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Studie: Erleben Ostdeutsche und Migranten ähnliche Ausgrenzung?

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 05.04.2019 Sabine Rennefanz
Migranten und die Menschen in den neuen Bundesländern erleben ähnliche Diskriminierung, behauptet eine Studie. © picture alliance / dpa Migranten und die Menschen in den neuen Bundesländern erleben ähnliche Diskriminierung, behauptet eine Studie.

Sind Ossis auch nur Migranten? Diese These, die die Berliner Integrationsforscherin Naika Foroutan Anfang der Woche mit einer Studie untermauerte, sorgt für Diskussion. Ostler erleben demnach ähnliche Stigmatisierungen und Ausgrenzungserfahrungen wie Muslime. Um die Lage zu verbessern, könnten Quoten für bestimmte Positionen helfen, so die Schlussfolgerung. Die Analogien, die die Autoren um Foroutan herausarbeiten, sind frappierend, aber die Studie wirft auch viele Fragen auf: Ist es seriös, die unterschiedlichen Schicksale gleichzusetzen? Ist jede Ausgrenzung, die Menschen erleben, automatisch „migrantisch“? Werden Ostdeutsche nicht damit zu Fremden gemacht?

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Die Studie sorgt für Diskussionen

Die Leiterin der Brandenburger Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam, Martina Weyrauch, ist wütend: „Seit dreißig Jahren arbeite ich dran, dass die Leute sich selbst einbringen, und jetzt werden Konferenzen veranstaltet und Studien dazu veröffentlicht, wie unterdrückt wird sind. Ich sage: Das ist doch Quatsch. Wir können uns seit 30 Jahren einbringen“, sagt sie. Die Studie führe zur weiteren Fragmentation der Gesellschaft. Eine Quote für Ostdeutsche und Migranten, wie sie von den Autoren der Studie als möglicher Ausweg ins Gespräch wird, lehnt sie ab.

Westdeutsche werfen laut der Studie Ostdeutschen und Muslimen vor, noch nicht angekommen zu sein. © BLZ/Galanty; Quelle: Dezim Institut Westdeutsche werfen laut der Studie Ostdeutschen und Muslimen vor, noch nicht angekommen zu sein.

Genug vom Opfergerede hat auch Ralf Fücks, der frühere Grünen-Chef: „Der kollektive Identitätswahn und die Opferkonkurrenz treiben immer tollere Blüten“, kommentierte er. „Die Studie bringt Bewegung in die Debatte, wer wird sind, Ostdeutsche und Migranten“, lobt hingegen der Sozialwissenschaftler Johannes Staemmler, Mitgründer der Dritten Generation Ost.

Vergleich von Ostdeutschen und Migranten laut Integrationsforscherin sinnvoll

Dass es Ähnlichkeiten in den Erfahrungen und Prägungen zwischen Ostdeutschen und Migranten gibt, ist keine neue Erkenntnis. Ostdeutsche und Migranten verdienen tendenziell weniger und sind seltener in Leitungspositionen anzutreffen. 2013 veröffentlichte die Leipziger Politologin Rebecca Pates eine Studie über den „Ossi als symbolischen Ausländer“. Auch die Migrationsforscherin Naika Foroutan hat ihren Wirkungseinfluss ausgedehnt und die Ostdeutschen als Objekt entdeckt : „Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen“, sagte sie in einem Interview im vergangenen Jahr. Das war ein interessanter Blick auf die Geschichte: Im März 1990 wählte eine Mehrheit das Ende der DDR und jeglicher Experimente, in einer freien Wahl. Das Land ging nicht weg, es wurde weggeschickt.

Die Antwort auf die Frage, was ihre Agenda mit der aktuellen Studie ist, beantwortet Foroutan jetzt in der Zeit: „Die Ostdeutschen hatten zwar vieles nicht, aber immerhin waren sie auch deutsch. Das Ethnische hält Gesellschaften zusammen. Wenn wir daran jetzt rühren und die Ostdeutschen in die Nähe der Migranten rücken, reagieren viele widerspenstig. (…) Solche Vergleiche sind sinnvoll, um Deutungsmuster zu verändern.“

Studie arbeitet Analogien zwischen Ostdeutschen und Migranten heraus

Die Studie des Deutschen Instituts für Integrations- und Migrationsforschung – das Naika Foroutan leitet – trägt den Titel „Ostmigratische Analogien I“. Im Vorwort ist noch von Migranten die Rede, später nur noch von Muslimen. „Westdeutsche werfen beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren, sich nicht genug vom Extremismus zu distanzieren und noch nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein“, heißt es im Fazit. Für die Studie wurden zwischen Juni 2018 und Januar 2019 7233 Personen ab 14 Jahren per Telefon befragt. Den Befragten wurden Hypothesen vorgelegt, die man mit „tendenzieller Zustimmung“, „Ablehnung“, „Weiß nicht“, beantworten konnte. Das ist in der Sozialforschung ein übliches Verfahren, allerdings kann man so der Befragung schon eine Richtung geben: „Ostdeutsche werden als Bürger zweiter Klasse behandelt“, lautet einer der Sätze, die den Befragten vorgelesen wurden.

Die Studie arbeitet Analogien heraus, an Ursachenforschung sind die Autoren weniger interessiert: Ungefähr ein Drittel der Ostdeutschen (35,3 Prozent) sieht sich als Bürger zweiter Klasse, fast genauso viele wie bei den Muslimen (33,8%). Fast jeder zweite Ostdeutsche und jeder zweite Muslim hat das Gefühl, sich mehr anstrengen zu müssen, um das Gleiche zu erreichen. Die Mehrheitsgesellschaft wolle von den Schieflagen nichts wissen, so die Studie, wenn jemand sie vorbringe, werde er als Jammerossi oder Jammertürke abgestraft. Mit dem Argument, sie seien ja noch nicht so lang dabei, würden Ostdeutsche und Muslime gezielt herausgehalten und zu Opfern degradiert: Laut der Studie werfen Westdeutsche Ostdeutschen zu 36,4 Prozent und Muslimen sogar noch stärker (58,6 Prozent) vor, noch nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein.

Soziologieprofessor warnt jedoch vor Gleichsetzung der Probleme

Die Studienautoren schließen daraus, dass Ostdeutsche „migrantisiert“ werden. Das ist aber nur eine Deutung der Aussagen, empirische Belege bleiben sie schuldig. Die Interpretation wirft neue Fragen auf: Ist jede Ausgrenzung migrantisch? Was ist mit Ausgrenzung aufgrund von Geschlecht oder Klasse? Und was ist damit, dass auch ein Drittel der Ostdeutschen sagen, dass ihnen die Ostdeutschen zu viel jammern? Da gehen die Autoren etwas drüber und sprechen von „internalisierten Vorwürfen“ und „Selbststigmatisierung“. Es klingt so, als sei jeder Opfer, man kann sich noch so wehren.

Einer, der sich viel mit der Stellung der Ostdeutschen in der Gesellschaft befasst hat, ist Raj Kollmorgen, Soziologieprofessor an der Hochschule Zittau. Er arbeitet mit Naika Foroutan an einem anderen Projekt, bei dem es um Elitenforschung geht. Er sieht ihre aktuelle Studie aber durchaus differenziert: „Die Analyse liefert eine neue, spannende Perspektive“, sagt er. Er warnt aber davor, die sozialen Lebensrealitäten von Migranten und Ostdeutschen gleichzusetzen. Das ist vielleicht der Punkt, der vielen aufstößt: Migranten sind aufgrund von Hautfarbe und Aussehen viel stärker Diskriminierung ausgesetzt – auch und vor allem durch Ostdeutsche, wie die Terrorgruppe NSU zeigte.

Tatsächlich zeigt auch die aktuelle Studie, dass es im Osten wesentlich größere Vorurteile gegenüber Muslimen als im Westen. Die Ostler haben auch viele Erschütterungen erlebt, aber nicht in dem Ausmaß einer Auswanderung, bei der man Haus, Land, Familie hinter sich lässt. Jahrzehntelang wurden Einwanderer in der Bundesrepublik ignoriert, von einer Aufbauhilfe, wie sie der Ostdeutschland nach 1990 erlebte, von den Millionen, die investiert wurden, konnten Migranten nur träumen. „Es gibt durchaus ein politisches Risiko, damit die vielfältige Marginalisierung von Migrantinnen und Migranten zu verniedlichen und die im Kern diskursive Missachtung Ostdeutscher aufzublasen“, sagt Raj Kollmorgen. Das klingt ein wenig akademisch, aber er meint damit, dass es eine Gefahr gibt, dass sich die Ostdeutschen immer benachteiligt fühlen, wie auch immer sie gefördert werden. Emanzipation geht anders.

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