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„Atomgranatenmäßig verrückt”: Trump will Top-Immunologen Fauci zum Sündenbock machen

Kölner Stadt-Anzeiger-Logo Kölner Stadt-Anzeiger 14.07.2020 Karl Doemens
Fernsehinterviews hat die Trump-Regierung ihrem Topimmunologen Anthony Fauci weitgehend untersagt. Immerhin darf der Experte noch im Kongress aussagen. © AP Fernsehinterviews hat die Trump-Regierung ihrem Topimmunologen Anthony Fauci weitgehend untersagt. Immerhin darf der Experte noch im Kongress aussagen.

Draußen vor dem Weißen Haus tobt die Corona-Pandemie mit täglich neuen Rekordinfektionsraten und steigenden Todeszahlen. Doch im Westflügel der Regierungszentrale wird über „Dr. Doom and Gloom” (Doktor Schwarzmaler) gelästert. Der stellvertretende Kommunikationsdirektor postet bei Facebook eine diffamierende Karikatur. Und die Pressestelle verbreitet eine Liste mit angeblichen Fehleinschätzungen des Untergangspropheten.

Mitten in der dramatischen Corona-Krise hat die Trump-Regierung den Kampf aufgenommen – allerdings nicht mit dem Virus, sondern mit dem wichtigsten eigenen Experten. Seit mehr als zwei Monaten hat sich Donald Trump von seinem Topimmunologen Anthony Fauci nicht mehr unterrichten lassen.

Am 2. Juni kamen die beiden Männer, die bei aller Unterschiedlichkeit einst über ihre gemeinsamen New Yorker Wurzeln und die Leidenschaft für Sport einen gewissen Draht zueinander entwickelten, zuletzt zusammen. „Fauci ist ein netter Mann, aber er hat viele Fehler gemacht“, ätzte der Präsident in der vorigen Woche.

Senator bezeichnet Verhalten als „atomgranatenmäßig verrückt”

Seither vergeht kein Tag, an dem aus dem Weißen Haus nicht gegen den 79-Jährigen intrigiert wird. „Mehrere Regierungsmitarbeiter sind beunruhigt über die Häufigkeit, mit der Dr. Fauci danebengelegen hat”, hieß es am Wochenende in einer offiziellen Stellungnahme – ein infamer Versuch der Diskreditierung des Direktors des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, der einen untadeligen wissenschaftlichen Ruf genießt und fünf republikanische wie demokratische US-Präsidenten unter anderem während des HIV-Ausbruchs und der Ebola-Krise beraten hat.

„Das fühlt sich nicht normal an”, empört sich Chris Murphy. Der demokratische Senator von Connecticut nennt es „atomgranatenmäßig verrückt”, dass das Weiße Haus inmitten einer Pandemie, die schon mehr als 130.000 Amerikaner das Leben gekostet hat, die Autorität seines Topimmunologen untergrabe.

Im Frühjahr war Fauci der Star bei den Trump-Pressekonferenzen

Doch genau darum geht es Trump: Er will einen Sündenbock für das Versagen der eigenen Regierung brandmarken und den prominentesten Kritiker seiner überstürzten Öffnungspolitik aus dem Weg räumen. Tatsächlich hatte Fauci anfangs die Schließung der Grenzen für Reisende aus China kritisiert und aus Sorge vor einem Notstand in den Krankenhäusern vom allgemeinen Maskentragen abgeraten. Diese Positionen korrigierte der Wissenschaftler jedoch schnell. Mit seinem ebenso kenntnisreichen wie uneitlen Auftreten war er wochenlang der Star bei Trumps täglichen Pressekonferenzen.

Doch zunehmend störten den Präsidenten die Warnungen vor einer Normalisierung der Wirtschaft um jeden Preis, mit der er die Wahl gewinnen will.

Anthony Fauci widerspricht Donald Trump

Seit Wochen behauptet Trump, in Amerika laufe alles prima. „Wenn man uns mit anderen Ländern vergleicht, kann man nicht sagen, dass wir das großartig machen”, widersprach Fauci in einem Podcast-Gespräch. „Ich meine, das tun wir einfach nicht.” Nach Einschätzung des Immunologen haben die USA „nicht einmal begonnen”, das Ende der Krise zu sehen, und müssen ihre Lockerungen zurücknehmen.

Solche Mahnungen mag Trump gar nicht hören. Er hat die Fernsehauftritte von Fauci radikal beschneiden lassen. Viel spricht dafür, dass er den unbequemen Experten am liebsten feuern würde. Doch davor schützt diesen nicht nur sein Beamtenstatus.

Auch in der öffentlichen Meinung würde dem Präsidenten ein Rausschmiss kaum gut bekommen: Nach einer Umfrage der „New York Times” und des Siena College vertrauen 67 Prozent der Amerikaner in der Corona-Krise Faucis Aussagen. Dem Präsidenten glauben gerade mal 26 Prozent. (rnd)

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