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Polizeigefängnis Keibelstraße: „Zeitzeugen werden bei uns keine Führungen machen“

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 11.08.2018 berliner-zeitung
Neuer Inhalt (2): Markus Wächter © Markus Wächter Markus Wächter

Für so manchen Film bot das einstige DDR-Polizeigefängnis in der Keibelstraße unweit des Alexanderplatzes eine perfekte Kulisse. „Männerpension“, „Das Leben der anderen“ und so mancher Polizeiruf 110 wurde dort gedreht. Ansonsten blieb das Gebäude meist verschlossen.

Ab Dezember öffnet der berüchtigte Ort für die Öffentlichkeit, genauer gesagt für Schüler. Zumindest der Gefängnistrakt im ersten Obergeschoss wird zum authentischen Lernort. Zunächst sollen sich ältere Schüler ab der 9. Klasse die kleinen Gefängniszellen und die dazugehörige Ausstellung anschauen und zusammen mit ihren Lehrern Archivmaterial durchforsten. „Im Jahr 2019 rechnen wir mit 300 Schulklassen jährlich“, sagte Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD).

Seit Freitag steht fest, dass der freie Träger Agentur für Bildung e.V. diesen Lernort betreiben und ausgestalten wird – und nicht die Gedenkstätte Hohenschönhausen um ihren Vorsitzenden Hubertus Knabe, die sich ebenfalls um den Betrieb des Gefängnisses Keibelstraße beworben hatte.

CDU äußerte Kritik an „ominöser Bildungsagentur“

„Das ist eine Entscheidung aus sachfremden Gründen“, sagte Knabe am Freitag der Berliner Zeitung. Zu einem solch historischen Ort gehörten Zeitzeugen. Diese machen Führungen im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen.

„Zeitzeugen werden bei uns keine eigenen Führungen machen“, sagte hingegen Birgit Marzinka, Geschäftsführerin des freien Trägers. Sie könnten aber in die Projekt- und Seminararbeit einbezogen werden. Forschen sollen die Schüler selbst.

Die Berliner CDU bezeichnete es am Freitag als „inakzeptabel“, dass eine „ominöse Bildungsagentur“ den Zuschlag erhalte. Es fehle an Expertise. „Der Gedenkstätte Hohenschönhausen, den Opferverbänden und anderen möglichen Interessenten so vor den Kopf zu stoßen, ist stillos“, sagte der parlamentarische Geschäftsführer Danny Freymark. Auch Opferverbände protestierten.

Polizeigefängnis gehört Senatsbildungsverwaltung

Die DDR-Volkspolizei nutzte das Polizeigefängnis bis 1990 als Untersuchungshaftanstalt. Die insgesamt neun Geschosse mit gut 108 Zellen entstanden im Jahr 1951 und sind bis heute weitgehend so erhalten. Zu DDR-Zeiten waren die Trakte oft überbelegt. Neben tatsächlichen Kriminellen saßen dort auch vermeintliche Unruhestifter wie der Maler Norbert Bisky ein. Toni Krahl, Sänger der Band City, war dort zeitweilig inhaftiert, weil er 1968 gegen den Einmarsch in Prag protestiert hatte. Später fuhren dann Langhaarige oder Punker ein, die nicht ins Bild der DDR-Sicherheitsbehörden passten. „Man konnte wegen einer falschen Frisur hier hineinkommen – oder weil man auf einer Parkbank übernachtet hatte“, sagte Martin Brendebach, zuständiger Referent in der Bildungsverwaltung.

Heute gehört das einstige Polizeigefängnis zum Komplex der Senatsbildungsverwaltung. Eigentümer ist die Berliner Immobiliengesellschaft. Für die Schüler wurde einiges umgebaut. So lassen sich die Zellentüren nicht mehr schließen. Ein Gitter versperrt zudem den Zutritt in die oberen Etagen. Die oberen Bereiche sind nicht vorschriftsmäßig abgesichert.

Knabe hatte bereits Kritik am aus seiner Sicht wenig denkmalgerechten Umbau geübt. Rackles wies dies zurück. Die meisten Veränderungen seien bereits in den 1990er-Jahren durch die Filmteams geschehen. Beispielsweise ließen die Filmleute die beige-grüne Originalfarbe der Zellen grau überpinseln. „Das passte aus ihrer Sicht besser zur DDR.“

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Allgemein zugänglicher Erinnerungsort

In den kommenden Monaten wird im ersten Obergeschoss eine multimediale Ausstellung eingerichtet. „Wir werden auch mit Filmaufnahmen aus der DDR arbeiten“, sagte Martin Lücke, Geschichtsdidaktiker an der Freien Universität. Die Schüler sollen dann in dem Seminarraum kleine Schriftstücke oder auch Filmchen erstellen, die sie mitnehmen können. Parallel soll an der Humboldt-Universität ein Zugang für Grundschüler zu dem Thema entwickelt werden.

Ab 2022/23 könnte das Gefängnis dann nach Einschätzung von Rackles zu einem allgemein zugänglichen Erinnerungsort an die DDR werden. Alle Geschosse würden dann geöffnet, so hat es der Senat beschlossen. „Dafür müssten Zugänge auf allen Ebenen geschaffen und die Brandschutzbestimmungen umgesetzt werden“, sagte Rackles. Mittel dafür müssten in den nächsten Doppelhaushalt eingestellt werden. „Bis zu den Haushaltsberatungen 2019 muss der Senat dafür alles vorbereiten“, forderte der Grünen-Politiker Andreas Otto. Eine Art Beirat wird dazu Empfehlungen abgeben.

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