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Schläge, Gehirnwäsche, Mobbing: Aussteigerin Abigail: „Ich entkam der Sekten-Hölle“

Berliner Kurier-Logo Berliner Kurier 10.08.2018 berliner-kurier
Abigail_Sekte: War jahrelang Mitglied in der „Organischen Christus Generation“: Aussteigeirn Abigail. © picture alliance/dpa War jahrelang Mitglied in der „Organischen Christus Generation“: Aussteigeirn Abigail.

Mit 21 Jahren schaffte sie den Sprung in neues Leben. Abigail war seit ihrer Kindheit Mitglied in der Gruppe „Organische Christus Generation“. Eine Sekte, deren Mitglieder harten Regel ausgeliefert sind.

Sie schafft den Ausstieg aus der „Gemeinschaft“, in der sich unterdrückt und geschlagen wurde. Die heute 23 Jahre alte Frau schildert bei einem Treffen in Düsseldorf ihr Leid und Leben in der Sekte. Und was sie heute macht.

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Ausstieg mit 21 Jahren

Abigail ist 21 Jahre alt, als sie ihr erstes Leben beendet. Von einem Tag auf den anderen lässt sie alles zurück. Raus aus der alten, rein in eine neue, fremde Welt. „Es ist, als wäre ich auf einem neuen Planeten gelandet“, sagt sie, als sie ihre Lebensgeschichte erzählt, die von ihren Eltern stark geprägt wurde.

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Als Abigail vier Jahre alt ist, treffen ihre Eltern die Entscheidung, in eine Gemeinschaft einzutreten, deren Namen nur wenige kennen: „Organische Christus Generation“ - kurz OCG. So nennt sich die Sekte mit Zentrum in der Schweiz, die auch in Deutschland und Österreich Anhänger hat. Abigail und ihre vier Geschwister werden damit zu „OCGern“.

Körperliche Attacken an der Tagesordnung

Was ist die OCG? Gegründet wurde die Gemeinschaft von Ivo Sasek Ende der 1990er Jahre. In der Gemeinschaft herrscht ein schroffer Ton, Verschwörungstheorien werden verbreitet. Kontakt zu Randgruppen wird aufgenommen, die Außenwelt als böse wahrgenommen. Und: Körperliche Züchtigungen spielen eine große Rolle.

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Abigail berichtet von körperlichen Attacken - von ihrer Kindheit bis ins Teenager-Alter. Für die kleinsten Fehler sei sie wieder und wieder bestraft worden. „Ich war in meinem Leben von Anfang an Schlägen ausgeliefert“, sagt sie. „Ich sollte gehorsam sein, lieb sein.“

OCG_Abigail_Sekte © picture alliance/dpa OCG_Abigail_Sekte

Von alldem will Gründer Ivo Sasek nichts wissen. Er gibt an, von den Behörden stets für die Erziehung seiner eigenen Kinder „hoch gelobt“ und „wiederholt von jeder strafbaren Handlung freigesprochen“ worden zu sein.

„Da wird der Teufel gelehrt“

Doch Abigail schildert, dass ihr etwa der Kita-Besuch verweigert wurde. Dort werde „der Teufel gelehrt“, habe ihr die Mutter erzählt. In der Grundschule wurde sie wegen der eigentümlichen Klamotten von ihren Mitschülern gemobbt.

Die Außenwelt habe auf sie als kleines Mädchen tatsächlich so böse und feindselig gewirkt, wie es ihr eingetrichtert worden sei. Abigail nennt das, was sie erlebt hat, eine Gehirnwäsche - verbunden mit ständigem psychischen Druck und Überwachung auch innerhalb der eigenen Familie.

„Die versuchen, dich in allen Gesprächen innerlich zu brechen“, erinnert sie sich. Auch wenn sie nicht alles geglaubt habe, sei sie lange nicht in der Lage gewesen, sich zu lösen.

Intern sei die OCG streng hierarchisch und pyramidenförmig aufgebaut, erzählt Abigail. Zentrum vieler Aktivitäten ist Walzenhausen im Nordosten der Schweiz.

2000 Mitglieder bilden den harten Kern

Rund 2000 Mitglieder bilden den harten Kern, schätzt Sektenexperte Pöhlmann. „Zusätzlich gibt es Sympathisanten im Umfeld, die bestimmte Auffassungen, die die AZK zum Beispiel verbreitet, teilen und unterstützen. Diese sind aber nicht unbedingt in der OCG organisiert.“

Mit seinen Kanälen erreicht Sasek nach Einschätzung von Fachleuten mehrere tausend Menschen - vor allem in der Schweiz, Deutschland und Österreich. „Die Zuhörer- und Zuschauerschaft von Saseks Vorträgen, Webseiten und Internet-Fernsehkanälen geht weit über seine Anhängerschaft der OCG hinaus“, heißt es in einer Analyse der Sektenberatungsstelle Nordrhein-Westfalen.

