Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

"Verrückter", Dealer – oder doch Terrorist?

WELT-Logo WELT 19.03.2019

Utrecht Tanis gepixelt © dpa/ Police Utrecht/AP  

Die tödlichen Schüsse in Utrecht könnten nun doch einen terroristischen Hintergrund haben. Bekannte beschreiben den Hauptverdächtigen Gökmen T. aber auch als Kriminellen mit Heroinpfeife, als "verlorenen Jungen mit dem IQ einer Garnele".

Ein aggressiver Krimineller, ein Dealer, ein enormer "Loser" mit Drogenproblem: Nachbarn von Gökmen T. haben wenig Positives über den mutmaßlichen Attentäter von Utrecht zu berichten. Er sei ein "verlorener, verwirrter Dummkopf", der schon früh im Leben auf die schiefe Bahn geriet. Mit Kokain und Heroin soll er gehandelt haben, für die Behörden ist er ein alter Bekannter.

"Wir wissen relativ viel über ihn", sagt Rutker Jeuken vom Innenministerium. Wie niederländische Medien übereinstimmend berichten, ist der 37-Jährige unter anderem wegen versuchen Mordes mit einer Schusswaffe und wegen Bedrohung eines Polizeibeamten verurteilt worden. Wie es um T.s Strafakte steht, zeigt ein Einblick in Gerichtsunterlagen aus dem Monat März.

Erst am 1. März kam T. aus der Untersuchungshaft frei, im Juli erwartet ihn im weiteren Verfahren ein Vergewaltigungsprozess. Am 4. März wurde er zu einer Woche Haft wegen Ladendiebstahls und einen Tag später zu vier Monaten Haft wegen eines Einbruchs verurteilt. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Es sind schwere Delikte, die T. bislang in Verruf brachten. Aber das, was am 18. März in einer Straßenbahn in Utrecht geschah, hätte ihm keiner seiner vielen auskunftsfreudigen Nachbarn, Bekannten und Verwandten zugetraut. Der gebürtige Türke, der am Montagabend nach stundenlanger Fahndung gefasst worden war, soll in einer Tram in der niederländischen Großstadt drei Menschen erschossen und fünf weitere verletzt haben, drei davon lebensgefährlich. Die Toten sind eine 19-jährige Frau und zwei Männer, 28 und 49 Jahre alt, alle aus Utrecht und Umgebung.

Dafür interessieren sich andere MSN-Leser:

Haben die Täter den falschen Geldtransporter ausgeraubt?

EuGH-Urteile zu Asyl-Bedingungen in anderen EU-Ländern

Hinweise auf Terror-Motiv des Schützen verdichten sich

Zeugenaussagen deuteten früh auf einen terroristischen Anschlag hin. "Allahu Akbar" soll T. gerufen haben, als er abfeuerte. Später hielten die Ermittler auch eine Beziehungstat für denkbar, Gerüchte von einem Ehrenmord machten die Runde. Ziel des Angriffs sei eine Ex-Geliebte gewesen, die ihn wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Verwandte aus der Türkei sagten der Nachrichtenagentur Anadolu, eines der Opfer sei ein Verwandter, die anderen seien zufällige Passanten gewesen. Auch Utrechter, die T. kennen, glaubten an eine Beziehungstat. T. sei ein "Verrückter", ein "Borderliner" – aber kein Terrorist.

Doch am Dienstag widerspricht die Polizei. Bislang habe sich keine Verbindung zwischen den Opfern und dem Hauptverdächtigen herstellen lassen. Zudem verdichte ein Brief im Fluchtauto und der Tatablauf den Verdacht auf einen Terrorakt – auch wenn andere Motive weiterhin nicht ausgeschlossen werden.

Was die Nachbarn über Gökmen T. sagen

T. war bei einer Wohnungsdurchsuchung in Utrecht festgenommen worden, nachdem er in einem gestohlenen roten Renault Clio vom Tatort geflohen war. Die Attleeplantsoen, die Straße in der T. wohnt, liegt nahe am Rhein-Kanal von Utrecht – kaum 500 Meter vom Anschlagsort entfernt. Vor dem schmucklosen Plattenbau haben sich am Montag neben der Polizei Medienvertreter aus ganz Europa eingefunden.

Von den versammelten Nachbarn, Bekannten und Freunden glaubt niemand an ein politisches Motiv für die Bluttat in der Straßenbahn. Bashir Serdim, 32 Jahre alt, sagt, er kenne T. seit ein paar Jahren: "Der hatte mit Religion oder Politik gar nichts am Hut. Da ging es um etwas mit einer Frau."

T. habe schon länger eine Frau verfolgt, sagt ein türkisch-niederländischer Nachbar der "Volkskrant". Auch er glaubt an eine Beziehungstat: "Ich wohne hier schon mein ganzes Leben. Ich bin mit ihm aufgewachsen. Seit Jahren ist er bekannt als jemand, der Fahrräder stiehlt und Ladendiebstähle begeht. Er kam nicht in die Moschee." In den letzten Jahren sei T. mit harten Drogen in Berührung gekommen, rauchte Heroin. "Wir wollten nichts mit ihm zu tun haben. Er ist ein verlorener Junge mit dem IQ einer Garnele. Gott mag wissen, was in ihn gefahren ist. Aber mit dem Glauben hat das nichts zu tun."

Vater Mehmet lebt in der Türkei

Mit seiner Mutter und seinem Bruder soll T., in der Türkei geboren und in Utrecht aufgewachsen, zusammengewohnt haben. Seine Eltern sind schon lange geschieden. Vater Mehmet ging 2008 zurück in die Türkei. Er habe keinen Kontakt mit seinem Sohn, sagte er der türkischen Nachrichtenagentur DHA. Wenn er schuldig sei, sollte sein Sohn bestraft werden.

Auch in den Medien tauchte T. schon einmal auf, 2001 in einem Video des bekannten Blogs GeenStijl. Darin nennt er die blonde Reporterin wegen ihrer Kleidung herablassend einen "Mongo" und eine "Demokratin". Dieses einschüchternde Verhalten sei typisch für T. gewesen, sagen Bekannte.

Ein paar Mal sei T. im Gefängnis gewesen, zitiert die "Volkskrant" einen weiteren Nachbarn. "Ab und an habe ich mit etwas Pech Schreiben von seinem Bewährungshelfer bekommen", sagt der Mann.

"Der und Politik – nie gehört"

An eine Beziehungstat glaubt auch Piet – kahl rasierter Schädel, martialische Tätowierungen. Einen Nachnamen will er nicht nennen. Über T. sagt er: "Ohne Quatsch: der und Politik – nie gehört. Ein bisschen komisch war er immer, und er hatte auch öfter Probleme mit der Polizei. Das wusste man. Aber so was wie heute, das hätte ich ihm nicht zugetraut." Ein anderer Bekannter, Mehmet, aus dem gleichen türkischen Dorf wie Familie T., sagt auch: "Diese Schießerei hat nichts mit dem Islam zu tun. Dieser Junge ist einfach gestört".

Ob sie recht haben, werden die Ermittlungen zeigen. Auch ist weiterhin unklar, wer die Brüder sind, die ebenfalls in Zusammenhang mit der Tat festgenommen wurden. Mit dem Hauptverdächtigen seien der 23- und der 27-Jährige nicht verwandt, teilte der Anwalt von einem der Brüder mit. Sein Mandant "taste völlig im Dunklen", warum er festgehalten werde.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon