Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Waldbrände: "Deutschland steht noch nicht in Flammen"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 26.04.2019 Maria Mast

Die Waldbrandsaison hat in diesem Jahr früh begonnen. Ist das schon extrem? Der Experte Raimund Engel erklärt, was Vegetation und Klimawandel damit zu tun haben.

Ein Feuerwehrmann löscht Flammen in einem Wald im Süden Brandenburgs. Das Bundesland war 2018 von starken Dürren betroffen. © Sean Gallup/Getty Images Ein Feuerwehrmann löscht Flammen in einem Wald im Süden Brandenburgs. Das Bundesland war 2018 von starken Dürren betroffen.

Waldbrände sind hierzulande gewöhnlich. Es gibt sie jedes Jahr, mal größer, mal kleiner. Nach längerer Trockenheit geraten Sträucher leicht in Brand – oft wegen unachtsam weggeworfener Kippen, heißer Grillkohle oder weil Unrat herumliegt, der in der Hitze ein Feuer entzünden kann. In diesem Frühling hat die Waldbrandsaison besonders früh und heftig begonnen. Es gilt die höchste Gefahrenwarnstufe. Ob das ungewöhnlich ist, erklärt Raimund Engel, Waldbrandschutzbeauftragter für Brandenburg.

ZEIT ONLINE: Wer dieser Tage die Nachrichten verfolgt, bekommt das Gefühl: Deutschland brennt. Unzählige Berichte über Waldbrände schüren den Eindruck, es seien ungewöhnlich viele und starke Feuer ausgebrochen. Ist das so?

Das interessiert andere MSN-Leser:

Frontalattacke: Joe Biden greift Donald Trump an

Teneriffa: Vater soll Frau und Sohn in Höhle erschlagen haben

Politik: Fast jeder Zweite glaubt an geheime Organisationen

Engel: Derzeit herrscht vor allem im Osten und Südosten Deutschlands eine erhöhte Waldbrandgefahr. Für Brandenburg, wo ich für die Waldbrandlagen zuständig bin, wurde die höchste Gefahrenstufe ausgerufen. Dass dies bereits im April, also so früh im Jahr, flächendeckend für ein Bundesland geschieht, ist außergewöhnlich. Der besonders trockene Winter, dann vier Wochen lang sehr wenig Regen und zuletzt noch starke Winde – all das hat zu dieser hohen Gefahr geführt.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt es für das aktuelle Waldbrandrisiko, dass das Jahr 2018 nicht nur einen extrem heißen und sonnigen Sommer hatte, sondern insgesamt sehr trocken war?

Engel: Auf die aktuelle Lage in Brandenburg hat sich das sicher ausgewirkt. In diesem Jahr verzeichnen wir schon mehr als 70 Brände allein bis Mitte April. Das ist viel und kommt eher selten vor, trotzdem: Deutschland steht noch nicht in Flammen. Um von einem extremen Waldbrandjahr zu sprechen, ist es noch viel zu früh.

Der Forstdirektor Raimund Engel ist Waldbrandschutzbeauftragter des Landes Brandenburg. 2003 bis 2006 leitete er das dortige Lagezentrum Brand- und Katastrophenschutz. © privat Der Forstdirektor Raimund Engel ist Waldbrandschutzbeauftragter des Landes Brandenburg. 2003 bis 2006 leitete er das dortige Lagezentrum Brand- und Katastrophenschutz.

ZEIT ONLINE: Ein möglicher Dürresommer wird von Meteorologinnen und Meteorologen für 2019 bereits prognostiziert. Ist heute schon klar, dass im Zuge des Klimawandels Waldbrände in einigen Teilen des Landes häufiger werden?

Engel: Der Klimawandel hat definitiv einen Einfluss. Er macht sich durch häufigere Trockenperioden und längere Hitzeperioden bemerkbar – Bedingungen, unter denen Waldbrände leichter entstehen und sich ausbreiten können. Bei uns in Brandenburg betrifft das vor allem die Risikogebiete in der Mitte und im Süden des Bundeslandes, die weiter entfernt von der Küste sind und in denen viele Kiefernwälder stehen. Aber es kann, wie am vergangenen Dienstag, sogar in den Mittelgebirgslagen Thüringens brennen, in denen der Niederschlag normalerweise so stark ist, dass das nicht passiert. Generell müssen wir uns langfristig darauf einstellen, dass die Gefahrenlage wächst.

Um von einem extremen Waldbrandjahr zu sprechen, ist es noch viel zu früh.

Reimund Engel, Fachmann für Waldbrandbekämpfung

ZEIT ONLINE: Verheerende Waldbrände, bei denen viele Menschen zu Schaden kommen, kennen wir vor allem aus Regionen wie Kalifornien oder Russland. Ein Hauptproblem dort: die zunehmende Bebauung am Rand von Großstädten und in Ballungsräumen, die bis an den Wald und in Wälder hineinreicht – ohne dass baumfreie Schneisen oder Schutzzonen für den Feuerfall eingeplant werden. Hat Deutschland, konkret Brandenburg, ein ähnliches Problem?

