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Österreichischer Rechtsextremer wird stark von deutschen Spendern unterstützt

SZ.de-Logo SZ.de vor 5 Tagen Von Georg Mascolo, Sebastian Pittelkow, Nicolas Richter, Katja Riedel
© Bereitgestellt von Süddeutsche Zeitung GmbH    

• Martin Sellner, Anführer der "Identitären Bewegung Österreich" bekommt viele Spenden aus Deutschland.

• Auch der spätere Attentäter von Christchurch in Neuseeland spendete nach Österreich und hatte Kontakt zu Sellner.

• Während Sellner für die intellektuelle Seite der rechtsextremen Szene steht, verkörpert der Christchurch-Attentäter deren Mordlust.

Der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner erfährt viel Zuspruch, wenn er seine Kontoauszüge liest. "Danke für die gute Arbeit", heißt es da, oder "Herzliche Spende für den Widerstand". So schreiben es seine Gönner, viele von ihnen in Deutschland, in die Zeile für den Überweisungszweck. So erhielt Sellner, der charismatische Anführer der "Identitären Bewegung Österreich", allein in den ersten Monaten des Jahres 2018 mehr als 20 000 Euro von etwa 250 Personen aus ganz Europa. Die meisten Spenden stammten von Bankkonten in Deutschland, sie lagen überwiegend zwischen zehn und 500 Euro. Dies belegen Kontoauszüge, die Süddeutscher Zeitung, NDR, WDR und dem Wiener Standard vorliegen.

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Die zugehörigen Botschaften verraten einen tief sitzenden Unmut über die gesellschaftliche und politische Entwicklung und zugleich die Hoffnung darauf, dass Sellner daran etwas ändern könnte. "Jetzt erst recht", steht zum Beispiel in den Überweisungsvermerken, ferner "Protest gegen Willkür", "Kampfspende", "Defend Europe" oder "Patriotismus ist die Liebe zum Eigenen, nicht der Hass auf andere". Einmal schickt jemand 250 Euro für ein "Viertel iPhone". Sellner erklärt auf Anfrage, die Spendengelder dienten der Finanzierung von Aktivismus, Materialkosten, Projekten sowie Anwaltskosten.

Sellner ist Leitfigur der Identitären und ein Star der rechtsextremen Szene, weit über Österreich hinaus. Der 30-Jährige ist smart und telegen; er könne auch als H&M-Model arbeiten, erklärte einmal ein deutscher Verfassungsschützer. Seine Botschaften aber sind radikal; erst in dieser Woche frohlockte er in einem YouTube-Beitrag, dass die österreichische Partei FPÖ den "Kampf gegen den Bevölkerungsaustausch" zum Thema gemacht habe. "Bevölkerungsaustausch" soll ausdrücken, dass die überwiegend weißen, christlich geprägten Europäer angeblich nach und nach durch (meist muslimische) Ausländer ersetzt werden. "Wichtig ist uns, dass unsere Begriffe, unsere Botschaften in die Debatte hineingetragen werden", sagte Sellner auf YouTube, nachdem er zur Auflockerung anfangs noch über seine Hochzeitsvorbereitungen geplaudert hatte.

Was verbindet Sellner und den Christchurch-Attentäter?

Die Anführer der Identitären mögen sich als kluge Köpfe inszenieren, doch erklärte das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz 2016, dass viele von ihnen aus der NPD- oder Kameradschaftsszene stammten - oder über Verbindungen verfügten. 25 Prozent der bekannten IB-Mitglieder wurden damals dem rechtsextremistischen Spektrum zugerechnet.

Wann immer von der Angst vor einer rechten Bedrohung die Rede ist, fallen zwei Namen: Der von Sellner und der des Christchurch-Attentäters. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Sellners Bewegung macht statt mit Aufmärschen eher mit Greenpeace-artigen Provokationen auf sich aufmerksam - der Besetzung des Brandenburger Tores etwa. Der Christchurch-Attentäter dagegen schrieb ein krudes Manifest und zog los, um in zwei neuseeländischen Moscheen 51 Menschen zu ermorden. Während also einer für die intellektuelle Seite der Szene steht, verkörpert der andere deren Mordlust. Es sind, eigentlich, zwei Welten. Und doch beschäftigen sich Polizei und Geheimdienste mit der Frage, was diese beiden Sphären verbindet.

Verbindungen gibt es sehr wohl. Anfang 2018 zum Beispiel spendete der spätere Christchurch-Attentäter 1500 Euro an Sellner. Dieser schrieb sogleich zurück, er wolle sich persönlich bedanken für die "unglaubliche Spende". Der spätere Attentäter antwortete, dies sei nur eine kleine Summe angesichts dessen, was Sellner so leiste; Millionen Menschen weltweit setzten auf Sellner, damit er für ihre Werte kämpfe; es sei ein langer Weg bis zum Sieg, aber man werde jeden Tag stärker. Das Loblied auf Sellner beendete der spätere Attentäter mit dem Gruß "Kämpfe den guten Kampf weiter". Sellner entgegnete "Das gibt mir wirklich Energie und Motivation" und fügte hinzu: "Wenn Du mal nach Wien kommst, müssen wir einen Kaffee oder ein Bier trinken gehen." Über die Mails hatte zunächst der ORF berichtet.

Ein gutes Jahr später stellte sich heraus, dass der Spender 51 Menschen beim Angriff auf zwei Moscheen in Christchurch ermordet hatte. Das konnte Sellner nicht vorausahnen, als er sich für das Geld bedankte. In einer Polizeivernehmung hat Sellner zudem bekräftigt, dass er jede Gewalt ablehne und schon deswegen nicht mit dem Attentäter übereinstimme. Niemand unterstellt den Identitären Gewaltbereitschaft, auch wenn sie in Deutschland seit August 2016 vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Aber die Zahlung des Christchurch-Attentäters an Sellner und eine bis heute nur teilweise aufgeklärte Europa-Reise des späteren Attentäters werfen beunruhigende Fragen auf. "Wir wissen viel zu wenig über diese Szene und wohin sie sich entwickelt", sagt ein hochrangiger Staatsschützer. So groß ist die Sorge, dass inzwischen mit Akribie jeder Spur, jeder Verbindung nachgegangen wird.

So leitete die Staatsanwaltschaft Graz im Jahr 2018 wegen Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung Ermittlungen gegen Sellner ein und bat um Auskunft über dessen Konten in Deutschland. Das Strafverfahren endete mit einem Freispruch. Doch nun laufen Ermittlungen nach dem Finanzstrafgesetz, wobei die Staatsanwaltschaft vermutet, dass die Identitären in Österreich weit mehr als 100 000 Euro an Steuern hinterzogen haben. Sellner bestreitet alle Vorwürfe.

Die Europa-Reise des späteren Christchurch-Attentäters Ende 2018 wird derweil in mehreren Ländern genauestens nachvollzogen. So legen österreichische Ermittlungsunterlagen nahe, dass der spätere Attentäter in Wien ein Auto mietete und damit mehr als 2000 Kilometer fuhr. Angeblich interessierte er sich für die Spuren der Kreuzritter.

Sellner beteuert, der Spender und spätere Attentäter habe sich nie wieder bei ihm gemeldet und sie hätten sich auch nie getroffen. Aber ist Sellner klar, dass seine Ideen womöglich auch jene bestärken, die zur Gewalt entschlossen sind? Fest steht jedenfalls, dass der smarte Sellner zu jenen gehörte, die den späteren Attentäter inspirierten. Dessen Pamphlet hieß übrigens: "Der große Austausch".

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