Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

NSU-Prozess: Die Männer in Zschäpes Schatten

dw.com-Logo dw.com 17.05.2018 Marcel Fürstenau

Die mutmaßliche Rechtsterroristin ist das prägende Gesicht im Strafverfahren gegen den Nationalsozialistischen Untergrund. Ihre vier Mitangeklagten stehen seltener Mittelpunkt, müssen aber auch mit hohen Strafen rechnen.

Angeklagte im NSU-Prozess: André E., Carsten S., Ralf Wohlleben und Holger G. (von links oben im Uhrzeigersinn) © Provided by Deutsche Welle Angeklagte im NSU-Prozess: André E., Carsten S., Ralf Wohlleben und Holger G. (von links oben im Uhrzeigersinn)

Ralf Wohlleben, Holger G., André E. und Carsten S. – das sind die vier Männer, die im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München auf der Anklagebank sitzen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, die terroristische Vereinigung namens Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) unterstützt zu haben. Zehn Morde, zwei Sprengstoff-Anschläge und 15 Raubüberfälle soll das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos von 2000 bis zu seinem Auffliegen 2011 begangen haben. Fünf Jahre dauert das Strafverfahren inzwischen

Als Hauptangeklagte kann nur noch Zschäpe im NSU-Prozess zur Verantwortung gezogen werden. Ihre beiden Weggefährten haben sich nach Erkenntnissen der Ermittler nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach (Thüringen) das Leben genommen. Kein Wunder, dass die 43-Jährige seit fünf Jahren im Zentrum des Interesses und der Berichterstattung über das 2013 begonnene Strafverfahren steht. Von ihr existieren zahlreiche Bilder aus dem Gerichtssaal, die von akkreditierten Fotografen stammen. Die Motive ähneln sich zwangsläufig, weil die Umgebung stets die gleiche ist.

Fünf Jahre NSU-Prozess haben Spuren im Gesicht der Hauptangeklagten Beate Zschäpe hinterlassen © picture alliance/dpa/P. Peter Kneffel Fünf Jahre NSU-Prozess haben Spuren im Gesicht der Hauptangeklagten Beate Zschäpe hinterlassen

Von Zschäpes Mitangeklagten gibt es hingegen nur wenige Aufnahmen. Wegen des Persönlichkeitsschutzes darf lediglich Wohlleben uneingeschränkt gezeigt und mit vollem Namen genannt werden. Im Fall des früheren Funktionärs der rechtsextremen NPD wird das öffentliche Interesse an seiner Person höher bewertet als seine Schutzbedürftigkeit. Trotzdem gilt für ihn wie für die drei anderen Männer: Sie stehen – auch medial – in Zschäpes Schatten.

Das könnte Sie auch interessieren:

Stolpert Seehofer über den BAMF-Skandal?

Wohlleben-Verteidigerin zitiert Hitlers Stellvertreter Hess

Aus diesem Schatten sind sie seit Anfang Mai – ob sie wollten oder nicht – herausgetreten. Denn zurzeit finden die letzten Plädoyers statt, die der Angeklagten. Seit Dienstag haben Wohllebens Verteidiger das Wort. Zwölf Jahre Gefängnis forderte die Bundesanwaltschaft im vergangenen September für den mutmaßlichen Organisator jener Waffe, mit der neun von zehn NSU-Opfern erschossen wurden. Seine Verteidigung forderte am Mittwoch Freispruch – ohne ernsthaft damit zu rechnen.

"Das Gericht kann sich dem öffentlichen Druck nicht entziehen", sagte Olaf Klemke, der Wohlleben gemeinsam mit Nicole Schneiders und Wolfram Narath verteidigt. Klemke beklagte eine "mediale Vorverurteilung" seines Mandanten seit Prozess-Beginn. Deshalb sei er der festen Überzeugung, dass Urteil stehe bereits fest. Auch Schneiders attackierte die Presse und behauptete, der NSU-Prozess sei nicht rechtsstaatlich und nicht fair.

Nicole Schneiders (l.), hier mit ihrem Mandanten Ralf Wohlleben, zitierte Hitlers Stellverterter Hess (Archivbild) © picture-alliance/AA/J. Koch Nicole Schneiders (l.), hier mit ihrem Mandanten Ralf Wohlleben, zitierte Hitlers Stellverterter Hess (Archivbild)

Den Richtern hielt die früher in er NPD aktive Schneiders entgegen, sie müssten ihr Urteil "eines Tages vor dem Richterstuhl des Ewigen verantworten". Mit denselben Worten hatte Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess die Richter in den Nürnberger Prozessen konfrontiert. Hess wurde 1946 zu lebenslanger Haft verurteilt und nahm sich 1987 im Berliner Kriegsverbrecher-Gefängnis das Leben.

