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Obdachlosigkeit fast verdoppelt: Hamburg muss jetzt endlich handeln!

Hamburger Morgenpost-Logo Hamburger Morgenpost 12.01.2019 Timo Spiewak
Einer der bekanntesten Obdachlosen- Schlafplätze Hamburgs: die Kersten-Miles- Brücke an der Helgoländer Allee (St. Pauli) © dpa Einer der bekanntesten Obdachlosen- Schlafplätze Hamburgs: die Kersten-Miles- Brücke an der Helgoländer Allee (St. Pauli)

1910 – nun ist die Zahl offiziell. Und es hat sich bestätigt, was alle Akteure in der Wohnungslosenhilfe bereits seit langer Zeit befürchtet hatten. Die Zahl der Menschen, die in unserer Stadt auf der Straße leben, ist dramatisch angestiegen. Die Hamburger Sozialbehörde hat die Ergebnisse der Wohnungslosenbefragung aus dem Frühjahr 2018 nun veröffentlicht. Allerdings ohne konkrete Konsequenzen. Ohne Hilfskonzept oder zumindest den erkennbaren Willen, etwas ändern zu wollen. Dabei ist es höchste Zeit: Die Stadt muss jetzt handeln.

Die letzte Befragung aus dem Jahr 2009 hatte ergeben, dass 1029 Personen auf der Straße leben. Die neuen Zahlen zeigen: Die Obdachlosigkeit hat sich in Hamburg nahezu verdoppelt. Und die tatsächliche Zahl dürfte noch viel höher sein. Die an der Befragung beteiligten Wohlfahrtsverbände gehen davon aus, dass es eine erhebliche Dunkelziffer gibt. Zumal bei der Befragung längst nicht alle Obdachlosen erreicht wurden. Es gab erhebliche organisatorische Mängel. Fragebögen wurden zum Teil zu spät verschickt oder lagen nicht in ausreichender Menge vor. Es gab zu wenig Personal für die Befragung, so dass einige Einrichtungen der Obdachlosenhilfe eigene Hilfskräfte akquirieren mussten. Und vielfach fehlten dann auch noch Dolmetscher, so dass viele der Obdachlosen, die nicht-deutschsprachigen Betroffenen, gar nicht erst befragt werden konnten.

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Unabhängig von der Frage, ob nun 1910 Menschen in Hamburg auf der Straße leben oder ob die tatsächliche Zahl bei 2500 oder sogar bei 3000 Menschen liegt: Es ist an der Zeit, endlich zu handeln. Die bisherigen Maßnahmen haben die Straßenobdachlosigkeit nicht reduziert und waren somit nicht ausreichend. Neue Maßnahmen und Projekte sind erforderlich. Der Senat muss zeigen, ob er Obdachlosigkeit wirksam bekämpfen will oder ob die Verelendung der Menschen auf den Straßen der Stadt bis zur nächsten Befragung weiter zunimmt.

Unter Schlafsäcken liegt ein Obdachloser bei eisigen Temperaturen auf einer Parkbank. © imago/Rüdiger Wölk Unter Schlafsäcken liegt ein Obdachloser bei eisigen Temperaturen auf einer Parkbank.

Die Flüchtlingskrise hat sehr anschaulich gezeigt, was bei der Unterbringung und Erstversorgung von geflüchteten Menschen alles möglich war. Der Wille von privaten Initiativen, städtischen Akteuren und der Freien Wohlfahrtspflege war groß, sich den Herausforderungen in der Flüchtlingsfrage zu stellen und diese zu meistern. Ist der Wille in der Bekämpfung der Obdachlosigkeit nicht vorhanden? Bewegt das Leid dieser Menschen die Gesellschaft nicht so sehr? Oder ist der gesellschaftliche Druck nicht groß genug, damit die Stadt endlich handelt?

Zweifelsohne finanziert die Stadt zahlreiche Projekte und Einrichtungen in der Wohnungslosenhilfe, bietet selbst Beratungsangebote und ein umfangreiches Winternotprogramm an. Ein Gesamtkonzept ist jedoch nicht erkennbar. Es gibt keine Ansage oder gar Vision, Obdachlosigkeit in unserer Stadt nachhaltig zu bekämpfen. Warum wird nicht der Wille formuliert, Obdachlosigkeit in den kommenden fünf Jahren halbieren zu wollen? Natürlich sind dafür zusätzliche Mittel erforderlich. In erster Linie geht es aber um eine klare Absichtserklärung. Wir brauchen ein deutliches Signal.

Timo Spiewak © hfr Timo Spiewak

Die Ergebnisse der Obdachlosenbefragung bedürfen einer intensiven Auseinandersetzung und müssen Grundlage sein für ein umfangreiches Aktionsprogramm. Für die Caritas, die Diakonie und die anderen Wohlfahrtsverbände sind drei Aspekte von zentraler Bedeutung:

- Obdachlosigkeit vermeiden: Ein Viertel der wohnungs- und obdachlosen Menschen hat ihre Wohnung durch eine Kündigung oder Zwangsräumung verloren. Somit müssen die Anstrengungen intensiviert werden, diese Mietverhältnisse zu sichern und Obdachlosigkeit gar nicht erst entstehen zu lassen. Gefragt sind dabei vor allem die bezirklichen Fachstellen für Wohnungsnotfälle. Sie müssen personell besser ausgestattet werden, um in zeitintensiven Hausbesuchen noch präventiver agieren zu können.

- Wohnraum für Wohnungslose schaffen: In der Stadt werden so viele Wohnungen wie noch nie gebaut. Wohnungslose profitieren davon jedoch nur wenig. Daher muss der Senat das städtische Wohnungsunternehmen Saga in die Pflicht nehmen, mehr Wohnungen an obdachlose Menschen zu vermieten.

- Situation nicht-deutscher Wohnungsloser verbessern: Zwei Drittel der auf der Straße lebenden Menschen in Hamburg haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sind nach Hamburg gekommen, um Arbeit zu finden. Ist diese Suche nicht erfolgreich, benötigen diese Menschen bedarfsgerechte Hilfen, um nicht obdachlos zu werden und zu verelenden. Eine Vertreibung löst keine Probleme. Menschen in existenzieller Not haben – unabhängig von ihrer Nationalität – ein Recht auf eine medizinische Versorgung und auf ein sicheres Dach über dem Kopf.

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