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Ihr Ziel: 72 Stunden ohne Mord

SZ.de-Logo SZ.de vor 4 Tagen Von Alan Cassidy, Baltimore
Baltimore hat - gemessen an der Einwohnerzahl - die höchste Mordrate in den USA, mehr als 300 Menschen werden jedes Jahr erschossen, erstochen, erdrosselt, erschlagen. Das Bild zeigt einen Tatort. © Spencer Platt/AFP Baltimore hat - gemessen an der Einwohnerzahl - die höchste Mordrate in den USA, mehr als 300 Menschen werden jedes Jahr erschossen, erstochen, erdrosselt, erschlagen. Das Bild zeigt einen Tatort.

Baltimore ist die gefährlichste Stadt der USA. Wie die Einwohnerin Erricka Bridgeford versucht, das Morden zu stoppen - zumindest an manchen Wochenenden.

Es hat nicht geklappt. Schon wieder nicht. Als Erricka Bridgeford am Samstagmorgen aufwacht, spürt sie einen Druck auf der Brust, eine Last wie Blei, ein Gefühl, sie kennt es: Etwas ist falsch. Am Nachmittag erhält sie dann den Anruf, vor dem sie sich gefürchtet hatte: das nächste Opfer. Eine Frau, 32, schwarz, erschossen hinter dem Lenkrad ihres Autos. Die Waffenruhe, die Baltimore 72 Stunden Frieden hätte bringen sollen, ist geplatzt. Es ist der 200. Mord des Jahres in der gefährlichsten Stadt Amerikas. 200 Menschen erschossen, erstochen, erdrosselt, einer wurde mit einem Backstein erschlagen. Dabei ist es doch erst Anfang August.

Bridgeford organisiert seit zwei Jahren die "Ceasefire Weekends", vier Wochenenden im Jahr, an denen eine lose Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern von Baltimore einen Waffenstillstand ausruft, von Freitagfrüh bis Sonntagnacht. Es gibt Friedensmärsche durch die Viertel, eine Menschenkette, Konzerte und Barbecues in den Straßen. Das Motto ist simpel, es steht auf den Transparenten und Aufklebern, die in der ganzen Stadt zu sehen sind: "Nobody kill anybody". Niemand bringt einen anderen um. Manchmal steht da noch ein zweiter Spruch: "Don't be numb". Werdet nicht betäubt.

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Ein paar Stunden nach dem Anruf der Polizei betritt Erricka Bridgeford den Parkplatz einer Sozialsiedlung im Westen der Stadt. Auf ihrem bunten Rock steht Africa, auf dem schwarzen T-Shirt: Ceasefire - Waffenruhe. Sie geht zur markierten Stelle, an der die Frau vor wenigen Stunden erschossen wurde. Sie geht den Tatort ab und schwenkt ein Räucherstäbchen, es riecht nach Weihrauch und Salbei. Dann kniet sie sich hin und legt die Stirn auf den Asphalt. "Wir haben heute eine Schwester verloren", sagt sie. "Wir wissen nicht, was sie durchmachte, wir kennen nicht mal ihren Namen. Aber wir werden sie nicht vergessen." Sie steht auf, macht noch eine Runde mit dem Räucherstäbchen. "Wir reinigen diesen Ort, wir heiligen ihn", sagt sie zu den Leuten, die sie begleitet haben. Es sind Aktivisten und Anwohner. "Wir füllen diesen Ort mit Licht. Mord darf hier nicht das letzte Wort haben."

Nicht weit entfernt steht eine schwarze Frau vor ihrer Haustür, sie heißt Carla, ist Ende 50. Sie hat die Arme verschränkt, schaut sich mit leerem Blick an, was da auf dem Parkplatz passiert. Erst vor wenigen Tagen hat sie ihren Mann beerdigt, er starb nach langer Krankheit. Vor vier Jahren wurde ihr ältester Sohn erschossen. "Es ist alles zu viel", sagt sie. "Diese Gewalt macht keinen Sinn." Nachdem Bridgeford das Räucherstäbchen gelöscht hat, redet sie kurz mit Nachbarn, die zugeschaut haben. Und sie nimmt Carla in die Arme.

