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Yacouba Sawadogo: Bauer aus Burkina Faso erhält Alternativen Nobelpreis

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 24.09.2018 Christiane Grefe

Der jetzt prämierte Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso © Screenshot ZEIT ONLINE Der jetzt prämierte Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso

Die Auszeichnung wird an Kämpfer für Gerechtigkeit und Umweltschutz vergeben. Drei der Preisträger sitzen in Saudi-Arabien im Gefängnis.

Es kommt nicht oft vor, dass ein afrikanischer Bauer Weltberühmtheit erlangt. Doch seit Jahren pilgern Ökologen und Agrarwissenschaftlerinnen in das kleine Dorf Gourga im Norden Burkina Fasos. Dort lebt Yacouba Sawadogo, der eine Anbautechnik entwickelt hat, mit der die kargen Böden wieder fruchtbar werden. Ein englischer Dokumentarfilm porträtiert ihn als "Mann, der die Wüste aufhielt". Wissenschaftler sagen, der mittlerweile ergraute Farmer habe "für den Sahel mehr getan als alle internationalen Forschungsinstitute und Entwicklungsexperten zusammen". 

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Für seine pionierhafte Arbeit im Kampf gegen den Hunger bekommt Yacouba Sawadogo jetzt den Alternativen Nobelpreis. Ende November wird er verliehen, heute gibt die Right-Livelihood-Stiftung die Namen aller sieben Laureaten des Jahres 2018 bekannt. 

Die Stockholmer Stiftung vergibt die Auszeichnung seit 1980. Sie zeichnet Bürgerinnen und Bürger aus, die sie sich für Gerechtigkeit engagieren oder Lösungen für ökologische Probleme finden – und so versuchen, Krisen und Konflikten entgegenzuwirken, bevor sie entstehen.

Drei Preisträger sind inhaftiert

In diesem Jahr legte die Jury ein Augenmerk auf die Verteidigung von Rechtsstaat und Menschenrechten. Eine Auszeichnung geht nach Saudi-Arabien, wo Frauen zwar seit Kurzem Auto fahren dürfen, gleichzeitig Bürgerrechtler aber weiter verfolgt werden: Alle drei Preisträger sind aktuell in dem Land inhaftiert. Der Poet und Arabischprofessor Abdullah al-Hamid, der Rechtsanwalt Walid Abu al-Khair und der Ökonom Mohammed Fahad al-Katani hatten sich für Frauenrechte, Meinungsfreiheit und eine Reform des totalitären Systems eingesetzt. Damit stellten sie sich gegen die königliche Familie und den in Saudi-Arabien so mächtigen Klerus. Alle drei wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Auszeichnung, die sich die drei Männer teilen, solle allen Mut und Hoffnung geben, die sich in der Golfregion für Menschenrechte einsetzen, sagt Ole von Uexküll, Direktor der Right-Livelihood-Award-Stiftung und Neffe des ursprünglichen Stifters. 

Einen Ehrenpreis erhalten außerdem Thelma Aldana, die Generalstaatsanwältin von Guatemala, und der Kolumbianer Iván Velásquez, der als Chef der UN-Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala wirkte. Zusammen hatten die Preisträger Korruptionsnetzwerke zwischen Geschäftsleuten und Politikern aufgedeckt. Ihre Enthüllungen reichten bis hinauf zum früheren Präsidenten und seiner Stellvertreterin und erzwangen 2015 deren Rücktritt und Verurteilung. Mit ihrer "wegweisenden Arbeit zur Aufdeckung von Machtmissbrauch und zur Verfolgung von Korruption" hätten Aldana und Velásquez vorgemacht, wie sich das Vertrauen in öffentliche Institutionen wiederherstellen lässt – so die Begründung der Jury. Sie würdigt damit auch die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einer nationalen und einer multilateralen Strafverfolgungsbehörde.

In Südamerika könnte dieser Alternative Nobelpreis für Schlagzeilen sorgen. Denn der neue Präsident Guatemalas, Jimmy Morales, hatte Velásquez jüngst ein Einreiseverbot erteilt. Er will das Mandat der UN-Kommission in dem Land nicht verlängern. Zehntausende Menschen protestieren deshalb seit Tagen gegen den Präsidenten. Guatemala zählt zu den korruptesten Ländern weltweit. 

