Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Mord an Seniorin: Lebenslang für den Erbschleicher

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 2 Tagen Elke Spanner

Vor zwei Jahren starb eine 91-jährige Seniorin in Rissen. Ein natürlicher Tod, so schien es zunächst. Ihr Mörder war ein alter Bekannter.

Karsten G. wirkt wie ein leicht verwahrloster, aber freundlicher Herr. Er soll sein Opfer mit einem Kissen erwürgt haben. © Daniel Bockwoldt/​dpa Karsten G. wirkt wie ein leicht verwahrloster, aber freundlicher Herr. Er soll sein Opfer mit einem Kissen erwürgt haben.

Unter Kriminalisten heißt es, es sei oft einfacher, einen Mord aufzuklären als ihn zu entdecken. Und das ist nicht ironisch gemeint. Vor allem alte und kranke Menschen gelten als häufige Opfer. Sogar die Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel, der mehr als 100 Klinikpatienten getötet hatte, wurde erst nach Jahren aufgeklärt.

Auch der Mord an Ellen Christine L. wäre fast unentdeckt geblieben. Ellen Christine L. war 91 Jahre alt. Sie war schwer dement. Sie saß im Rollstuhl. Ihre Wohnung in der Rissener Landstraße hatte sie seit Jahren nicht mehr verlassen. Auch ihr Hausarzt hatte die Seniorin lange nicht gesehen.

Am Morgen des 7. September 2017 rief ein älterer Herr in der Praxis des Hausarztes an. Karsten G., so der Name des Anrufers, stellte sich als alter Bekannter von Ellen Christine L. vor. Er kümmere sich um die Seniorin und besuche sie regelmäßig, sagte er. Gerade habe er eine traurige Entdeckung gemacht: Die alte Dame sei tot. Er habe sie zusammengesackt im Rollstuhl an ihrem Esstisch vorgefunden. Ob der Arzt kommen und den Tod bescheinigen könne? Eine Stunde später war der Hausarzt da. Er gab den Leichnam zur Bestattung frei. Hirntod, schrieb er in den Totenschein. Ohne Untersuchung.

Die Sache schien klar. Es wäre nur eine Frage weniger Tage gewesen, und die Leiche wäre verbrannt worden. Karsten G., sagt der Vorsitzende Richter am Landgericht, hätte damit sein Ziel erreicht: die Seniorin zu töten, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Strafkammer ist nach monatelanger Verhandlung davon überzeugt, dass der 75-Jährige die Rentnerin ermordete. Er wollte an ihr Erbe, sagt der Vorsitzende Richter und verurteilt den 75-Jährigen zu lebenslanger Haft: "Er hat die alte Dame umgebracht, nachdem er sie jahrelang finanziell ausgenutzt hatte." 

Das interessiert andere MSN-Leser: 

Angriff auf Pearl Habor und Co.: Historischer Wochenrückblick

Mega-Panne: Neue "Aida" muss erste Reise absagen

Geldwäscheskandal: Deutsche Bank im Visier der Ermittler

Karsten G. trägt die weißen Haare unter der Halbglatze fast schulterlang. Er wirkt wie ein leicht verwahrloster, aber freundlicher älterer Herr. Gegenüber Ellen Christine L. hat er sich als gute Seele inszeniert. Die beiden kannten sich schon lange. Regelmäßig besuchte er die alte Dame, als sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte. 2011 stellte die ihm eine Vollmacht aus, damit er sich um ihre gesundheitlichen Belange kümmern konnte. Und: Sie setzte ihn als Alleinerben ein.

Scheinbar rührend kümmerte sich Karsten G. um Ellen Christine L. Er organisierte den Pflegedienst. Er kümmerte sich um den Haushalt. Und um noch etwas kümmerte er sich: um ihre Konten. Regelmäßig hob er Geld davon ab. Das aber bemerkte niemand.

Fast 94.000 Euro nahm er sich im Laufe der Jahre heimlich von den Konten. Damit, so der Vorsitzende Richter, finanzierte sich Karsten G. einen Lebensstil, den er sich von seiner knappen Rente niemals hätte leisten können. Er hatte Hunde und Pferde, schon seine Mietwohnung kostete mehr, als er an Rente bekam. Niemand fragte nach, wie er sich all das leisten konnte. Und Ellen Christine L., an deren Konten er sich bediente, war dement.

Im September 2019 waren die Konten leer. Jetzt, so der Vorsitzende Richter, blieb Karsten G. nur noch eines: das Erbe. Er wollte an die Eigentumswohnung von Ellen Christine L.

Am Morgen des 7. September ging er, wie so oft, mit dem eigenen Schlüssel in ihre Wohnung. Er traf die 91-Jährige in ihrem Rollstuhl sitzend am Esstisch an. Wahrscheinlich, so die Kammer, drückte er ihr ein Kissen ins Gesicht, bis sie erstickte. Dann rief er den Hausarzt an.

Dass alles doch noch aufgeklärt wurde, ist der Mitarbeiterin des Pflegedienstes zu verdanken, der Ellen Christine L. betreute. Wenige Stunden nach dem Tod der Rentnerin klingelte eine Pflegerin mit dem Mittagessen in der Hand an der Wohnung von Ellen Christine L. Karsten G. öffnete, überbrachte die Todesnachricht und wimmelte die Pflegerin ab – in barschem Ton, wie sie später vor Gericht aussagen wird. Traurig habe er nicht gewirkt. Merkwürdig kam der Pflegerin auch vor, dass er die Seniorin aufgefunden haben wollte. Normalerweise kam er eher am Nachmittag oder frühen Abend zu Ellen Christine L. Außerdem sollte er ausgerechnet an diesem Vormittag eigentlich im Büro des Pflegedienstes erscheinen, um Rechnungen für Pflegeleistungen zu begleichen. Warum also war er stattdessen in der Wohnung? Die Mitarbeiterin rief die Polizei an.

Jetzt kam alles ins Rollen. Die Leiche kam ins rechtsmedizinische Institut. Ergebnis der Untersuchung: Zungenbandriss, Einblutungen im Auge, Bruch des linken Sprunggelenkes. Indizien, die auf Gewalt hinweisen – aber isoliert betrachtet keine Beweise sind. Das Ganze drohte, im Sande zu verlaufen. 

Erst eineinhalb Jahre später nahm das Landeskriminalamt sich den Fall noch einmal vor. Polizisten befragten Nachbarn. Und eine Beamtin recherchierte, wer denn eigentlich dieser freundliche Bekannte war, der sich so rührend um die Seniorin gekümmert haben soll. Sie fand ein langes Vorstrafenregister. Viele Verurteilungen wegen Betruges. Und sogar einen Fall, in dem Karsten G. versucht hatte, sich am Konto einer alten Dame zu bedienen, die er zuvor gepflegt haben wollte. Jetzt erschienen die rechtsmedizinischen Befunde in einem anderen Licht. Es gab neue Befragungen und Widersprüche. Der 75-Jährige kam in Haft. "Das Weiterleben von Ellen Christine L. hat für den Angeklagten keinen Sinn mehr gemacht," so der Richter.

Die Verteidiger von Karsten G. hatten auf Freispruch plädiert. Die Beweise würden nicht ausreichen. Sie haben angekündigt, in Revision zu gehen.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon