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Maskenverweigerer in Hamburg: Nur kurz ohne Maske telefoniert

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 14.09.2021 Elke Spanner

In Hamburg landen zahlreiche Maskenverweigerer vor Gericht. Etwa, weil sie sich nicht an die Corona-Auflagen halten – und bei Kontrollen auch schon einmal zuschlagen.

© Markus Scholz/​dpa

An einem Sonntag Ende Februar spaziert Frank B. um die Mittagszeit an der Alster entlang. Die Außentemperatur liegt bei ungemütlichen sieben Grad. Der Kaufmann, 51 Jahre alt, wohnt ganz in der Nähe in Winterhude, er läuft oft hier entlang. An Sonntagen sind die Wege rund um die Alster voll. Neben, vor und hinter ihm sind unzählige Spaziergängerinnen und Spaziergänger unterwegs, in dicker Jacke, mit Schal um den Hals und Corona-Schutzmaske über Mund und Nase. Nur Frank B. trägt keine Maske. Ein Polizist spricht ihn darauf an, denn zu dem Zeitpunkt herrscht im Alstervorland Maskenpflicht. Frank B. zieht triumphierend ein Attest aus der Tasche. Ein Arzt hat ihn von der Maskenpflicht befreit.

Für den Kaufmann aus Winterhude ist die Geschichte damit eigentlich beendet. Er will einfach weitergehen. Dazu aber kommt es nicht. Monate später spricht er vor dem Amtsgericht über jenen Tag, und noch heute scheint er kaum glauben zu wollen, was dann geschah. Der Polizist nahm nämlich seine Personalien auf – und Wochen später bekam der Kaufmann von der Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl zugeschickt. 1.000 Euro sollte er zahlen. Das Attest, so der Vorwurf, hatte er sich einfach aus dem Internet heruntergeladen und ausgefüllt.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es wird noch sehr viel teurer für Frank B. Das Gericht hält an der Geldstrafe fest und verdoppelt sogar den Tagessatz, nach einer Kaskade der Rechtfertigung, Beschönigung, Uneinsichtigkeit. Frank B. muss  schließlich 2.000 Euro Strafe zahlen, und als er das hört, weicht ihm ersichtlich die Farbe aus dem Gesicht.


Video: Berlin führt 2G-Regel ein - ohne Maske (glomex)

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Der 51-Jährige wollte das Gericht eine Geschichte glauben machen, die von einem umsichtigen Arzt aus Österreich handelt, der Frank B. von guten Bekannten empfohlen worden war und ihm nach eingehender Anamnese am Telefon ein Attest ausstellte. Diesen Arzt gibt es tatsächlich, aber untersucht hat er Frank B. nie. Peer Eifler, so heißt er, verteufelte Masken damals öffentlich als schwer traumatisierend, rief zu einer Sammelklage dagegen auf und verkaufte Blankoatteste für 20 Euro, Geringverdiener mussten nur zehn Euro zahlen. Auch Frank B. hat ganz offensichtlich einfach ein Blankoattest von ihm im Internet bestellt. Er hat sich verzockt. Es wurde teuer. Und der Wiener Arzt ist seine Berufszulassung inzwischen los.

Dieser Fall ist nur einer von vielen gegen Maskenverweigerer, die derzeit vor Hamburger Gerichten verhandelt werden. Natürlich kommt niemand vor ein Strafgericht, nur weil er bei bestehender Pflicht ohne Maske herumgelaufen ist. Das ist nur eine Ordnungswidrigkeit, die eine Geldbuße nach sich zieht. Für eine Anklage und einen Prozess muss mehr dazukommen. Ein unrichtiges Attest etwa, wie bei Frank B. oder Faustschläge wie bei Viktor K. und Kevin Z., die im Juli und August vor dem Amtsgericht saßen. Vielen Maskenverweigerern, das zeigen die bisherigen Prozesse, ist durchaus bewusst, dass ihr Verhalten provoziert. Sie lauern auf Konfrontationen und reagieren darauf aggressiv wie ein angeschossenes Tier. Zumeist ist es ihre uneinsichtige Reaktion, die sie vor Gericht bringt.

So wie bei Viktor K. Viktor K. ist 34 Jahre alt und LKW-Fahrer, durchtrainiert und mit gegelter Frisur. Anfang Juli kommt er Hand in Hand mit seiner Frau ins Amtsgericht. Sie – wie alle anderen im Gebäude – mit Corona-Schutzmaske, er ohne. Man sollte meinen, dass er  zumindest hier den Verdacht zu widerlegen versucht, er könne ein Corona-Leugner und überzeugter Maskenverweigerer sein. Aber Viktor K. erzählt von Beklemmungen, wenn er eine Maske trägt, und verweist auf ein Attest. Er ist angeklagt, im Mai vorigen Jahres auf einer Demonstration der sogenannten Querdenker Polizisten angegriffen und geschlagen zu haben.

Auffällig in den Prozessen ist, dass die Angeklagten zwar alle einräumen, trotz bestehender Pflicht ohne Maske unterwegs gewesen zu sein. Dazu stehen will aber niemand. Stattdessen gibt es Erklärungen, die rechtfertigen sollen, dass gerade für sie persönlich die Maskenpflicht nicht gelten soll. Mal heißt es, sie schwitzten darunter zu stark. Ein anderes Mal, man habe nur kurz im Supermarkt telefonieren wollen, da habe die Maske eben gestört. Eskaliert ist alles dann angeblich nur, weil andere falsch darauf reagierten, respektlos und in barschem Ton. "Ich will nicht wegen dir sterben, du Idiot", sagte etwa ein anderer Kunde in einem Discountermarkt in Barmbek, als Kevin Z. dort im Juni 2020 ohne Maske hereinkam. Der 40-Jährige schlug zu.

Auch Viktor K. sieht sich wegen seiner Maskenverweigerung diskriminiert. Er trage keine, sagt er, weil er sich darunter eingeengt fühle. Bei seinem letzten Arbeitgeber habe er deshalb nur Probleme gehabt. "Ich wurde zum Störfaktor", sagt er, und in seiner Stimme liegt Empörung. "Die Maskenbefreiung hat mir viele Türen verschlossen." Der 34-jährige Familienvater hat auch viele Erklärungen dafür, wie damals auf der Querdenker-Demonstration seine Faust im Gesicht eines Polizisten landete: Zufällig in die Demonstration geraten, überraschend ein Grundgesetz in die Hand gedrückt bekommen, unversehens eine ungerechtfertigte Polizeikontrolle miterlebt. So in etwa. Schließlich wird er wegen Körperverletzung, tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte und Beleidigung zu einer Haftstrafe von sieben Monaten verurteilt, die wird zur Bewährung ausgesetzt. "Sie waren der Aggressor und haben sich die Geschichte im Nachgang zurechtgerückt", sagt die Amtsrichterin.

Kevin Z., der Schläger aus dem Supermarkt in Barmbek, wird Mitte August zu einer Geldstrafe von insgesamt 1.800 Euro verurteilt. Er räumt sogar ein, den anderen Kunden mehrfach ins Gesicht geschlagen zu haben. Und dennoch schwingt in seiner Aussagen der Versuch einer Rechtfertigung mit. Auf die erste Bitte des anderen Kunden, eine Maske aufzusetzen, habe er nicht reagiert, "weil ich gar nicht wusste, was der von mir will", sagt Kevin Z: "Ich habe doch nur kurz telefoniert."

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