Erricka Bridgeford organisiert seit zwei Jahren die © Spencer Platt/AFP Erricka Bridgeford organisiert seit zwei Jahren die

Amerika ist das Land der Waffengewalt - und Baltimore seine Hauptstadt. 309 Menschen wurden hier im vergangenen Jahr umgebracht. Rechnet man das auf die 600 000 Einwohner um, sind das mehr Morde als irgendwo sonst im Land, mehr als in Chicago, New York oder Philadelphia. Dazu noch 681 Schießereien mit Verletzten. In der Polizeistatistik steht, dass mehr als die Hälfte der Opfer durch einen Kopfschuss getötet wurde. 291 von 309 Toten waren Schwarze, 275 Männer. Für ein Drittel der Fälle waren laut Polizei Drogenbanden oder Gangs verantwortlich, vermutlich ist die Zahl höher. Zehn Opfer waren Kinder unter zehn Jahren.

Eines dieser Kinder war die siebenjährige Taylor Hayes. Sie saß im Juli 2018 auf dem Rücksitz des Autos, mit dem ihre Patentante in einen Schusswechsel geriet. Eine Kugel traf Taylor in den Rücken. Vor einigen Tagen fand der Prozess gegen den Mann statt, der die Schüsse abgefeuert hatte. Die Geschworenen bekamen Aufnahmen aus der Body-Cam eines herbeigeeilten Polizisten abgespielt. Sie sahen, wie der Polizist die Autotür aufriss und sich über das Mädchen beugte. Sie sahen, wie er das Kind schüttelte und nach dem Puls tastete, und sie hörten, wie er rief: "Come on, sweetie!" Halte durch, Süße.

"Habt ihr nicht mal euer eigenes Revier im Griff?" Mit dieser Frage bekam sie die Hilfe der Gangs

Taylor starb zwei Wochen später im Krankenhaus. Der Sarg, in dem sie begraben wurde, war gerade mal 1,40 Meter lang und pink. Alltag in Baltimore. Es ist ein Alltag, für den sich nur wenige in den USA interessieren. Gerade diskutieren die Amerikaner wieder über die neuesten Massenschießereien, diesmal jene von El Paso und Dayton, bei denen 31 Menschen ums Leben kamen. Sie streiten wieder über neue Waffengesetze und über die Rolle der Waffenlobby NRA, die jede vernünftige Verschärfung sabotiert. Doch über die Morde von Baltimore spricht kaum jemand. Dabei geschieht hier jedes Jahr ein Massaker, verteilt über 365 Tage.

Erricka Bridgeford ist 46, sie ist in einem schwarzen Viertel der Stadt aufgewachsen, Gewalt war immer in ihrem Leben. Sie war zwölf, als sie eines Nachts im Bett lag und Schüsse hörte. Sie ging zum Fenster und sah, wie ein befreundeter Nachbarsjunge an die Haustür gegenüber hämmerte und um Hilfe schrie. Sie sah, wie kurz darauf Polizei und Krankenwagen kamen. Sie erinnert sich daran, wie der Junge auf einer Trage lag, voller Blut. Er sagte: "Bitte lasst mich nicht sterben." Dann fuhren sie ihn davon.

Am nächsten Tag nahm Bridgeford den Bus in das Viertel, in dem ihre Schule lag. Was mit dem Jungen passiert war, wusste sie nicht. Erst als sie am Abend nach Hause kam, erfuhr sie, dass er tot war. "Sein Name war Michael. Ein guter, süßer Junge."

Seit diesem Tag hat Erricka Bridgeford zwei Cousins und ein halbes Dutzend Freunde durch Waffengewalt verloren. Ihr Bruder David wurde 2007 erschossen.

Sie sitzt im Gemeindezentrum ihres Quartiers. Es sind noch ein paar Tage bis zum Marsch am Wochenende. Im Raum nebenan machen Mütter Yoga, eine Studentin geht mit einem Mädchen Hausaufgaben durch. Erricka Bridgeford rückt mit der linken Hand einen Bürostuhl zurecht, der rechte Arm endet kurz nach dem Ellbogen, ein Geburtsfehler. Früher machte sie darüber Witze als Stand-up-Komikerin, sie lacht gerne und laut. Heute bildet sie Mediatoren aus, Konfliktschlichter. Dem Waffenstillstand widmet sie ihre ganze Freizeit.

