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Meinung: Organisationsweltmeister? Deutschland und Corona

dw.com-Logo dw.com 06.03.2021 Zoran Arbutina

Deutschland sei ein gut organisiertes und funktionierendes Land - das war bis vor Kurzem ein weit verbreitetes Klischee. Dann kam Corona und das Bild begann zu bröckeln. Das war überfällig, meint Zoran Arbutina.

Das Coronavirus beherrscht weiterhin Deutschland © Jens Büttner/dpa/picture alliance Das Coronavirus beherrscht weiterhin Deutschland

Selten fragt mich in meiner alten Heimat Kroatien jemand, wie man in Deutschland so lebt, wie der Alltag aussieht. Lange Zeit dachte ich, das liege daran, dass die Leute genug eigene Sorgen hätten. Dann wurde mir klar, dass es mit der Überzeugung zu tun hat, man wisse genug über Deutschland: Es sei ein gut strukturiertes und organisiertes Land, in dem alles bestens funktioniert. Die Menschen seien vielleicht ein wenig unterkühlt, aber sehr diszipliniert. Schließlich bleiben ja sogar Fußgänger mitten in der Nacht an roten Ampeln stehen, selbst wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist.

Ab und an habe ich erzählt, dass dem nicht ganz so ist, dass beispielsweise das einzig Verlässliche bei der Deutschen Bahn die chronische Verspätung der Züge ist. Aber dann hieß es immer, ich übertreibe, sei ein Schwarzmaler.

Doch dann kam Corona

Bis vor kurzem hat man sogar in Deutschland selbst diese Klischees gepflegt. Doch dann kam Corona. Es ging mit den Masken los: Als die nach langer Diskussion über ihre Nützlichkeit endlich Pflicht wurden, stellte man fest, dass gar nicht genug vorhanden waren. Und die viertgrößte Industrienation der Welt sah sich außer Stande, kurzfristig eine ausreichende Menge auf dem Weltmarkt zu beschaffen. Die Deutschen begannen ihre Masken selbst zu nähen.

DW-Redakteur Zoran Arbutina © Provided by Deutsche Welle DW-Redakteur Zoran Arbutina

Als die Schulen geschlossen wurden, bemerkten alle, dass die Voraussetzungen für Online-Unterricht fast nirgendwo gegeben waren. Nach den Sommerferien stellte man dann überrascht fest: Das Virus ist immer noch da! Aber Lüftungsanlagen für den kommenden Herbst hatte niemand gekauft. Ebenso, wie in vielen Schulgebäuden immer noch kein gut funktionierendes WLAN existiert. Am ersten Tag der nächste Schulschließung im Dezember brachen in mehreren Bundesländern die digitalen Lernplattformen zusammen. Die Laptops für Schüler aus einkommensschwachen Haushalten waren vielfach noch nicht ausgeliefert. Gerade für diese Kinder bahnt sich eine bildungspolitische Katastrophe an.

Es folgte das Impf-Desaster: Zwar hat die deutsche Firma BioNTech als erste ein sehr wirksames Vakzin entwickelt, auch mit finanzieller Unterstützung des Staates - doch der hat nicht rechtzeitig ausreichende Mengen davon bestellt. Diese Blamage mündete nahtlos in ein schlecht organisierte Impfkampagne: Selbst von dem wenigen vorhandenen Impfstoff bleibt viel liegen. Plötzlich schauten die Deutschen sogar neidisch auf Serbien.

Überall in Deutschland wurden Impfzentren eingerichtet. Aber ausgelastet ist keines © Jens Krick/dpa/picture alliance Überall in Deutschland wurden Impfzentren eingerichtet. Aber ausgelastet ist keines

Das Selbstbild als Trugbild


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Und nun der aktuelle Wirrwarr um die Schnelltests für alle. Angekündigt für Anfang März. Dann wieder zurückgezogen. Jetzt doch ab Anfang kommender Woche. Umsonst. Aber wo? Bei Aldi kann man sie kaufen!

Spätestens jetzt schimmert hinter dem selbstzufriedenen Klischee des gut organisierten Landes die bittere Wahrheit durch. Wenn ich dieser Tage mit meinen Leuten in Kroatien telefoniere, stellen sie mir immer öfter die Frage: "Was ist da bei Euch los?"

Und auch die Deutschen fragen sich das immer ungläubiger. Die Einschätzungen pendeln zwischen "läuft eben schleppend an", über "desaströs" bis zu "totales Versagen". Das schöne Selbstbild von einst erweist sich immer mehr als Trugbild.

Digital Detox auf Dienstreisen

Dabei ist das alles nicht neu. Dafür steht nicht nur die wegen ihrer Verspätungen zum Gespött gewordene Deutsche Bahn. Nehmen wir zum Beispiel eine der häufigsten Phrasen aus Wahlprogrammen: Digitalisierung. Die sei zukunftsentscheidend für das Land, man müsse sie entschlossen vorantreiben, sich richtig anstrengen - da sind sich alle einig. Und zwar schon lange. Doch bei der Umsetzung hapert es.

Als vor fünf Jahren ein chinesischer Investor den deutschen Roboterhersteller KuKa, einen der Weltmarktführer auf seinem Gebiet, übernahm, war der Aufschrei groß: Hochtechnologie werde ins konkurrierende Ausland verkauft! Man hat dabei übersehen, dass diese Technologie vielerorts in Deutschland gar nicht in vollem Umfang eingesetzt werden kann. Denn der Ausbau des Breitbandnetzes 5G - nötig für die smarte Industrie 4.0 - steckt noch in den Anfängen. Bis heute.

Während man in Kroatien tief in die Wälder gehen und zuerst die dort ansässigen Wölfe und Bären vertreiben muss, bevor man eine Lichtung findet, auf der man keinen Netzempfang hat, genügt es in Deutschland mit dem Zug von Köln nach München zu fahren. Unterwegs gibt es genug Funklöcher, die es einem ermöglichen richtig zu entspannen. Digital Detox ist hier auf jeder Dienstreise möglich.

Von wegen Digitalisierung: In Deutschland sind Kreidetafeln immer noch normal © Flashpic/dpa/picture alliance Von wegen Digitalisierung: In Deutschland sind Kreidetafeln immer noch normal

Zurück an die Spitze

Viele deutsche Behörden senden Daten immer noch per Fax (jüngere Leser mögen googlen, was das ist). Und die Bundeswehr, immerhin eine NATO-Armee, hat Schwierigkeiten mit sich selbst zu kommunizieren. Grund sind die vielen unterschiedlichen Software-Programme, die genutzt werden.

Für viele Deutsche ist das eine große Ernüchterung. Denn zur Weltspitze zu zählen - wie im Automobilbau oder im Fußball - gilt als selbstverständlich. Doch dramatisieren ist auch nicht angebracht: In Deutschland läuft Vieles immer noch besser als in den meisten Ländern der Welt. Das Land spielt immer noch in der ersten Liga, wenngleich nicht mehr ganz vorne.

Um wieder aufzuholen, muss es sich vom schönen, aber leider trügerischen Selbstbild des Organisationsweltmeisters befreien, welches lange liebevoll gepflegt wurde. Eine Anpassung an die Wirklichkeit ist nötig. Und "normal sein" ist ja kein Schimpfwort. Im Ausland hat man damit schon längst begonnen.

Autor: Zoran Arbutina

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