz anderer als der viel kritisierte Ansatz der letzten, ebenfalls sehr politischen Documenta.

Kunst und Politik war sein Thema

Zum Triumph seiner so durchdringenden kuratorischen Sprache geriet Enwezor die große Schau zur 56. Biennale in Venedig 2015, die ohne all den üblichen Beweisdruck und die lähmende aesthetical correctness Völker und Namen mischte und von der Weltkunst erzählte, die es immer noch nicht gibt, wenn man sie nicht zusammenbringt.

In Venedig bekam man eine Ahnung davon, dass Enwezors beeindruckender Optimismus, sein Wille zum Gespräch an Kraft eingebüßt hatte. Vor dem Eingang des zentralen Pavillons hingen monumentale, schwarze Tücher schwer herab, wie verkohlte Flaggen nach einem Krieg. In einer Reihe aufgehängt, verdeckten sie die gesamte Front des Gebäudes.

Es fröstelte uns schon beim Anblick. Ging man hinein, durchschritt man eine Welt, die die Zukunft verschluckt zu haben schien. Im Innern führte eine Holzleiter hinauf unter die Kuppel des Pavillons. Fabio Mauri ließ uns hier nicht vom Himmelszelt träumen, sondern zeigte uns, was zwangsläufig kommen wird: "Fine" – "Ende".

"Ist am Anfang schon alles vorüber?" – das dachten und schrieben wir 2015. Und wir wunderten uns. Das große Versprechen des Lebens war für Enwezor doch immer das Abenteuer der Kunst, woher kam plötzlich so viel Pessimismus. Wir erwarteten trotzdem noch so viel, ja unendlich viel von ihm. Doch er selbst erfuhr damals während der Biennale, dass er sich mit dem Ende würde beschäftigen müssen. Für ihn zählte aber trotzdem noch sehr lange ausschließlich die nächste Ausstellung, ausschließlich die Kunst.

Jetzt ist Okwui Enwezor im Alter von 55 Jahren gestorben, an der Krankheit, die ihn im vergangenen Jahr zwang, sein Münchner Amt aufzugeben. Im Haus der Kunst läuft noch bis zum 28. Juli seine letzte Ausstellung über den ghanaischen Künstler El Anatsui. Sie ist jetzt sein Vermächtnis. 

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