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Verkehrswende? Ich entscheide gerne selbst, wofür ich mich opfere

WELT-Logo WELT 14.12.2019 Till-Reimer Stoldt
WELT-Autor Till-Reimer Stoldt würde mit Bus und Bahn doppelt so lange zur Arbeit brauchen. Aber auch aus anderen Gründen würde er nicht auf sein Auto verzichten Quelle: Catrin Moritz © Catrin Moritz WELT-Autor Till-Reimer Stoldt würde mit Bus und Bahn doppelt so lange zur Arbeit brauchen. Aber auch aus anderen Gründen würde er nicht auf sein Auto verzichten Quelle: Catrin Moritz

Kommentar von Till-Reimer Stoldt

Wie kann man dem Volk, diesem Lümmel, die Lust am Autofahren austreiben? Darüber debattiert die Politik zurzeit leidenschaftlich. CDU und FDP setzen dabei primär auf positive Reize wie einen besseren ÖPNV. SPD und Grüne liebäugeln dagegen auch mit negativer Konditionierung: mit Fahrverboten, Stau verstärkenden Umweltspuren und nun – laut Umweltbundesamt – auch noch mit der Abschaffung der Pendlerpauschale und einem Preisaufschlag für Kraftstoff.

Wer Millionen Autofahrer für die grüne Verkehrswende gewinnen will, muss sie doch zumindest verstehen © dpa Wer Millionen Autofahrer für die grüne Verkehrswende gewinnen will, muss sie doch zumindest verstehen

Allen gemein ist jedoch, dass sie eine zentrale Erkenntnis ignorieren: Bus und Bahn wären für viele Zeitgenossen selbst dann zweite Wahl, wenn sie weit öfter führen und billiger wären. Klingt das polemisch und arg subjektiv? Dann entschuldigen Sie, werte Leser, aber in diesem Fall geht es nicht anders.

Wer Millionen Autofahrer für die grüne Verkehrswende gewinnen will, muss sie doch zumindest verstehen; der sollte wissen, mit welchem Widerstand er rechnen muss. Die Parteien ahnen aber nicht einmal, welches Opfer sie von vielen Autofahrern verlangen. Wie sollten sie da imstande sein, die breite Mehrheit der Autofahrer für ihre große Verkehrs-Transformation zu gewinnen?

Nehmen Sie – in aller Bescheidenheit – mich als Beispiel: Würde ich mit ÖPNV zur Arbeit fahren (was ich viele Jahre getan habe), müsste ich vier verschiedene Busse und Bahnen nehmen. Und in der Regel doppelt so viel Fahrzeit einplanen. Morgens müsste ich wieder in die nach Hubba Bubba duftende Heerschar lärmender Schulkinder eintauchen.

Nicht nur im Sommer würden mich noch ganz andere Gerüche belästigen. Und nicht nur am späten Abend müsste ich mich auf die unangenehme Bekanntschaft schlecht erzogener junger Männer oder Betrunkener einstellen (alles schon erlebt). Daran würde sich auch wenig ändern, wenn Busse und Bahnen alle fünf und nicht mehr alle zehn Minuten führen.

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Im Auto ist es anders. Da sitze ich gepolstert, klimatisiert und entscheide frei, welche Art Geräusch und Mensch ich an mich heranlasse, ob ich laut singe oder nicht. Und wie ich die Klimaanlage einstelle.

Dieser Komfort bleibt sogar im Stau erhalten. Manch fantasiestarker Leser mag jetzt argwöhnen, wer das Auto derart besinge, bremse vermutlich nicht für Kinder und huldige einem rücksichtslosen 300-PS-Hedonismus.

Weit gefehlt. In der Nähe einer Kita krieche ich im ersten Gang vorbei. Von 300 PS träume ich nicht einmal. Wenn möglich, springe ich gerne aufs Fahrrad. Und das Auto brauche ich vor allem, um den Alltag in dem zerbrechlichen Pflichten-Viereck aus Arbeit, Kindern, Haushalt und Sonstigem zu bewältigen.

Für viele berufstätige Eltern ist das Auto ein wahrer Freund und Helfer. Deren Alltag ähnelt einem störanfälligen Gesamtkunstwerk aus eng getakteten Terminen. Eine einzige Verspätung kann dieses sensible Termin-Konstrukt zum Einsturz bringen.

Wieso sollte ich mein Termin-Hopping zwischen Sportverein A, wichtigem Telefonat, Sportverein B und leerem Kühlschrank auch noch mit An- und Abmarschwegen zur Busstation belasten? Bei Regen und Wind, mit quengelndem Kind?

Wieso sollte ich volle schwere Einkaufstüten zur Bahn schleppen wollen, in der mir die Äpfel über den dreckigen Boden kullern (auch schon passiert)? Sie meinen, man könne sich den Einkauf ja liefern lassen? Längst probiert. Die Tomaten sind aber frischer und die Flecken auf den Äpfeln deutlich kleiner, wenn ich sie selbst auswähle.

Natürlich, auch die großen Asketen der Geschichte haben von Beeren und Heuschrecken gelebt und auf steinigem Boden geschlafen. Sie haben sich geopfert (damals für ihren Gott). Das könnten wir natürlich auch tun – für unsere Verkehrswende.

Ich entscheide aber gerne selbst, ob und wofür ich mich opfere. Warum soll ich meinen Alltag in eine autofreie Via Dolorosa verwandeln, wenn es doch eine Alternative gibt: umweltschonende Autotechnik statt Abschaffung des Autos?

Dieser Text ist aus WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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