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Erst kam der Ärger - dann der erste Regie-Emmy für Deutschland

WELT-Logo WELT 21.09.2020 Hanns-Georg Rodek
Auf der Suche nach mehr Selbstbestimmung verlässt eine junge Frau ihre ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft in New York und zieht nach Berlin, um dort ein neues Leben anzufangen. Doch dann holt sie die Vergangenheit ein. Quelle: Netflix © Netflix Auf der Suche nach mehr Selbstbestimmung verlässt eine junge Frau ihre ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft in New York und zieht nach Berlin, um dort ein neues Leben anzufangen. Doch dann holt sie die Vergangenheit ein. Quelle: Netflix

Mit der Mini-Serie „Unorthodox“ hat zum ersten Mal eine Deutsche den Regiepreis bei den Emmys gewonnen. Es hat zum ersten Mal eine Produktion von Netflix den Regiepreis gewonnen. Und es hat zum ersten Mal eine (großenteils) auf Jiddisch gedrehte Produktion einen Emmy gewonnen.

Ziemlich viele Erstmaligkeiten, die Moderator Jimmy Kimmel in der Nacht auf Montag zu verkünden hatte, vor dicht gepackten Reihen applaudierender Stars, wie man voller Staunen wahrnahm. Wahrzunehmen glaubte, denn ziemlich schnell stellte sich heraus, dass Kimmel, abgesehen von einigen Technikern, allein im Studio war; die stargespickten Reihen waren ein Corona-Scherz, die Aufnahmen stammten aus dem vorigen Jahr.

Und so saß auch die Regisseurin Maria Schrader in einem Berliner Zimmer statt im Auditorium in Los Angeles. Sie schlug fünf ebenfalls nominierte amerikanische Regisseure, überhaupt sind die Emmys da offener als die Oscars; in den letzten Jahren gewannen auch eine Dänin, ein Kanadier und ein Schwede. „Unorthodox“ ist eine konsequente Fortsetzung von Schraders Faszination mit Deutschland und dessen Verhältnis zum Judentum. Mit 14, als sie erstmals von zu Hause weg war, nahm sie an einem Jugendaustausch mit Israel teil; dort spielte sie zum ersten Mal Theater.

In „Aimée und Jaguar“, dem Film, mit dem sie vor 20 Jahren bekannt wurde, spielte sie eine im Berliner Untergrund lebende Jüdin, die sich im Zweiten Weltkrieg in eine Nichtjüdin verliebt. In „Meschugge“ kommt sie als amerikanische Jüdin zurück in die deutsche Gegenwart, weil Antisemiten dort die Schokoladenfabrik ihres Großvaters in Brand gesteckt haben. Im Film „In Darkness“ versucht sie während des Kriegs nach der Flucht aus dem jüdischen Ghetto in der Lemberger Kanalisation zu überleben. Ihr Regiedebüt „Liebesleben“ spielt in einem von der Angst vor Attentaten geprägten Tel Aviv. Und ihr viel gerühmter „Vor der Morgenröte“ schildert die letzten Jahre des jüdischen Wiener Großbürgers Stefan Zweig im brasilianischen Exil.

Maria Schrader (r.) bei den Dreharbeiten © Anika Molnar/Netflix Maria Schrader (r.) bei den Dreharbeiten

„Unorthodox“ ist eine delikate Konstruktion

Schraders „Unorthodox“ ist eine der hochgelobtesten Netflix-Produktionen der letzten Zeit. Die Kritiker schwärmen von der jungen Israelin Shira Haas, die Esty spielt, eine ultra-orthodoxe Jüdin, die aus der sie einschnürenden ultra-orthodoxen chassidischen Gemeinde in New York flieht – nach Berlin, der Hauptstadt des Holocaust, jenes Holocaust, der einer der Hauptgründe für die Abschottung der Chassiden ist. Viele Zuschauer waren fasziniert von den Bräuchen der Gemeinschaft und von dem Einblick in eine sonst unzugängliche Welt.

Maria Schrader (r.) bei den Dreharbeiten Quelle: Anika Molnar/Netflix © Anika Molnar/Netflix Maria Schrader (r.) bei den Dreharbeiten Quelle: Anika Molnar/Netflix

„Unorthodox“ ist trotzdem eine delikate Konstruktion, eine deutsch-amerikanisch-israelische. Im Wesentlichen ist es die Umdrehung des herrschenden Narrativs von der jüdischen Flucht aus dem antisemitischen Europa über den Atlantik; hier flieht eine Jüdin vor Intoleranz und Engstirnigkeit aus New York an keinen anderen Ort als ausgerechnet nach Berlin. Mehr als das, Berlin ist geradezu eine Insel der Glückseligkeit, ein Ort der Freiheit, der Hoffnung und der Sehnsucht. Das ist viel stärker als in dem zugrunde liegenden Buch von Deborah Feldman, das ist eine dramaturgische Entscheidung, der Film braucht den Kontrast zwischen dem düsteren Ort, von dem man flieht, und dem hellen Ort, an dem man ankommt.

Die Schlüsselszene in dieser Hinsicht ist das erste öffentliche Bad, das Esty am Wannsee nimmt. Ihr neuer deutscher Freund weist sie darauf hin, dass man am anderen Ufer die Villa sieht, wo der Holocaust beschlossen wurde und wirft sich unbeschwert in die Fluten. Esty legt nun ihre Perücke ab: Chassidische Frauen scheren ihren Kopf, wenn sie heiraten, weil in ihrer Kultur das Haar der Frauen eine so persönliche Sache ist wie Nacktheit; der Ersatz ist eine Perücke. Wenn sie nun ihre Perücke ins Wasser wirft, ist das ein Signal der Selbstermächtigung, der Selbstbefreiung – und das in Sichtweite der „Endlösungs“-Villa.

Die Szene, wie sie im Film aussieht Quelle: Anika Molnar/Netflix © Anika Molnar/Netflix Die Szene, wie sie im Film aussieht Quelle: Anika Molnar/Netflix

Die nicht geschlossenen historischen Wunden liegen bei solch einem Stoff überall, aber „Unorthodox“ rührt auch an aktuelle. Berlin erscheint als Traumstadt der toleranten, künstlerischen, glücklichen Hipster, wo jüdische Flüchtlinge aus dem intoleranten New York und dem anstrengenden Tel Aviv zu sich selbst finden können; das friedliche Musikinstrumentenmuseum spielt eine Rolle, das aggressive Neukölln keine.

Die meisten Emmys des Abends gingen an die Serie „Watchmen“, die im Grunde eine Comic-Verfilmung ist, aber eigentlich ein Beitrag zur Debatte um den amerikanischen Rassismus. Der Bogen spannt sich von dem Massaker in der Stadt Tulsa im Jahre 1921 (als weiße Mobs schwarze Mitbürger attackierten) bis zu den Vorgängen in der gleichen Stadt im vorigen Jahr, als weiße Rechtsextremisten die Polizei angriffen, die nicht Partei für sie ergreifen wollte.

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