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Hexenverbrennung: Schulden eines "Hexenmeisters" – Kirche kassiert seit 400 Jahren die Stadt Trier ab

stern-Logo stern 22.04.2019 Gernot Kramper

© Leser-Reporter  

1589 wurde ein Trierer Bürger als angeblicher Hexenmeister verbrannt. Die Kirche eignete sich damals das Hab und Gut des Mannes an. Sie besteht bis heute darauf, dass die Stadt ihr Geld aus diesem Prozess schulde.

Die Pfarrei Liebfrauen in Trier will noch heute von der Stadt Geld für die Verbrennung eines Hexenmeisters bekommen. Versuche der Stadtverwaltung, die Zahlungen einzustellen, waren bislang fruchtlos – die Kirche beharrt auf Zahlung der 362 Euro jährlich. Und so begründete die Kirche ihren Anspruch: 1589 wurde Dietrich Flade auf dem Trierer Hinrichtungsplatz als Hexenmeister verbrannt. Als angesehenem Bürger wurde ihm eine Gnade erwiesen: Der Henker strangulierte Flade, bevor er auf den Scheiterhaufen kam, sodass er nicht die Schmerzen des Verbrennungstodes erleiden musste. Dieses Verfahren war bei geständigen "Hexen" üblich. Auch Flade hatte seine Untaten "zugegeben" – er gestand alles, was man ihm vorwarf, unter Folter.

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Kirche bereicherte sich an den Verfolgten

Sein gesamtes Hab und Gut fiel dann an die Kirche in Gestalt des Erzbischofs Johann VII. von Schönenberg. Die Bereicherung durch den Besitz der Verfolgten sorgte damals für steten Nachschub an Hexen und Hexenmeistern – anders als viele Romane glauben machen wollen, wurden keineswegs nur arme Kräuterfrauen aus religiösem Irrsinn verfolgt. Bei ihnen war für die Kirche schließlich nichts zu holen. Hexenverfolgungen fanden meist in Form von Wellen statt: Gerade in wohlhabenden Städten war es typisch, dass zunächst Außenseiter gefoltert und verbrannt wurden, die Prozesse sich dann aber schnell auch gegen Angehörige der wohlhabenden Oberschicht richteten. Flades Eigentum wurde also eingezogen. Dazu gehörte auch die Summe von 4000 Talern, die die Stadt dem wohlhabenden Hingerichteten noch schuldete. Und für dieses Geld muss Trier nun seit über 400 Jahren Zinsen zahlen.

Flade selbst war durchaus kein Unschuldslamm, sondern zuerst sogar an den schrecklichen Prozessen beteiligt. Bevor er denunziert wurde, hatte er an Gerichtsverfahren mitgewirkt, bei denen gänzlich unschuldige Frauen gefoltert und ermordet wurden. Im Jahr 1582 gab es ein Gerücht in Trier: Um der Inquisition in Saarburg zu entgehen, seien zahlreiche Hexen in die Stadt geflüchtet. Bei den Prozessen in Saarburg sollen auch die Namen von Trierer Bürgern genannt worden sein – unter der Folter natürlich.

Dietrich Flade tat sich damals besonders hervor, diese Spießgesellen des Teufels zu "entlarven". Einer der ersten Prozesse richtet sich gegen eine ältere Frau. Margarethe Braun verdiente ihr Geld als Wäscherin und stand unter dem Verdacht, als Kupplerin die Unzucht zu fördern. Bei der ersten – gewaltlosen – Befragung durch Flade wollte sie die Hexerei nicht gestehen. Sieben Mal widerstand die arme Frau der Folter, der sie auf Anordnung Flades unterzogen wurde.

Er war, ohne es zu ahnen, das pefekte Opfer 

Dietrich Flade rechnete nicht damit, bald selbst in die Hände seiner Henker zu fallen. Dabei war er ein prädestiniertes Opfer. Flade hatte einen unglaublichen Aufstieg hinter sich, er galt als einer der mächtigsten und reichsten Männer der Stadt. Doch er hatte weder Freunde noch Verwandte in der Oberschicht. Flade galt als habgierig und korrupt und war bei seinen zahlreichen Schuldnern verhasst. Bürger, Bauern, die Stadt, der Kurfürst – alle schuldeten ihm Geld. Als sein Name nun in den Geständnissen der Hexer und Hexen genannt wurde, konnte er sich nicht retten. Schnell galt Flade als oberster Hexer, als Giftmischer und Zauberer, der Unwetter heraufbeschwören konnte, um dann an der Verknappung des Korns zu verdienen.

Recherchen des "SWR" zeigen, dass der Stadtrat im Jahr 2009 die Zahlungen thematisiert habe. Die begünstigte Pfarrei soll aber darauf bestanden haben, dass ihr weiterhin die Erträge aus den Hexenprozessen überwiesen werden. Immerhin habe man sich geeinigt, dass das Hexer-Geld ausschließlich sozialen Zwecken zu Gute kommen solle. Derzeit wird es für die Obdachlosen-Hilfe verwendet.

Quellen: Damals  SWR

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