Das erste Wochenende im August 2017 war als einmalige Aktion gedacht, doch inzwischen rufen sie und ihre Mitstreiterinnen - es sind vor allem Frauen - alle drei Monate eine Waffenruhe aus. Sie gehen in die Viertel, verteilen Poster, sprechen mit den Bewohnern - und auch mit den Gangs. "Anfangs haben diese Leute gelacht, hielten mich für naiv. Aber ich appellierte an ihren Stolz: Habt ihr nicht mal euer eigenes Revier im Griff?"

Sie hat Erfolg. Aber ihr Ziel, 72 Stunden ohne Mord, das hat sie bis heute nicht geschafft

Die Aktionen wirken. An den "Ceasefire Weekends" gibt es 60 Prozent weniger Schießereien als an anderen Wochenenden, weniger Tote und weniger Verletzte. "Das ist in Baltimore schon viel", sagt Bridgeford. Trotzdem hat sie ihr Ziel - 72 Stunden ohne Mord - noch nie erreicht.

Die Gewalt plagt die Stadt seit Jahrzehnten. Und doch gab es einen Einschnitt: Im April 2015 starb der junge Schwarze Freddie Gray in Polizeihaft. In den schwarzen Vierteln kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, die Polizei wurde kritisiert. Der Polizeichef hat seither fünfmal gewechselt, wegen Etatkürzungen fehlen Beamte, in der Stadt tobt ein endloser Streit: Greift die Polizei zu wenig durch? Oder geht sie nicht eher zu aggressiv vor und schürt damit das Misstrauen in der Bevölkerung?

Die Zahl der Morde fiel nach Grays Tod nie mehr unter 300 im Jahr. Auf der Website der Lokalzeitung Baltimore Sun sind alle Mordfälle auf einer Karte mit bunten Punkten markiert. Die meisten finden sich an den Rändern der Stadt, im Westen und im Osten, wo die Armut am größten ist und wo die meisten Drogen gehandelt werden. In manchen Gegenden ist jedes dritte Haus mit Brettern zugenagelt, 17 000 Gebäude stehen in Baltimore leer, in manchen dieser Ruinen wachsen Bäume.

Baltimore ist eine alte Arbeiterstadt, die meist im Schatten ihrer wichtigeren Nachbarn an der Ostküste stand: Philadelphia und New York im Norden, Washington im Süden. © AFP Baltimore ist eine alte Arbeiterstadt, die meist im Schatten ihrer wichtigeren Nachbarn an der Ostküste stand: Philadelphia und New York im Norden, Washington im Süden.

Durch eines dieser Viertel zieht jetzt Erricka Bridgeford. Es ist der erste Samstag im August, 30 Leute haben sich am frühen Morgen dem Friedensmarsch angeschlossen. Weiße, Schwarze, Rentner, auch eine Familie mit Kindern ist gekommen. Eine Krankenschwester trägt noch ihren blauen Arbeitskittel. Die Leute halten Plakate mit dem Ceasefire-Aufdruck in die Höhe. Ein protestantischer Pfarrer geht voran, er trägt Shorts, Kurzarmhemd und einen Hut gegen die Sonne, die schon um neun Uhr vom Himmel brennt. Die Route führt an acht Orten vorbei, an denen in diesem Jahr jemand erschossen wurde. Es ist eine Prozession durch den gewalttätigsten Teil der Stadt. Nach 30 Minuten kommt ein Polizeiauto, fährt im Schritttempo neben der Gruppe her. Begleitschutz.

"Die Leute sind wütend"

Die Straßen sind an diesem Morgen ruhig. Am ersten Tatort in der Ruskin Avenue bleibt die Gruppe stehen. Um einen Laternenpfahl ist ein Pullover gewickelt. Hier starb am 11. April nach einem Schusswechsel Levar Mullen, 20 Jahre alt. Der Pfarrer spricht ein Gebet, Bridgeford schwenkt ihre Räucherstäbchen, kniet sich hin und legt die Stirn auf den Boden. Von der Ecke gegenüber schauen vier schwarze Männer zu. Einer kommt näher, er trägt ein ärmelloses Shirt und eine goldene Uhr am Handgelenk. "Seid ihr wegen Levar hier?", fragt er. "Er war mein Kumpel." Der Mann lässt sich von einigen Teilnehmern umarmen und sagt: "Danke, dass ihr vorbeigekommen seid."

