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Stutthof-Prozess: Er hat nichts zu verzeihen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 15.01.2020 Elke Spanner

Der ehemalige Nebenkläger und vermeintliche Zeuge Moshe Peter Loth bei einem Interview nach seiner Aussage im Hamburger Landgericht im November 2019 © Christian Charisius/​dpa Der ehemalige Nebenkläger und vermeintliche Zeuge Moshe Peter Loth bei einem Interview nach seiner Aussage im Hamburger Landgericht im November 2019

Im Hamburger Stutthof-Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann hat ein angeblicher Lagerinsasse seine Nebenklage zurückgezogen. Der Mann war offenbar gar nicht im KZ.

Es ist nicht das erste Mal, dass Moshe Peter Loth in diesem Prozess für Aufsehen sorgt. Im November waren Bilder seines Auftritts vor dem Hamburger Landgericht um die Welt gegangen: Nachdem er ausführlich über seine Leidenszeit als Baby im KZ Stutthof und die Trennung von seiner Mutter berichtet hatte, stand er auf, rief "Seht her, ich werde ihm verzeihen" in den Saal und umarmte den früheren SS-Wachmann, der dort auf der Anklagebank sitzt. Eine große Geste, wie es schien, vor allem aber: eine große Inszenierung.

Jetzt ist klar: Loth persönlich hatte nichts zu verzeihen. Er war niemals im KZ. Das hat ein Reporter des Spiegels recherchiert, und Moshe Peter Loth hat nun die Konsequenzen gezogen: Er hat seine Nebenklage im Hamburger Stutthof-Prozess zurückgezogen. "Im Interesse der Opfer", sagt Salvatore Barba dazu, der Anwalt des angeblichen Zeitzeugen aus den USA.

Mit dem Schritt ist Loth, der für seine Aussage im November extra aus den USA angereist war, dem Gericht zuvorgekommen. Die Strafkammer hätte dem 76-Jährigen die Nebenklage wohl ohnehin entzogen. Die Vorsitzende Richterin zeigte sich erleichtert, dass sich das nun erübrigt hat. Sie begrüße die Entscheidung Loths, sagte sie. Am vorigen Prozesstag, als die ungeheuerlichen Vorwürfe gerade bekannt geworden waren, hatte ein anderer Nebenklageanwalt davon gesprochen, dass nun "ein Schatten über diesem Prozess liegt". Nun hoffen alle, dass der Schatten sich verflüchtigt hat.

Aber ist das so?

Über den Prozess gegen den früheren KZ-Wachmann Bruno D. wurde von vornherein viel diskutiert. Der Angeklagte ist 93 Jahre alt. Er war 17 Jahre, als er zur Wehrmacht einberufen wurde und zum Dienst nach Stutthof geschickt wurde. Dass er dort in SS-Uniform auf dem Wachturm stand, war seit Jahrzehnten bekannt. Doch erst jetzt wurde er angeklagt, Mord in 5.230 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor. Der Grund: Bis zum Prozess gegen John Demjanjuk 2011 in München hatten die Ermittler nur frühere SS-Männer vor Gericht gebracht, die persönlich an den NS-Morden beteiligt waren. John Demjanjuk war der erste, der wegen einer untergeordneten KZ-Wachtätigkeit verurteilt wurde.

Erst seither gibt es Prozesse wie jetzt den gegen Bruno D. Viel zu spät, sagen Kritiker dazu. Besser als nie, heißt es auf Seiten der NS-Überlebenden. "Der Mann war damals dabei. Da muss er zur Verantwortung gezogen werden", sagte etwa Esther Bejarano, die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees, als sie den Prozess gegen Bruno D. Anfang Dezember besuchte.

In diesem Spannungsfeld agiert das Hamburger Landgericht. Über 30 NS-Überlebende und Angehörige aus der ganzen Welt haben sich dem Prozess als Nebenkläger angeschlossen. Ihnen hat Moshe Peter Loth einen Bärendienst erwiesen. Viele KZ-Überlebende hätten keine Dokumente, mit denen sie ihren Leidensweg beweisen könnten, sagte Rechtsanwalt Cornelius Nestler, der mehrere Nebenkläger vertritt. Sie seien darauf angewiesen, dass ein Gericht ihnen auch ohne Papiere Glauben schenkt. Er habe die Befürchtung, so Nestler, "dass Gerichte NS-Überlebenden in Zukunft nicht mehr so einfach glauben werden". 

Zu dem Skandal konnte es kommen, eben weil das Landgericht Moshe Peter Loth glaubte. Als Nebenkläger kann einem Prozess beitreten, wer selbst Opfer einer Straftat oder naher Angehöriger eines Opfers ist. Die Nebenklage ist nur bei festgelegten Delikten wie beispielsweise Sexualstraftaten, Totschlag oder Geiselnahme möglich – also bei Straftaten, unter denen die Opfer besonders leiden. Wer eine Nebenklage beantragt, muss nachweisen, Opfer oder Opferangehöriger zu sein. So war es auch bei den über 30 Männern und Frauen aus der ganzen Welt, die beim Hamburger Landgericht einen entsprechenden Antrag stellten.

"Wir wollten es ihnen nicht zu schwer machen, deshalb haben wir die Glaubhaftprüfung sehr niedrigschwellig gehalten," so die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Loth hatte die Kammer seine Unterlagen ein weiteres Mal geprüft. Jetzt sei deutlich, dass ein Teil seiner Aussage im November nicht richtig gewesen sein kann, sagte die Richterin. So hatte Loth berichtet, ihm und seiner Mutter seien im KZ Stutthof Häftlingsnummern eintätowiert worden. Diese Tätowierungen, so Meier-Göring jetzt, gab es aber nur im KZ Auschwitz, nicht in Stutthof.

Dass er die Glaubwürdigkeit von NS-Überlebenden beschädigte, ist nicht der einzige Schaden, den Moshe Peter Loth angerichtet hat. Er hat auch das Instrument der Nebenklage geschwächt. Die Nebenklage ist ohnehin umstritten. Die Prozesse würden dadurch emotional aufgeladen, argumentieren viele Strafverteidiger. Das würde die Wahrheitsfindung erschweren und sich gegen die Angeklagten wenden. Außerdem würden Interessen in einen Prozess eingebracht, die dort nichts zu suchen hätten.

Diese Debatte hatte zuletzt im Münchner NSU-Prozess Nahrung bekommen. Nach monatelanger Verhandlung war bekannt geworden, dass eine Nebenklägerin gar nicht existierte. Der Fall Moshe Peter Loth dürfte die Debatte erneut anheizen.

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