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Verkehrspsychologe über Raser und Poser: »Die leben in einer Parallelwelt«

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 21.11.2020 Felix Keßler

Junge Männer in aufgemotzten Autos gelten als »neue Gefährdergruppe« im Verkehr. Der Psychologe Wolfgang Fastenmeier rät von härteren Strafen ab – und plädiert für Aufklärung in der Schule.

© GoodLifeStudio / Getty Images / iStockphoto

Verformte Blechteile, dicke Bremsspuren, nächtliches Blaulicht: Wenn junge Männer mit PS-starken Autos in Unfälle verwickelt sind, ähneln sich die Bilder. Die Geschwindigkeiten sind hoch, die Fahrkenntnisse meist noch gering. Immer wieder enden solche Situationen sogar tödlich.

In vielen Fällen kommen nicht die Fahrer selbst zu Schaden, sondern Unbeteiligte, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten. So etwa im bayerischen Hof, wo 19-jähriger Fußgänger von einem 20-Jährigen überfahren wurde. Auch die Zahl der Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit illegalen Rennen scheint zu steigen, die Datenlage ist bislang aber dünn.

Zuletzt sollen drei Männer mit ihren Sportwagen auf der hessischen A66 ein Rennen ausgetragen haben und an einem tödlichen Unfall beteiligt gewesen sein, die Fahndung nach dem Fahrer eines Lamborghini läuft noch immer.

Verkehrspsychologe Wolfgang Fastenmeier weiß, wie die Raser und Poser ticken.

SPIEGEL: Fast wöchentlich gibt es Berichte über sogenannte Raser-Unfälle. Warum stirbt das Rasen und Posen einfach nicht aus?

Fastenmeier: Weil die Faszination an großen Autos und hoher Geschwindigkeit bei Männern nicht ausstirbt. Seit 2017 ist die Teilnahme an »Kraftfahrzeugrennen« auf öffentlichen Straßen eine Straftat. Dazu zählt auch grob verkehrswidriges und rücksichtsloses Fahren mit dem Ziel eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.

Die Zahl dieser Delikte wird erst seit zwei Jahren erhoben, allerdings nicht einheitlich in jedem Bundesland. Das macht einen Vergleich mit früheren Jahren schwierig. Aber: 2019 wurden beim Kraftfahrt-Bundesamt deutschlandweit 384 solcher Vergehen registriert – 260 mehr als im Vorjahr. Davor wurden Raser und Poser gemeinsam mit anderen Punkte- oder Straftätern geführt, da fiel das Phänomen nicht so auf. Mittlerweile unterscheiden wir zwischen alten und neuen Gefährdergruppen.

SPIEGEL: Was ist damit gemeint?

Fastenmeier: Klassische Gefährder sind diejenigen, die sich wegen ihrer Delikte einer MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung, d. Red.) unterziehen müssen. Da geht es um: Alkohol und Drogen am Steuer, Leute, die wegen zu vieler Punkte den Führerschein verlieren oder Straftaten im Verkehr begehen. Unfallflucht zum Beispiel. Poser und Raser werden dagegen als neue Gefährder erfasst. Leute, die mit ihren Autos illegale Rennen ausgetragen haben oder mit ihren Autos angeben, gab es zwar in gewisser Weise immer schon, allerdings nicht in dieser auffälligen Häufung. Auch Gaffer werden übrigens zu dieser neuen Gruppe gezählt. 

SPIEGEL: In mehreren deutschen Städten hat die Polizei eigene Teams auf Raser und Poser angesetzt. In Hamburg heißt die Soko »Autoposer«, in Köln »Rennen«. Die Beamten haben es fast ausschließlich mit jungen Männern zu tun. Warum?

Fastenmeier: Junge Männer neigen in den ersten sechs bis acht Jahren ihrer Fahrpraxis dazu, höhere Risiken in Kauf zu nehmen. Wenn sie mit 18 oder 20 Jahren erstmals allein am Steuer sitzen, sind das die Jahre, in denen sie im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind. Das verlockt zu riskanten Aktionen. Bei der kleinen, aber eben sehr auffälligen Gruppe der Raser und Poser kommt dieses Verhalten besonders radikal zum Vorschein. Wir beschreiben das als »sensation-seeking«, übersetzt also etwa: das Streben nach extremen Gefühlen, Empfindungen, starken Reizen. Die Männer wollen den »Thrill«, den »Kick«, haben Lust an der Angst, mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über die Autobahn zu brettern. Sie empfinden sich dabei nicht als leichtsinnig, sondern als mutig.

SPIEGEL: Woher kommt das? Die große Mehrheit der jungen Autofahrer verhält sich doch regelkonform.

Fastenmeier: Die Jungs, die da in den dicken Autos sitzen, kommen zum Teil aus schwierigen Verhältnissen. Viele haben keine oder nur niedrige Schulabschlüsse. Sie können daher in der Hierarchie der Berufe nicht oben mitspielen, stehen in der Schule allzu oft auf der Verliererseite. Und wer sich gesellschaftlich ohnehin in einer Außenseiterrolle wähnt, neigt eher zu Rücksichtslosigkeit. Bei Rasern verbinden sich geringe soziale Kompetenz, mangelnde Impulskontrolle und Aggressivität, mit Gleichgültigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern. Das geht so weit, dass die Verletzung oder gar der Tod anderer Menschen bewusst in Kauf genommen wird.

