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Neunjährige aus Sachsen fährt zur Schach-WM

DIE WELT-Logo DIE WELT 21.08.2017
Saskia Pohle spielt leidenschaftlich gern Schach. Im Turnen ist sie aber auch gut © dpa Saskia Pohle spielt leidenschaftlich gern Schach. Im Turnen ist sie aber auch gut

Saskia Pohle geht zur Schule, viel lieber aber spielt sie Schach: Die Neunjährige ist beste deutsche Spielerin in ihrer Altersklasse. Jetzt fliegt sie zur Weltmeisterschaft nach Brasilien.

Noch strahlt Saskia Pohle über das ganze Gesicht. Ab Dienstag aber tritt sie gegen die besten Schachtalente aus aller Welt an. Wenn ihr deshalb dieser Tage flau im Magen wird, löst sie ein paar Taktikaufgaben, um sich abzulenken. Ganze Partien spielen durfte das Mädchen in den letzten fünf Tagen vor Abflug nicht mehr: "Schachverbot" lautete die Anweisung des Trainers.

Als deutsche Meisterin und damit bundesweit beste Schachspielerin in ihrer Altersklasse U10 hat sich die Zwickauerin direkt für die Junioren-Schach-Weltmeisterschaft vom 21. bis 31. August qualifiziert.

Ausgetragen wird das Turnier vom Weltschachbund in Poços de Caldas rund 300 Kilometer nördlich von São Paulo. "Saskias Trainer hat schon vor zwei Jahren zu uns gesagt, stellt euch auf Brasilien ein – damals haben wir noch gelacht", berichtet Mutter Nancy.

Ein halbes Jahr Schach-Unterricht

Tatsächlich spielt Saskia erst seit drei Jahren Schach. An ihrer Grundschule in privater Trägerschaft stand das Brettspiel ein Halbjahr lang auf dem Unterrichtsprogramm. Nach wenigen Zügen habe Saskia Blut geleckt. "Schach ist mein Leben, Schule mein Hobby", hieß es innerhalb weniger Wochen.

Ihre Mutter habe ihr die neue Leidenschaft zunächst ausreden wollen, weil die Tochter auch beim Geräteturnen gut war. "Aber da ging kein Weg rein: Für Schach wollte Saskia auf alles andere verzichten, Kindergeburtstag oder Urlaub, einfach alles", erzählt Nancy Pohle.

Mit nur sechs Jahren wird Saskia Mitglied beim SV Muldental Wilkau-Haßlau, einem von knapp 140 Schachvereinen in Sachsen. Deutschlandweit spielen rund 93.000 Menschen in 2.700 Vereinen. Damit ist der Deutsche Schachbund als Dachorganisation nach eigenen Angaben einer der größten Schachverbände weltweit.

Mit sieben gegen die stärksten Jungs

Ihrem Trainer Stephan Völz fiel das Mädchen mit den langen blonden Haaren gleich bei den ersten Spielzügen auf. "Sie spielte mit sieben Jahren gegen einen unserer stärksten U10-Jungs – da war mir klar, dass sie ein Riesentalent ist", schildert der Jugendwart des Vereins. Das Schachgenie marschierte innerhalb kürzester Zeit ganz nach vorn: Kreismeisterschaft, Bezirksmeisterschaft, schließlich Sachsenmeisterin im April dieses Jahres und im Juni der Bundestitel.

"Saskia ist ein außergewöhnliches Mädchen, sie setzt sich etwas in den Kopf, und dann zieht sie das durch", meint Völz, der selbst seit 45 Jahren Schach spielt. Nachdem sie das erste Ziel – die Sachsenmeisterschaft – erreicht hatte, habe Saskia die Latte nochmals höher gehängt. "Als sie dann tatsächlich Deutsche Meisterin wurde und die Qualifikationsnorm für die WM geholt hatte, brauchte ich erst mal einen Schnaps", sagt Nancy Pohle.

Nun will die Fünftklässlerin unter die Top Ten bei der WM. "Wenn es gut läuft, schafft sie das", sagt ihr Trainer voller Überzeugung.

Strategie und Taktik geübt

In Vorbereitung auf das zweiwöchige Turnier mit elf Partien wurde das Training deshalb kräftig aufgestockt. Neben der wöchentlichen Trainingseinheit setzte er sich auch am Wochenende mit Saskia ans Schachbrett, tüftelte mit dem Mädchen neue Strategien aus, übte Eröffnungen, löste Taktikaufgaben.

Mutter Nancy richtete unterdessen einen eigenen Blog für das Schachtalent ein und suchte mithilfe eines lokalen Radiosenders Sponsoren. Schließlich fallen allein 5.000 Euro Reisekosten an.

Inzwischen sei das Spendenkonto gut gefüllt, die Anteilnahme in der Region riesig. "Zur Not hätten wir auch einen Kredit aufgenommen", erklären die Eltern, die beide trotz diverser Versuche ihrer Tochter keine Ahnung von Schach haben.

Weiteres Schach-Talent fährt zur EM

Im Vergleich zu vielen anderen Schachvereinen habe der SV Muldental das Training professionalisiert, berichtet Völz. So habe man sachsenweit nicht nur die meisten Lizenztrainer – also speziell ausgebildete Schachspieler –, sondern auch ein eigens entwickeltes Trainingskonzept, das auf einen Großmeister zurückgehe. Auf diese Weise sei bereits eine Vielzahl an Talenten hervorgebracht worden. In diesem Jahr schickt der Verein neben Saskia mit dem zehnjährigen Karl Böhm ein weiteres Schachgenie zur EM nach Rumänien.

Während Saskia bei der WM in Brasilien Pokal Nummer 17 anvisiert, hat Papa Robert zu Hause einen Spezialauftrag: Die Schach-Expertin wünscht sich ein größeres Regal für ihre Trophäen.

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