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Töten per Knopfdruck ist einfacher

DIE WELT-Logo DIE WELT 14.07.2017
Siebenpunkt-Marienkaefer (Coccinella septempunctata), Deutschland. | seven-spot ladybird, sevenspot ladybird, 7-spot ladybird (Coccinella septempunctata). | Verwendung weltweit: Siebenpunkt-Marienkaefer alias Coccinella septempunctata © picture alliance / blickwinkel/F Siebenpunkt-Marienkaefer alias Coccinella septempunctata

Fällt Menschen das Töten leichter, wenn sie es nur auf dem Bildschirm sehen? Offenbar schon – jedenfalls wenn es um Insekten geht. Das fanden Forscher mit einem Marienkäfer-Experiment heraus.

Im US-Bundesstaat Nevada liegt Creech, die Basis der amerikanischen Luftwaffe, von der aus Soldaten bewaffnete Drohnen steuern. Die Hände am Joystick und die Augen immer auf den Bildschirm gerichtet, so sitzen sie im Einsatzzentrum. Bis der Befehl zum Abschuss kommt. Dann drückt der Soldat einen Knopf, auf dem Bildschirm sieht er den Einschlag. Rakete abgeschossen, Einsatz erledigt, Terrorist tot. Seit das US-Militär unbemannte Drohnen einsetzt, werden immer wieder Bedenken laut, dass die Distanz der Soldaten zu den Opfern es ihnen erleichtert, Menschen zu töten.

Tatsächlich ist es sehr schwierig herauszufinden, ob dies tatsächlich der Fall ist. Forscher der California State University sind der Frage nun in einem Experiment nachgegangen. Natürlich in einer ethisch vertretbaren Variante: Sie ließen Studenten Marienkäfer in einer kleinen Maschine zermalmen. Die Käfer kamen dabei nicht wirklich zu Schaden – das wussten allerdings die Teilnehmer nicht.

Distanz als moralischer Puffer?

Die Wissenschaftler um Abraham Rutchick gingen bei ihrem Experiment vom Konzept der psychologischen Distanz aus. Schon lange vermuten Psychologen, dass ein Ereignis Menschen besonders nahe geht, wenn sie es selbst erleben, mit allen Sinnen. Die psychologische Entfernung erhöht sich, je abstrakter ein Ereignis ist. Wenn Soldaten also per Drohne und Joystick töten, könnte eine große psychologische Distanz für eine Art moralischen Puffer sorgen.

Rutchick und seine Kollegen warben die Studenten für das Experiment unter einem Vorwand an. Sie sollten angeblich testen, wie benutzerfreundlich eine neuartige Maschine war. Fast alle Teilnehmer ließen sich täuschen. Diejenigen, die den wahren Zweck der Studie erkannt hatten, wurden später von der Analyse ausgeschlossen.

Angeblich so viele Marienkäfer töten, wie sie wollten

Zunächst erklärte ein Forscher den Studenten, wie die Maschine angeblich funktioniere. Sie sei entwickelt worden, um Insekten zu zerkleinern, damit man sie wissenschaftlich untersuchen könne. Als Insekten hatten die Forscher besonders sympathische Tiere ausgewählt: Marienkäfer.

Mit einer Fernbedienung konnten die Teilnehmer angeblich ein Förderband bewegen, das lebendige Marienkäfer, die in kleine Plastikkapseln gesperrt waren, in die Maschine beförderte. Diese machte dann ein Geräusch, als würden die Tierchen zerkleinert. Als "Beweis" wurde den Teilnehmern beim ersten Testversuch ein zermalmter Marienkäfer aus der Maschine präsentiert.

Dann sollten sie an die Fernbedienung und so viele Marienkäfer töten, wie sie wollten – mindestens jedoch zwei, um die Maschine ordentlich zu testen. Insgesamt lagen zehn Kapseln auf dem Förderband, in denen tatsächlich Marienkäfer waren, die aber nicht zerquetscht wurden.

Unterschiede zwischen den Gruppen

Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe saß direkt vor der Maschine, eine weitere Gruppe sah sie auf einem Bildschirm. Das Ergebnis bestätigte die Theorie der Forscher. Fast die Hälfte der Teilnehmer, die die Maschine aus der Ferne bediente, "tötete" die maximal möglich Anzahl an Marienkäfern, alle zehn. Dies taten hingegen nur 30 Prozent der Studenten, die die Maschine direkt vor sich stehen hatten.

Rutchick mahnt allerdings davor, die Ergebnisse eins zu eins auf die Erfahrungen von Drohnenpiloten zu übertragen. Nicht zuletzt, weil die Teilnehmer im Experiment Studenten waren. Möglicherweise sähen die Ergebnisse bei Soldaten ganz anders aus. Und am Ende sind Marienkäfer eben auch keine Menschen, auch wenn sie noch so süß aussehen.

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