Das Motto der Waffenstillstand-Wochenenden ist einfach: © Spencer Platt/AFP Das Motto der Waffenstillstand-Wochenenden ist einfach:

So geht das in den nächsten zwei Stunden öfter. "Ich habe Sie im Fernsehen gesehen", sagt eine ältere Frau ein paar Straßen weiter zu Bridgeford. "Betet alle für uns! Diese Nachbarschaft hat es nötig." Viele Autofahrer hupen und winken, einer ruft aus dem Fenster: "Peace!" An der Fulton Avenue bleibt die Gruppe stehen. Auf einer Treppe vor einem Haus sitzen zwei ältere Männer und eine Frau, der Gehsteig ist übersät von Abfall, es stinkt nach Urin. Erricka Bridgeford fragt nach der Stelle, an der vor zwei Wochen der 24-jährige Johnny Johnson erschossen wurde. "Kanntet ihr Johnny?" Die Frau auf der Treppe schüttelt den Kopf und zeigt auf den Eingang einer Gasse gegenüber: "Dort ist jemand gestorben." Als Bridgeford die Stelle gefunden hat, beginnt sie mit ihrem Ritual.

Gewalt, Drogen, Elend. Um zu wissen, dass ihre Stadt Probleme hat, brauchen die Einwohner nicht Donald Trump. Doch als der US-Präsident kürzlich die ersten von vielen Tweets über Baltimore verschickte, standen sie plötzlich im nationalen Fokus. Begonnen hatte die Debatte mit einem Beitrag bei Fox News, den sich Trump offenbar angeschaut hatte. Der Bezirk des demokratischen Kongressabgeordneten Elijah Cummings, in dem ein Großteil von Baltimore liegt, sei ein "widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Chaos", in dem kein Mensch freiwillig lebe, twitterte der US-Präsident. Er nannte Cummings, dessen schwarze Eltern als Feldarbeiter in den Südstaaten geschuftet hatten, einen "Rassisten" und "Tyrannen". Auf einer Wahlkampfveranstaltung verglich Trump Baltimore später höhnisch mit Afghanistan, die Mordrate sei ähnlich hoch. Seine Anhänger johlten.

"Die Leute sind wütend", sagt Erricka Bridgeford. "Bei uns läuft vieles falsch. Aber wie kann es Trump wagen, über uns zu reden, als würden wir die Dinge einfach so hinnehmen? So sind wir nicht. So ist Baltimore nicht." Die Menschen, die sie kenne, kämpften jeden Tag, für sich, für ihre Familien, für ihre Stadt. Wenn sie sich jetzt vom US-Präsidenten solche Dinge anhören müssten, beleidige er sie persönlich. Wenn Trump ihre Stadt als Rattennest bezeichne, in dem kein Mensch leben wolle, greife er ihre Identität an.

Baltimore ist eine alte Arbeiterstadt, die meist im Schatten ihrer wichtigeren Nachbarn an der Ostküste stand: Philadelphia und New York im Norden, Washington im Süden. Ihre Lage an der Chesapeake-Bucht machte sie zu einem wichtigen Handelszentrum, an dem auch viele Schiffe mit Einwanderern aus Europa landeten. Als Industriehafen verlor Baltimore nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung, die Zahl der Einwohner sank, von 950 000 im Jahr 1950 auf 600 000, Häuser und Straßen verlotterten. Um etwas gegen den Zerfall zu tun, investierte die Stadt in den Siebzigerjahren in den Umbau des Hafens. Aus Lagerhallen wurden Appartementhäuser, am Wasser gingen gläserne Wolkenkratzer hoch, ein Aquarium wurde eröffnet. In dieser Zeit erfanden Marketingleute auch den Slogan der Stadt: "Charm City". Der Charme blieb meist auf die Innenstadt beschränkt, auf den Hafen, die Kunstmuseen, das Grab von Edgar Allan Poe, auf das ein Unbekannter über Jahrzehnte drei Rosen und eine Flasche Cognac legte.

An den Rändern dagegen blieben die Viertel arm. In Baltimore praktizierten die Banken schon früh das sogenannte Redlining: So nannte sich die Praxis, um arme schwarze Gegenden einen Strich zu ziehen und dort keine Hypotheken und Kredite zu vergeben. Das beschleunigte den Zerfall und bereitete den Boden für den Drogenhandel, der Ende der Achtzigerjahre einzog - und der die Straßen mit Waffen überschwemmte. Manche Bewohner dieser Viertel nennen die Stadt deshalb nicht "Baltimore, Maryland", sondern "Bodymore, Murdaland".

