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Faszination Kontaktanzeige: Zwei Muttis und die nackte Hilde

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 11.10.2018 Regine Sylvester
Viele Leute lesen gerne Kontaktanzeigen. Was läuft denn so? Was geht nicht mehr? © Uwe Anspach/dpa Viele Leute lesen gerne Kontaktanzeigen. Was läuft denn so? Was geht nicht mehr?

Was denkt der unfreiwillige Single um diese Zeit? Bald ist wieder Weihnachten, denkt er, und dann auch noch Silvester. Jetzt sollte sich der unfreiwillige Single einen Mann oder eine Frau suchen, wenn er bei den großen Festen nicht der Einsame unter Paaren sein will. Er kann sich in der richtigen Welt umsehen oder in der Welt der Anzeigen.

Nicht grundlos machen viele Annoncen etwas Druck: „Einladung zum Herbstspaziergang“, „Weihnachten allein?“ „Vorfreude gesucht!“ „Tanzen wir in St. Petersburg ins Jahr 2019?“ Was nun: Anzeigen aufgeben oder Anzeigen lesen? Beides?

Wer inseriert, der hat Interessen

Vor Unentschlossenheit warnte – wenn auch im tiefen symbolischen Zusammen-hang – Rainer Maria Rilke im Gedicht „Herbsttag“: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ Singles sind Verlassene, Geflüchtete, Abwartende, Ungeküsste, Freiwillige, Verwitwete. Wenn sie inserieren, suchen sie nach passenden Worten, die das Wünschenswerte und das Angebotene in ein Tauschangebot kleiden.

Die erste bekannte Kontaktanzeige erschien am 19. Juli 1695 in England in der Wochenzeitung A collection for improvement of husbandry and trade („Sammlung für den Fortschritt in Landwirtschaft und Handel“) und lautete: „Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von circa 3000 Pfund.“ Etwas vage erscheint der „ansehnliche Besitz“ im Verhältnis zu den erwünschten „3000 Pfund“. So war das von Anfang an: Wer inseriert, der hat Interessen.

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Viele Leute lesen Kontaktanzeigen

2015 zeigten Roger Willemsen und Katrin Bauerfeind ein Bühnenprogramm: „Die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen“. Sie haben klare Belege für das Geschäft mit Interessen gefunden: „Attraktive Blonde, schlank, sucht gepflegten, gutaussehenden Mann, mit dem sie sein Geld ausgegeben kann.“

Bei der Formulierung einer Kontaktanzeige kann auch Resignation durchbrechen: „Bin Rentner, 72, und suche jemanden, der das Leben genauso satt hat wie ich.“ Oder Hilferufe: „Ich verliere den Boden unter den Füßen. Wer schiebt mir eine Yacht drunter?“ Oder etwas Spezielles: „Alleinstehender Mann, der auf Kettensägen und Eishockeymasken steht, sucht gleichgesinnte Frau. Keine Verrückten bitte.“

Viele Leute lesen Kontaktanzeigen. Was läuft denn so? Was geht nicht mehr? Typische DDR-Formulierungen sind selten geworden: „Mutti sucht nach schwerer Enttäuschung“ oder, wenn sich Freundinnen zusammentaten: „Zwei Muttis suchen nach schwerer Enttäuschung“. Der Wunsch nach „m.-l. WA“, nach marxistisch-leninistischer Weltanschauung, kommt gar nicht mehr vor.

Superlative, die in die Irre führen

In den Anzeigen des seriösen Zeit-Magazins wünschen sich erstaunlich oft gutaussehende Männer, ältere Frauen verwöhnen zu dürfen. Müssen die Frauen bezahlen, wissen die das vorher? Sehr viele Anzeigen kommen von Agenturen, und die übertreiben. Frauen und Männer werden mit Superlativen beschrieben – man kann gar nicht verstehen, warum die überhaupt annoncieren müssen.

Am Montag las ich in einer Tageszeitung eine vergleichsweise bescheidene Annonce: „Nackte Hilde (67)“, es folgte eine Handynummer. Mehr nicht. Was sagt man da am Telefon?

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