Preis für Erfinderreichtum

Den zweiten Akzent setzt die Jury auf die Rettung von Ressourcen. Nicht zuletzt infolge des Klimawandels droht die Natur in vielen Regionen ihre Fruchtbarkeit zu verlieren. Dass Wasser, Wald und Boden nicht nur erhalten, sondern erneuert werden können, beweisen zwei weitere Preisträger: der australische Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo sowie der bereits erwähnte westafrikanische Bauer. Ein genauerer Blick auf Yakouba Sawadogos Arbeit zeigt, wie genial und wirkungsvoll das Einfache manchmal sein kann. 

Burkina Faso hat immer wieder todbringende Dürren erlebt: Durch Übernutzung und Trockenheit werden die Böden vielerorts felsenhart und unfruchtbar. Deshalb entwickelte der Farmer eine vergessene Anbautradition weiter: das Zai-System. Traditionell säten die Familien in der Region Hirse in kleinen Erdgruben, die sie mit halbmondförmigen Erdwällen schützen. Weil der Wind die Saat oft fortwehte, setzte sich das System aber nicht durch. Sawadogo kam nun auf die Idee, die Halbmonde zu vergrößern. Er gab zusätzlich Kuhfladen oder Kompost hinein und bedeckte die Gruben mit etwas Erde.  

Das organische Material lockte Termiten an. Die durchbuddelten und lockerten den Boden, sodass er das Wasser besser speichern konnte. Die Wurzeln gelangten leichter zu den Nährstoffen. Dank Sawadogos Methoden stiegen die Ernten teilweise um ein Vielfaches.

Sawadogo beobachtete noch einen weiteren Effekt: In den Zais keimten neben der Hirse auch zarte Triebe junger Bäume. Der experimentierfreudige Bauer ließ sie wachsen, obwohl sie mit der Nahrung konkurrierten. Der Nutzen war immens: Die Bäume spendeten Schatten und hielten den Wind ab. Die herabgefallenen Blätter dienten als Schutz für den Boden: Das Erdreich blieb länger feucht. Außerdem liefern die Bäume Holz zum Kochen oder Bauen. Das konnten die Bauern nutzen – oder in schlechten Zeiten verkaufen.

Der Erfolg sprach sich herum, und die Methode wurde immer beliebter. 30 Jahre nach Sawadogos ersten Versuchen säen nun viele Burkinabe, aber auch Menschen in Mali oder Niger Akazien oder Sisyphusbäume in den Pflanzlöchern. Im Sahel wachsen wieder grüne Haine, darin Heil- oder Futterpflanzen. Auch die Grundwasserspiegel stiegen an.

Viele Preisträger müssen für ihre Arbeit kämpfen

Wie viele andere Preisträger stieß Sawadogo mit seinen Innovationen zunächst auf Widerstand. "Der ist ja verrückt" – das hörte auch Tony Rinaudo immer wieder. Auch er hat in afrikanischen Ländern jahrzehntelang verödete Flächen regeneriert. Seine Methode: Rinaudo pflanzt keine Bäume, sondern zieht sie aus altem Wurzelwerk, das sich im Boden versteckt. Für solche Anbauformen gebe es auch in anderen Ländern Potenzial, argumentiert die Jury des Right Livelihood Award.

Der Preis ist mit insgesamt rund 290.000 Euro dotiert: Sie sollen der ausgezeichneten Arbeit Rückenwind verleihen. Ihr Anteil wird es Tony Rinaudo und Yakouba Sawadogo nicht nur ermöglichen, ihre Erfindungen international bekannter zu machen. Sie können auch mehr afrikanische Bauern schulen und deren Zusammenarbeit fördern.

Aufmerksamkeit und Preisgeld fallen auf fruchtbaren Boden – anders als bei manchen Entwicklungsprojekten. "Wenn wir etwas nicht selbst ändern können", sagte Yakouba Sawadogo einmal, "dann kann Geld es auch nicht."

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