Außerhalb von Walzenhausen treffen sich OCG-Mitglieder nach Abigails Aussagen in sogenannten Stuben, also privaten Hausgruppen. Sie sei oft bei solchen Treffen gewesen. Gegenseitige Kontrolle, Indoktrinierung und Einschüchterung - das seien für sie bis heute die prägendsten Erinnerungen an diese Veranstaltungen.

Sasek wehrt sich gegen Behauptungen

Auch dagegen wehrt sich Sasek. Das Gegenteil sei der Fall. Es gebe keinen psychischen Druck in der OCG. Strukturen, die möglicherweise als hierarchisch oder streng wahrgenommen werden könnten, erklärt er so: „Um all diese Studios und rein organisatorischen Abläufe zu koordinieren, braucht es wie in jedem anderen Betrieb dieser Welt klare Strukturen und Gebietseinteilungen.“

Viele Menschen hätten sich „von selbst in dieses Generationsereignis“ eingefügt, wie er schreibt. „Die OCG existiert in einer Herzens-Verbindlichkeit, in einem tiefen Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen dieser Welt“, so Sasek in einer schriftlichen Antwort an die dpa.

Nach Abigails Erfahrungen hingegen kann das enge Netz der Gemeinschaft anders gesehen werden: Es solle einen Ausbruch verhindern. Schließlich könnte derjenige, der die Isolation durchbreche, erkennen, was Lüge sei und was Wahrheit. So wie es auch Abigail erlebt hat.

„Das Leben in der OCG ist die wahre Hölle“, sagt Abigail.

Ein Leben, dem sie entkommen ist. Alles begann im Winter 2017. Eine heftige Erkrankung, die so schlimm ist, dass die Gemeinschaft nicht helfen kann, führt sie in die reale Welt. Sie bekommt kaum Luft und hat hohes Fieber. Schließlich wird es so schlimm, dass ihr Vater den Notarzt ruft. Was in der Sekte kein Normalfall ist.

So nahm sie Kontakt zur Außenwelt auf

Im Krankenwagen nimmt sie Kontakt zur Außenwelt auf. „Im Rettungswagen habe ich gedacht: Was sind das denn für Menschen? Die sind so lieb.“ Seitdem sie denken kann, galt für sie: Die Außenwelt ist böse. „Aber da habe ich gemerkt, es gibt eine Liebe in dieser Welt, die ich nicht kenne. Und nicht eine Hölle, die ich nicht kenne.“

Kurz darauf kommt es zum Bruch, sie verlässt die Gemeinschaft. „Mir war total egal, welche Konsequenzen mir drohen. Ob mich mein Vater rausschmeißt. Ich wusste, ich will diese Welt, die so lieb ist, kennenlernen. Wenn alles zerbricht, ist mir das total egal.“ Auch ihre vier Geschwister hätten diesen Sprung des Austritts mittlerweile gewagt, erzählt sie.

Abigail hatte Angst

Natürlich habe die OCG versucht, sie zurückzuholen. Sie habe auch Angst gehabt. „Mein ganzes Leben habe ich mit einem Mal abgebrochen. Ich habe bei null wieder angefangen. Ich hatte keine Freunde. Ich musste schauen, wie ich mein Leben finanziere. Aber ich wusste: Irgendjemand fängt dich auf.“ Geholfen habe ihr auch Gott. Noch immer ist sie sehr gläubig. Gott war und ist ihr großer Anker. In eine Kirchengemeinde wolle sie aber nicht mehr.

Abigail_Sekte_II © picture alliance/dpa Abigail_Sekte_II

Wer mit Anfang 20 sein Leben neu beginnt, der hat doch sicher vieles nachzuholen? Klar, meint sie. Aber nicht mit Partys, Exzessen und Alkohol. Sie habe mal ein Radler getrunken. Sei nicht so ihr Ding.

Heute macht sie eine Ausbildung zur Informationstechnischen Assistentin. Sie lebt in Nordrhein-Westfalen und macht derzeit ein Praktikum in einem Krankenhaus. Wo sich Menschen um andere kümmern. Sie sagt heute: „Ich bin ein sehr glücklicher Mensch.“

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