Verteidiger bezeichnet seinen Mandanten als "Nationalsozialist"

Ohne Provokationen verliefen die Plädoyers für die anderen Angeklagten. Dabei überraschten André E.s Verteidiger Herbert Hedrich mit dem Eingeständnis, sein Mandant sei ein Nationalsozialist, "der mit Haut und mit Haaren zu seiner politischen Überzeugung steht". Er verteidige nicht dessen Gesinnung, sagte Hedrich, und versuche auch nicht, die NSU-Taten zu rechtfertigen. Allerdings sei es seine Aufgabe, E. gegen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu verteidigen.

Wegen Fluchtgefahr sitzt André E. auf Antrag der Bundesanwaltschaft seit Ende 2017 in Untersuchungshaft (Archivbild) © picture-alliance/dpa Wegen Fluchtgefahr sitzt André E. auf Antrag der Bundesanwaltschaft seit Ende 2017 in Untersuchungshaft (Archivbild)

Die Anklage wirft dem bekennenden Nazi unter anderem versuchten Mord vor und fordert für ihn die gleiche Strafe wie für Wohlleben: zwölf Jahre. Hingegen plädierten E.s Verteidiger auf Freispruch. Sie halten ihren Mandanten im Sinne der Anklage für unschuldig. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, unter seinem Namen seien Fahrzeuge angemietet worden, die der NSU bei Raubüberfällen und einem Bomben-Anschlag in einem Kölner Laden genutzt haben soll.

Holger G. will für seine Tat "geradestehen"

Auf eine Strafe von "unter zwei Jahren" hoffen die Verteidiger des Angeklagten Holger G., fünf Jahre fordert hingegen die Bundesanwaltschaft. Dass er dem schon 1998 untergetauchten NSU-Trio mal eine Waffe lieferte und falsche Papiere besorgte, hatte G. zu Beginn des Prozesses zugegeben. Die Hilfe sei ein "Freundschaftsdienst" gewesen, sagte Verteidiger Pajam Rokni-Yazdi. Sein Mandant wolle für seine Tat "geradestehen". Er habe aber nicht ahnen können, dass "Böhnhardt und Mundlos durchs Land reisten und Menschen töteten".

Holger G.s Verteidiger Pajam Rokni-Yazdi (l.) hofft beim NSU-Prozess auf ein mildes Urteil für seinen Mandanten © picture-alliance/dpa/T. Hase Holger G.s Verteidiger Pajam Rokni-Yazdi (l.) hofft beim NSU-Prozess auf ein mildes Urteil für seinen Mandanten

G.s zweiter Verteidiger Stefan Hachmeister kritisierte, der NSU-Prozess sei von Anfang an mit einer "überhöhten Erwartungshaltung" auf Seiten der Nebenkläger und der Öffentlichkeit belastet gewesen. Zwar verstehe G. das Bedürfnis nach hohen Strafen, er habe jedoch auch Angst davor, als "Sündenbock" herhalten zu müssen.

Nebenkläger halten Carsten S. für glaubwürdig

Eine "moralische" Schuld seines Mandanten Carsten S. räumte dessen Verteidiger Jacob Hösl ein, allerdings keine im rechtlichen Sinne. Die Bundesanwaltschaft hält drei Jahre Jugendstrafe für angemessen, weil er dem NSU zur Jahrtausendwende eine Waffe mit Schalldämpfer geliefert haben soll. Der Angeklagte S. bestätigte diesen Anklage-Vorwurf gleich zu Beginn des Prozesses 2013. Als einziger war er auch bereit, Fragen der zahlreichen Nebenkläger zu beantworten. Viele von ihnen nahmen S. seine Reue ab.

Ein ganz anderes Bild zeichnete am Mittwoch Wohlleben-Verteidiger Klemke. Er warf S. "Lügen" und "Märchen" vor. Er versuche, Wohlleben so weit wie möglich zu belasten, "um sich selbst Gnade zu erkaufen". Welche Verteidiger- Strategie erfolgreich sein wird – wenn überhaupt – darüber entscheidet der Strafsenat unter dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl. Frühestens Ende Juni wird die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ihr Urteil hören. Das gilt auch für die neben und hinter ihr auf der Anklagebank sitzenden vier Männer.

Autor: Marcel Fürstenau

| Anzeige
| Anzeige
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon