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Er hielt die Polizei zum Narren: Das ist Deutschlands beliebtester Ganove

Berliner Kurier-Logo Berliner Kurier 24.04.2019 Andrea Kahlmeier
Arno Funke ist hochbegabt, zog 2013 mit einem IQ von 145 ins Dschungelcamp ein. Von derart geistigen Höhenflügen konnten die meisten seiner Mitstreiter nur träumen. © RTL / Stefan Gregorowius Arno Funke ist hochbegabt, zog 2013 mit einem IQ von 145 ins Dschungelcamp ein. Von derart geistigen Höhenflügen konnten die meisten seiner Mitstreiter nur träumen.

Um 10.17 Uhr verlässt am 22. April 1994 in Berlin ein Mann eine Telefonzelle. Zwei dunkle BMW fahren vor, machen eine Vollbremsung, vier in Zivil gekleidete Männer rennen auf ihn zu. Der Mann wehrt sich nicht. Er sagt nur: „Ja, ich bin Dagobert.“

Zwei Jahre lang hielt der Bombenleger die Polizei zum Narren, hatte dabei viele Fans in der Bevölkerung. Warum das so ist, weiß Claudia Brockmann. Die Polizeipsychologin war seine Jägerin...

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Dagobert forderte 1 Millionen DM 

Und peng! Am 13. Juni 1992 explodieren in der Karstadt-Filiale in der Hamburger Mönckebergstraße drei Rohrbomben. Sie sind miteinander verbunden, der Täter hat sie in der Porzellanabteilung im Kellergeschoss versteckt.

Sie zertrümmern Vitrinen, Geschirr und Vasen. Die Explosion setzt die Sprinkleranlage in Gang, alles steht unter Wasser. Menschen werden nicht verletzt. So startete die weltbekannte Bombenserie.

Ich fordere hiermit von Ihnen 1 Million DM in 1000 DM Scheinen. In der Nacht vom 12.06. zum 13.06. gab ich Ihnen eine Demonstration für meine Entschlossenheit, mein Ziel auch mit Gewalt durchzusetzen. Diesesmal es war nur ein besserer Knallfrosch. Nächstesmal wird es zur Katastrophe kommen.

Das war einer der ersten Briefe (inklusive der Rechtschreib- und Grammatikfehler), die sie von Arno Funke alias „Dagobert“ in den Händen hielt, erinnert sich Claudia Brockmann an einen ihrer spektakulärsten Fälle.

Kriminalpsychologin weiß: „Er wollte Bewunderung“

Arno_Funke_Buch_180419 © picture-alliance/ dpa Arno_Funke_Buch_180419

Sie habe sich damals sofort gefragt: Was soll die Skizze seiner Bombe? Warum hat er eine Probe des Sprengstoffes mitgeschickt? Dient das tatsächlich nur dem Echtheitsnachweis? Oder steckt dahinter vielleicht auch das Bedürfnis nach Hochachtung für seine Fähigkeiten?

Für die Psychologin war schnell klar, dass er durch die Wahl einer lustigen Comicfigur als Pseudonym seine Tat bagatellisieren wollte: „Ich bin ein eigentlich harmloser Straftäter namens Dagobert, der nur sein Geld will.“ Und zwar nur das Geld der Reichen!

Genau diese Tatsache führte dazu, dass ein Ganove wie Arno Funke so populär in der Bevölkerung werden konnte. Ein Mann, der nicht die kleinen Geschäfte zur Kasse bat, sondern zwei gehobene Kaufhäuser. 

Arno Funke war ein einsamer, arbeitsloser, verbitterter Mensch 

Die Psychologin erstellte schnell das Täterprofil eines Mannes, der vermutlich beruflich und sozial gescheitert war, der versuchte, seine eher kindlichen, wenig altersentsprechenden Fantasien von Allmacht, Reichtum und Genialität auszuleben.

Allerdings mit zugegebenermaßen wirklich raffinierten Tüfteleien, die so arg im Gegensatz zu den ungelenken Erpresserbriefen mit all ihren Fehlern standen.

Ja, Arno Funke war ein einsamer, arbeitsloser, verbitterter Mensch – wie so viele gescheiterte Existenzen in Deutschland.

Die Psychologin glaubt, dass „in jedem von uns ein kleiner Dagobert schlummert, der klammheimlich allerhand Grenzüberschreitungen legitimiert“.

Claudia_Brockmann_180419 © picture alliance / dpa Claudia_Brockmann_180419

Keine Frage: Die Stimmung wäre sicherlich umgeschlagen, wenn nicht nur Vasen, sondern Menschen schwer zu Schaden gekommen wären. Aber so durfte der kleine „Underdog“, der in seiner Biografie über seine Alkoholsucht und Depressionen, sein von Schadstoffen vergiftetes Lackierer-Hirn schreibt, sich nach seiner Haftentlassung wie ein kleiner Promi fühlen.

Dagobert im Dschungelcamp

Er zog ins „Dschungelcamp“ ein, wurde als DJ angeheuert, arbeitet auch heute noch als Karikaturist für den „Eulenspiegel“. Und seine Zeichnungen sind wirklich nicht schlecht. Im Sommer gibt Funke in Weimar sogar eine Ausstellung mit seinen besten Karikaturen.

Manch einer erkennt ihn auch heute noch, wenn er in Berlin in einem Café sitzt. Aber mittlerweile ist ihm das gar nicht mehr so recht. Arno Funke geht auf die 70 zu, mag seinen Spitznamen „Dagobert“ gar nicht mehr hören und bezeichnet sich selbst als „resozialisierten Bürger“.

Aber so ganz kann er sich den Stolz auf seine Tüfteleien immer noch nicht verkneifen. Seine selbst entworfene 3D-Kamera sei fertig, schwärmt er. Na, das wäre doch mal ein Geschenk für die Beamten, die so lange warten musste, bis sie endlich ein Polizeifoto von „Dagobert“ schießen konnten.

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