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So verschieden sind die Abtreibungsgesetze weltweit

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 12.08.2022 RP ONLINE

Düsseldorf. Die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche ist keine einfache - die einen verteidigen das Leben, die anderen das Recht auf Selbstbestimmung. Kriterien gibt es viele, entsprechend unterschiedlich ist die Gesetzeslage in der Welt. Wie groß die Unterschiede rund um den Globus sind, zeigt eine interaktive Weltkarte.

 Die Farben der Weltkarte geben einen Überblick über die Gesetze der Länder: Rot steht für ein striktes Abtreibungsverbot, Gelb signalisiert die Erlaubnis aus gesundheitlichen Gründen und Türkis und Blau symbolisieren liberalere Gesetzeslagen. © Center for Reproductive Rights Die Farben der Weltkarte geben einen Überblick über die Gesetze der Länder: Rot steht für ein striktes Abtreibungsverbot, Gelb signalisiert die Erlaubnis aus gesundheitlichen Gründen und Türkis und Blau symbolisieren liberalere Gesetzeslagen.

Wie kleinteilig die Gesetzgebung in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche ist, wird am Fall von Kristina Hänel deutlich. 2017 wurde die Gießener Ärztin zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt, weil sie auf ihrer Webseite über verschiedene Abtreibungsmethoden informiert hatte, was dem Paragrafen 219a des deutschen Strafgesetzbuches zufolge verboten war.

Der Paragraf wurde im Juni 2022 zwar abgeschafft, in Deutschland ist eine Abtreibung gesetzlich jedoch mit weiteren juristischen Feinheiten verknüpft. Denn offiziell ist der Schwangerschaftsabbruch hierzulande, wie in den meisten Ländern, verboten. Das regelt in Deutschland der Paragraf 218 des Strafgesetzbuches. Straffrei bleibt der Abbruch, wenn die Schwangere drei Tage davor eine externe Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle aufsucht und die Abtreibung vor der 14. Schwangerschaftswoche vollzogen wird. Im Fall von Missbrauch oder Vergewaltigung bleibt die Abtreibung für die Schwangere bis zur 22. Schwangerschaftswoche straffrei, der behandelnde Arzt kann sich mit dem Eingriff jedoch strafbar machen.

In Tunesien, Benin, Südafrika, Argentinien und Russland sowie in weiten Teilen Europas wird dies ähnlich gehandhabt: Der Fötus kann auf Anfrage innerhalb einer Frist, die zwischen zehn und 16 Wochen variiert, abgetrieben werden. Wiederum fallen einige europäische Länder hierbei mit besonders strikten Verboten deutlich aus dem Raster. Das zeigt eine interaktive Weltkarte der Organisation „Center for Reproductive Rights.“ In dieser Übersicht werden die Abtreibungsgesetze der verschiedenen Länder der Welt veranschaulicht.

Abtreibungsverbot trotz Vergewaltigung, Missbrauch oder Tod der Schwangeren in drei europäischen Ländern Gesetz

Wie die Karte zeigt, sind Abtreibungen in den drei europäischen Ländern Malta, San Marino und Andorra unter allen Umständen verboten. Das bedeutet, dass Frauen den Fötus weder nach einer Vergewaltigung, nach einem inzestuösen Missbrauch oder bei Missbildung abtreiben dürfen. Selbst wenn das Risiko besteht, dass die Frau bei der Geburt stirbt, besteht kein Recht auf eine Abtreibung. Schwangere machen sich in dem Fall sogar strafbar. Diese Regelung lässt sich außerhalb von Europa in 18 weiteren Ländern finden, darunter Jamaika, Ägypten, Senegal, El Salvador, Irak und auf den Philippinen.

Viele Länder genehmigen Abtreibung ausschließlich, wenn das Leben der schwangeren Frau bedroht ist


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Befindet sich eine schwangere Frau in einem schlechten gesundheitlichen oder sogar lebensbedrohlichen Zustand, ist eine Abtreibung in vielen Ländern - darunter Saudi-Arabien, Liechtenstein, Polen, Peru und Nigeria - gesetzesgemäß. Entscheidend ist hierbei jedoch, ob das jeweilige Land noch einen zusätzlichen Vermerk für weitere Ausnahmeszenarien festlegt. Zu diesen Szenarien zählen Vergewaltigung, Inzest und die Missbildung des Fötus gleichermaßen wie der Vermerk, dass die abtreibende Frau zuerst das Einverständnis ihres Ehemanns einholen muss.

Die Gesetzgebung fällt in Teilen komplett unterschiedlich aus: In Polen kann eine schwangere Frau im Falle einer Vergewaltigung oder nach einem Missbrauch in der eigenen Familie legal abtreiben, bei schweren Fehlbildungen des Fötus ist der Schwangerschaftsabbruch allerdings illegal. In Algerien wird die Abtreibung per Gesetz nur genehmigt, wenn dies der Gesundheit der Frau förderlich ist. Hierbei wird die mentale Gesundheit explizit hervorgehoben, welche nach einer Vergewaltigung oder einem Missbrauch maßgeblich beeinträchtigt ist. Konkret finden die Sexualdelikte jedoch keinen Weg ins Gesetzbuch.

Schwangerschaftsabbruch aufgrund des Geschlechts legal

In vier Ländern der Welt wird der Schwangerschaftsabbruch per Gesetz genehmigt, wenn eine Abtreibung aufgrund des vorausgesagten Geschlechts vorgenommen werden soll. Die geschlechtsselektive Abtreibung ist in China, Nepal, Montenegro und auch im Kosovo legal. Hintergrund ist, dass in vielen Gesellschaften traditionell männlicher Nachwuchs bevorzugt wird. Systematische Tötungsdelikte an einer bestimmten Geschlechtergruppe, kurz Genderzide, werden jedoch nicht nur in den Ländern praktiziert, in denen es entsprechende Abtreibungsgesetze gibt, auch verzerrte Statistiken zu Geschlechterverhältnissen können darauf hindeuten. Neben dem Abtreiben von weiblichen Nachkommen gibt es auch sogenannte Infantizide, bei denen die weiblichen Nachkommen kurz nach der Geburt getötet werden.

Abtreibung in allen Phasen der Schwangerschaft in Kanada

In Europa gelten die Niederlande als besonders liberal, wenn es um Abtreibungen geht. Erst kürzlich wurde die fünftägige Bedenkzeit vor Abtreibungen gekippt, um den Frauen den Schwangerschaftsabbruch zu erleichtern. In den Niederlanden können Frauen den Fötus abtreiben, bis er überlebensfähig ist - was in etwa der 22. Schwangerschaftswoche entspricht. In Island, Kolumbien und Guinea-Bissau kann ebenfalls bis zu diesem Zeitpunkt abgetrieben werden. In Kanada dagegen wurde die Abtreibung vollständig entkriminalisiert. Hier können Frauen ihre Schwangerschaft in allen Phasen abbrechen, theoretisch also auch kurz vor der Geburt.

Was die weltweiten Abtreibungsgesetze anbelangt, gibt es gewiss eine große Spannweite. In den Vereinigten Staaten variieren die Vorschriften von Staat zu Staat sehr stark. Das Oberste Gericht der USA hatte am 24. Juni das Grundsatzurteil „Roe v. Wade“ aus dem Jahr 1973 aufgehoben, das ein landesweites Grundrecht auf Abtreibungen verankert hatte. Die Entscheidung sorgte für ein politisches Erdbeben und gilt als historische Zäsur. Weil es kein Bundesgesetz zu Abtreibungen gibt, können Bundesstaaten jetzt Schwangerschaftsabbrüche weitgehend oder komplett verbieten. Zahlreiche konservativ regierte Bundesstaaten haben dies bereits getan.

Das Thema ist ebenso brisant wie komplex, es greift in das religiöse Selbstverständnis, die ethischen Grundsätze, aber auch in das Selbstbestimmungsrecht ein. Doch auch die Dunkelziffern sollten in diesem Zusammenhang bedacht werden. Denn der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge finden 45 Prozent der Abtreibungen im Verborgenen mithilfe improvisierter Abtreibungsmethoden statt - fast alle davon in Entwicklungsländern. Diese enden häufig lebensbedrohlich oder sogar tödlich.

Zudem gibt die Gesetzgebung nur einen groben Überblick. In der Realität haben viele Frauen, auch in Deutschland, Schwierigkeiten, überhaupt einen Arzt zu finden, der die Abtreibung durchführt. Das bestätigt der Bundesverband für Sexualität und Partnerschaft pro familia.

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