SPIEGEL: Die Männer kompensieren also bei den illegalen Rennen, was ihnen sonst im Leben fehlt?

Fastenmeier: Auf jeden Fall ziehen sie ihr Selbstwertgefühl aus dem Auto und ihrem Verhalten damit. Sie definieren sich primär darüber. Mit dem dicken, schnellen Auto sind sie wer.

SPIEGEL: Dass Männer auf schnelle Autos stehen und mit ihren Wagen protzen, ist ja nichts Neues.

Fastenmeier: Das stimmt. Aus psychologischer Sicht gibt es mehrere Motive für das Autofahren, die sind alle so alt wie das Auto selbst: Das Primärmotiv ist die Fortbewegung; möglichst schnell von A nach B zu kommen. Ein weiteres Motiv ist, dass man mit dem Auto sozialen Status dokumentieren und Anerkennung gewinnen kann – oder sich dies zumindest einbildet. Und die individuelle Gestaltung des Wagens bringt Aufmerksamkeit, auch das kann ein Anreiz sein. Neu ist aus meiner Sicht diese extreme Ausprägung: Mit enormen Geschwindigkeiten durch die Innenstädte zu fahren, immer wieder. Das gab es früher so nicht.

SPIEGEL: 2016 lieferten sich zwei junge Männer in Berlin ein Autorennen, sie fuhren mit bis zu 170 km/h über den Kurfürstendamm. Es gab einen Unfall, bei dem ein unbeteiligter 69-Jähriger ums Leben kam. Inzwischen ist einer der Männer wegen Mordes rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt, er wird frühestens 2031 aus dem Gefängnis kommen. Warum schrecken solche Urteile offenbar nicht ab?

Fastenmeier: Dass drastische Strafen oder hohe Bußgelder abschrecken, ist eine politische Fehleinschätzung – auch wenn immer wieder Verschärfungen gefordert werden. Es gibt einige Beispiele aus Ländern auf der ganzen Welt, bei denen die Strafen für Verkehrsdelikte deutlich erhöht wurden, die Unfallraten aber nicht sanken. Harte Bestrafungen sind nur dann wirksam, wenn es für die Täter ein alternatives Verhalten zum Regelbruch gibt. Oder wenn die unerwünschte Verhaltensweise – beispielsweise die extreme Geschwindgkeitsüberschreitung – nicht sehr stabil verankert ist. Das ist bei Rasern und Posern aber beides nicht der Fall. Die sind sich ihrer Sache sicher.

SPIEGEL: Die vom Verkehrsministerium verpatzte Reform der Straßenverkehrsordnung sah mit einem neuen Bußgeldkatalog auch härtere Strafen bei Tempoverstößen vor. Gegen Raser und Poser bringt das also womöglich nichts? 

Fastenmeier: Überwachung und Bestrafung »löschen« das Verhalten nicht, das weiß man aus der Lernpsychologie. Man erreicht bestenfalls eine Unterdrückung des Verhaltens. Und auch das nur solange, wie es eine unmittelbare Kontrolle und Bestrafung gibt. An der Einstellung und Motivation von notorischen Rasern und Posern ändert man damit überhaupt nichts.

SPIEGEL: Was bräuchte es Ihrer Meinung nach dann: Mehr Blitzer und verstärkte Polizeikontrollen?

Fastenmeier: Das wäre höchstens dort sinnvoll, wo die Szene immer die gleichen Routen wählt. Mit flächendeckenden Geschwindigkeitskontrollen würde man vor allem das Gros der Autofahrer und in den meisten Fällen eher geringfügige Überschreitungen erfassen. Das hat keinen Symbolwert für diese Gefährdergruppe. Die Polizei vermeldet ja teilweise, dass sie erfolgreich Verwarnungen ausgesprochen oder Fahrzeuge beschlagnahmt hat. Manchmal wird auch die Betriebserlaubnis entzogen. Aus meiner Sicht sind das Nadelstiche, die wirken aber nur kurz.

SPIEGEL: Was würde denn helfen?

Fastenmeier: Verkehrspädagogische Ansätze könnten langfristig etwas verändern. In Nordrhein-Westfalen gibt es beispielsweise den »Crash Kurs NRW«. Da werden älteren Schülern die familiären und gesellschaftlichen Folgen von Verkehrsunfällen mit Todesfolge durch den Kontakt mit Betroffenen nahegebracht. Auch eine Erweiterung der Fahrerlaubnisverordnung um Raserdelikte könnte helfen. Dann ließen sich Fahreignungsüberprüfungen früher durchführen. Aber wenn man an die Extremfälle wie auf dem Berliner Ku’damm denkt, ist natürlich die Frage, ob man da mit persönlicher oder therapeutischer Ansprache noch etwas erreicht. Diese Leute wollen sich ausleben und ihre Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt zeigen. Die haben sich vom normalen Leben schon verabschiedet und leben in einer Parallelwelt.

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