Engel: Bei uns ist die Situation etwas anders. Viele Datschen-Grundstücke – also die typischen Gartenlauben in der ehemaligen DDR – lagen mitten im Wald. Später bekamen die Besitzer die Erlaubnis, sie zu dauerhaft bewohnten Häusern auszubauen. Wer dort wohnt, ist einem hohen Waldbrandrisiko ausgesetzt. Eigentlich sollten Städteplaner darauf achten, dass nicht in Wäldern gebaut wird. Im konkreten Fall kann nicht die Lösung sein, den Wald zurückzubauen, also abzuholzen, wie das manche Bürgermeister schon vorgeschlagen haben.

ZEIT ONLINE: Wie müsste sich Deutschland auf häufigere Trockenheit und damit ein hohes Waldbrandrisiko einstellen?

Engel: Langfristig können Waldbesitzer und Förster die Nadelwaldbestände in Mischwälder, also Laub-Nadelwälder, umbauen. Laubholz speichert mehr Wasser, deshalb brennt es schlechter. Nadelhölzer hingegen brennen wegen ihrer Harze und Nadeln wie Zunder. Kiefern beispielsweise überleben die Hitze des letzten Sommers problemlos, sind dann aber extrem trocken und brennen besonders schnell. Einen Wald entsprechend zu verändern, kostet viel Geld. Unter anderem fördert die Europäische Union den Waldumbau. Aber der dauert mehrere Generationen.

ZEIT ONLINE: Wald- und Buschbrände sind aber nicht nur gefährlich für diejenigen, die im Grünen wohnen – mit jedem Feuer werden große Mengen an Treibhausgase frei und ein Stück Ökosystems wird zerstört. Wie lange braucht es, bis eine Fläche sich von einem Feuer erholt hat?

Engel: Das kommt auf die Vegetation an. Ein Getreidefeld brennt schnell ab, im nächsten Jahr ist es wieder da. Die Halme verkohlen, aber der Oberboden wird dabei kaum beeinträchtigt. Sogar die Insekten überleben so ein Feuer, wenn sie schnell genug im Untergrund verschwinden. Entfachen die Flammen aber ganze, teilweise jahrzehntealte Bäume eines Waldes, ist der Schaden größer: Wenn Bäume bis zur Krone brennen, herrschen bis zu 800 Grad Celsius und jedes Leben wird vernichtet. Allein bis sich der Boden erholt hat, dauert es Jahrzehnte. Beim Wald kommt es darauf an, ein Nadelwald ist etwas anderes als ein Mischwald. Zum Teil kann es ein Jahrhundert dauern, bis der ursprüngliche Bewuchs zurück ist, bei einem Kiefernwald beispielsweise.

ZEIT ONLINE: Wenn es einmal brennt, ist es wichtig, das Feuer früh zu entdecken. Helfen Ihnen neue Technologien dabei?

Engel: Definitiv. Früher haben wir von Türmen aus Ausschau gehalten, ob sich irgendwo Rauch entwickelt. Seit dem Jahr 2000 nutzen wir in Brandenburg flächendeckend Kameras. Sie wurden ursprünglich vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt, um Staubwolken auf dem Mars zu erkennen. Inzwischen erkennt die verfeinerte Software anhand der Grauwerte von Rauch- oder Staubwolken, ob ein Feuer ausgebrochen ist und sogar, ob organisches Material wie Holz brennt oder beispielsweise ein Plastikreifen.

ZEIT ONLINE: Ab welcher Größe eines Feuers schlägt das System an?

Engel: Wir können bereits Rauchwolken von 100 Quadratmetern, also zehn mal zehn Metern erkennen, das produziert bereits ein normaler Hausgrill. Und das auf eine Entfernung von 15 bis 20 Kilometern. Haben zwei Kameras die Rauchwolke erfasst, berechnen wir den Schnittpunkt und wissen genau, wo der Brandort ist. Die Hälfte aller Waldbrände erkennen wir so sehr früh.

ZEIT ONLINE: Wie gut ist Brandenburg für die Brandbekämpfung denn ausgerüstet?

Engel: Für die Waldbrandbekämpfung vom Boden aus sind wir technisch gut aufgestellt. Und jeder Waldbrand wird erst einmal vom Boden aus bekämpft. Um die Lage zu erkunden und auch für die anschließenden Vermessungen nutzen wir Drohnen. 

ZEIT ONLINE: Feuerwehren fordern auch immer wieder, dass mehr Löschhubschrauber zur Verfügung stehen sollten und daher die Bundesländer auch selbst damit ausgestattet sein sollten. Fehlen ihnen die?

Engel: Ich denke nicht, dass wir landeseigene Hubschrauber benötigen. Denn es besteht im Ernstfall immer die Möglichkeit, auf private Unternehmen zurückzugreifen oder auf die Mittel der Bundeswehr und Bundespolizei.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie sagen: Wie gut und genau sind heute schon Vorhersagen, um sich auf Dürren und damit auch die Waldbrandgefahr einzustellen?

Engel: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) schafft dafür eine sehr gute Grundlage. Das Netz der Wetterstationen liefert stündlich neue Daten, mit denen wir für den Tag gute Vorhersagen treffen können. Dennoch: Wetter bleibt ein Phänomen, das der Mensch nicht beeinflussen kann. Die Prognosen für die Waldbrandgefahr und das System, wonach die Gefahrenstufen ausgerufen werden, sind aber so ausgereift, dass wir das Risiko gut einschätzen können.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon