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Mysteriöse Todesfälle

SZ.de-Logo SZ.de 11.09.2019 Von Berit Uhlmann
© Mario Tama/Getty Images

Fünf Menschen sind in den USA nach dem Konsum von E-Zigaretten gestorben, 450 könnten erkrankt sein. Was steckt hinter der rätselhaften Dampfer-Krankheit?

Mysteriöse Todesfälle

Fünf Menschen sind gestorben, auf 450 wird die Zahl der Erkrankten geschätzt: In den USA grassiert seit dem Frühsommer die mysteriöse "Vaping Sickness". Sie äußert sich durch ernste Lungenprobleme nach dem Konsum von E-Zigaretten. Mit den Fällen steigt die Nervosität der Nutzer. Behörden empfehlen mittlerweile, das Dampfen ganz einzustellen. Was bislang bekannt ist.

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Was sind die Anzeichen des Phänomens?

Es begann bei allen bekannten Patienten mit der E-Zigarette. Irgendwann nach dem Dampfen litten sie an Husten, Brustschmerzen und Atemnot. Viele Patienten klagten auch über Fieber, Schüttelfrost, Abgeschlagenheit, einige zudem über Magen-Darm-Beschwerden. Ein großer Teil der Erkrankten musste im Krankenhaus behandelt, einige künstlich beatmet werden. "Die Fälle bilden eine heterogene Sammlung von Lungenentzündungen", fasst der Harvard-Umweltmediziner David Christiani im Fachblatt New England Journal of Medicine zusammen. Eine toxische Schädigung des Organs passt für ihn am besten ins Bild.

Handelt es sich überhaupt um eine eigenständige Erkrankung?

Sicher ist dies noch nicht. Die US-Seuchenschutzbehörde CDC behandelt die Fälle jedoch derzeit als eigenständiges Phänomen. Sie nennt es "schwere Lungenerkrankung nach E-Zigaretten-Konsum" und hat eine provisorische Falldefinition veröffentlicht, nach der Patienten erfasst werden sollen. Danach gilt als bestätigter Fall, wer vier Bedingungen erfüllt: Sie oder er hat in den 90 Tagen vor Symptombeginn E-Zigaretten genutzt. Aufnahmen der Lungen weisen Anzeichen von Entzündungen auf. Es gibt keine Hinweise auf chronische Lungenerkrankungen, und Labortests haben gängige Atemwegsinfektionen wie eine Influenza ausgeschlossen.

Wer ist betroffen?

Die CDC geht von 450 möglichen Fällen in mindestens 33 US-Staaten aus. Die Erkrankungen sind allerdings noch nicht nach der neuen Falldefinition bestätigt. Die umfangreichsten Daten gibt es bislang aus Illinois und Wisconsin, wo Epidemiologen die ersten 53 Fälle ausgewertet haben. Von ihnen waren mehr als 80 Prozent Männer; das Alter der Erkrankten reichte von 16 bis 53 Jahre; die Hälfte aber war 19 Jahre oder jünger. Die meisten der Patienten hatten täglich - und damit auch unmittelbar vor Erkrankungsbeginn - gedampft.

Welche E-Zigaretten-Modelle wurden benutzt?

Die Patienten hatten unterschiedliche Fabrikate verwendet; kein bestimmter Typ oder Hersteller stach heraus.

Was konsumierten die Erkrankten?

Auch bezüglich der Inhaltsstoffe gibt es bislang kein eindeutiges Muster. Allerdings erklärte eine auffällig große Zahl von Erkrankten, die E-Zigarette mit dem Cannabis-Inhaltsstoff THC befüllt zu haben, häufig auf dem Schwarzmarkt beschafft. Von den Befragten in Illinois und Wisconsin berichteten 84 Prozent, dass sie THC mit oder ohne Nikotin konsumiert hatten. Da Cannabis in beiden Staaten illegal ist, können die Epidemiologen nicht ausschließen, dass weitere Patienten zu THC-Produkten griffen, dies aber nicht zugaben.

Kann THC die Ursache für die Beschwerden sein?

Noch ist es zu früh für Festlegungen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA, die Liquids von Erkrankten analysiert, weist allerdings ebenfalls darauf hin, dass in vielen Fällen THC verdampft wurde und dieses wiederum sehr häufig Vitamin-E-Acetat enthielt. Dieses synthetische Vitamin ist auch in einigen Kosmetika enthalten und als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Welche Folgen seine Inhalation hat, ist unklar. Die Behörde appelliert dennoch ausdrücklich an alle Dampfer, keine THC-Öle zu verwenden, da nicht zu erkennen sei, ob sie Vitamin-E-Acetat enthielten. In den Lungen einiger Patienten wurden zudem Öl-Spuren auf Immunzellen gefunden, die möglicherweise von THC-Ölen herrührten und die Lungenentzündungen verursacht haben könnten. Allerdings betonen alle beteiligten Institutionen, dass bislang nicht ein einzelner Inhaltsstoff für die Erkrankungen verantwortlich gemacht werden kann. Und selbst wenn eine Substanz als Gemeinsamkeit aller Erkrankten ausgemacht würde, wäre noch nicht bewiesen, dass sie die Ursache ist.

Jeder fünfte High-School-Schüler gehört zu den Vapern

Welche weiteren Spuren werden verfolgt?

Die FDA testet die Liquid-Proben von Erkrankten auf eine ganze Reihe von Substanzen, darunter Nikotin, andere Cannabis-Inhaltsstoffe, Zusatzstoffe, Pestizide und Opioide. Als unwahrscheinlich gilt, dass Bakterien, Viren oder Pilze die Beschwerden auslösen. Es wurden keine übereinstimmenden Erreger gefunden. Gegen eine bakterielle Infektion spricht auch, dass viele Patienten zunächst Antibiotika erhalten hatten, aber keinerlei Besserung verspürten.

Gibt es Fälle auch außerhalb der USA?

Es gab auch in der Vergangenheit schon Fallberichte über Lungenerkrankungen nach E-Zigarettenkonsum. Doch die Häufung, die jetzt in den USA beobachtet wurde, ist neu - und nirgendwo anders dokumentiert worden. In Kanada sind die Behörden alarmiert, haben bislang aber keine Fälle registriert. Warum gerade die USA betroffen sind, ist nicht klar. Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass es dort sehr viele junge Dampfer gibt. Jeder fünfte High-School-Schüler gehört zu den Vapern. Zugleich sind die Produkte dort weniger reguliert als beispielsweise in der EU. Auch die Legalisierung von Cannabis in vielen Bundesstaaten und die damit möglicherweise sinkende Hemmschwelle könnte zu der Entwicklung beigetragen haben.

Welche Konsequenzen ziehen die Behörden aktuell?

Die CDC rät, einen Verzicht auf E-Zigaretten in Erwägung zu ziehen. Wer doch dampft, sollte auf Beschwerden der Atemwege achten und gegebenenfalls einen Arzt aufsuchen. Entzündungshemmende Steroide scheinen nach ersten Erkenntnissen zu helfen. New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo drückte es eindeutig aus: "E-Zigaretten sollten nicht genutzt werden. Punkt."

Was weiß man über die Schädlichkeit von E-Zigaretten für die Lungen?

Das Aerosol von E-Zigaretten enthält weniger Schadstoffe als Tabakrauch, dennoch können einige seiner Substanzen möglicherweise die Atemwege beeinträchtigen. Die beiden Grundstoffe der Liquids, Glyzerin und Propylenglykol, bilden beim Erhitzen Acrolein, Acetaldehyd und Formaldehyd, schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Auch die Aromen können möglicherweise die Lungen schädigen. "Es werden Stoffe inhaliert, die nicht in die Lunge gehören", gibt DKFZ-Mitarbeiterin Katrin Schaller zu bedenken: "Vor allem über die Langzeitfolgen wissen wir noch viel zu wenig."

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