Noch ein Toter im Land der Morde. Das stand auf einem Graffiti, das durch die Fernsehserie "The Wire" berühmt wurde. Sie gilt auch heute noch als eine der besten Serien der Welt. Geschrieben hat sie David Simon, ein ehemaliger Polizeireporter der Baltimore Sun. Sie zeigt, wie der Drogenhandel das Leben in der Stadt verändert, die Polizei, die Justiz, die Politik - alle Instanzen von Korruption durchsetzt.

Die Leute sind wütend auf Trump. Er habe es in der Hand, mit einem Federstrich vieles zu verbessern

Kein Zweifel, die Politik habe versagt, sagt Leon Pinkett. "Wir tragen alle Verantwortung dafür." Der Demokrat vertritt im Stadtparlament einen der ärmsten Bezirke von Baltimore. Jetzt sitzt er auf einer Bank vor der City Hall. In den vergangenen drei Wochen gab es in Pinketts Bezirk mindestens zehn Schießereien. "Ich fürchte mich jeden Morgen davor, die Nachrichten einzuschalten, weil in der Nacht wieder etwas passiert sein könnte." In manchen Gegenden seien Gewalt und Armut zwar besonders verbreitet, aber in anderen Innenstädten der USA gebe es ähnliches. "Das ist ein sehr amerikanisches Problem. Deshalb macht es mich auch so wütend, wenn Präsident Trump uns beleidigt, als gehöre Baltimore nicht zu Amerika. Er hätte es in der Hand, die Dinge mit einem Federstrich besser zu machen."

Es sei ja nicht nur die Bundesregierung, die Baltimore im Stich lasse. Der republikanische Gouverneur von Maryland stoppte kürzlich den Bau einer neuen Zuglinie in Pinketts Bezirk, die den Menschen neue Perspektiven geboten hätte. "Ich will hier keine Kriminellen verteidigen", sagt Pinkett, "aber wo Leute keine Jobs haben, treffen sie manchmal schlechte Entscheidungen." Baltimore brauche Investitionen, in die Infrastruktur, in den Verkehr, in ein schnelles Internet. Was der Abgeordnete nicht sagt: Seine Partei regiert die Stadt seit vielen Jahren. Hervorgetan hat sie sich vor allem mit Skandalen, viele Millionen Dollar für Hilfsprojekte sind versandet. Im April musste die Bürgermeisterin nach einem Korruptionsfall zurücktreten.

Er selbst konzentriere sich auf kleine Schritte mit großer Wirkung, sagt Pinkett. Ein Viertel der Stadt sei eine "Lebensmittel-Wüste", in der die Bewohner keinen Zugang zu frischen Nahrungsmitteln haben. "Das verschlimmert viele soziale Probleme, es macht die Menschen krank." Weil die großen Ketten in seinem Bezirk keine Supermärkte eröffnen wollen - zu gefährlich, zu wenig rentabel -, bemüht er sich darum, kleine Läden anzulocken.

Die kleinen Schritte also: Das ist es, was auch Erricka Bridgeford macht. Manchmal plagen sie Selbstzweifel, sagt sie in ihrem Büro im Gemeindezentrum. Vor den Wochenenden des Waffenstillstands sei es immer besonders schlimm. Sie hält den Trinkbecher aus Alu hoch, den eine Freundin ihr geschenkt hat, darauf steht: "Ich bin wichtig. Auf mich kommt es an." Darum gehe es auch in Baltimore. "Der Friede beginnt bei jedem Einzelnen", sagt sie. Die Menschen in Baltimore müssten lernen, Konflikte auf gute Art auszutragen. Das gelte für das ganze Land: "Amerika ist eine aggressive Gesellschaft. Wir zerren Leute vor Gericht, wir demütigen sie, wir wollen sie besiegen. Unser Präsident ist Ausdruck dieser Gesellschaft." Wenn an einem Ort erst einmal Waffen seien, sei es von der Aggression zu echter Gewalt nicht mehr weit. Und wenn sich die Gewalt festsetze, im Alltag, gehe sie fast nicht mehr weg.

Als die Waffenruhe vorbei ist, zieht Bridgeford Bilanz: An einem Tag ist ein Mensch gestorben. An den zwei anderen Tagen niemand. Auf Facebook schreibt sie: "Gebt Baltimore nicht auf." Im November geht sie wieder auf die Straße.

"Nobody kill anybody", wird sie wieder rufen. Irgendwann muss es klappen.

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