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„Möchtest Du immer noch ein Foto mit Friedrich Merz?“

WELT-Logo WELT 17.10.2020 Robin Alexander
Nicht die Jury einer neuen Casting-Show, sondern die Bewerber um den CDU-Vorsitz: Röttgen (v.l.n.r.), Laschet und Merz Quelle: AFP/MICHAEL KAPPELER © AFP/MICHAEL KAPPELER Nicht die Jury einer neuen Casting-Show, sondern die Bewerber um den CDU-Vorsitz: Röttgen (v.l.n.r.), Laschet und Merz Quelle: AFP/MICHAEL KAPPELER

Wenn Politik nur aus Organisation bestünde, würde die Union die nächsten 30 bis 50 Jahre alle Bundestagswahlen gewinnen – mit absoluter Mehrheit. Während Bundestagsausschüsse auch im sechsten Monat der Pandemie noch keine virtuellen Sitzungen hinbekommen und auch die Bundeskanzlerin mit Tonproblemen kämpft, wenn sie Journalisten über Video brieft, stellt der Parteinachwuchs am Samstagabend mitten unter Corona-Abstandsregeln ein Event mit amerikanischen Dimensionen auf die Beine.

Direkt neben dem Brandenburger Tor in einem repräsentativen Gebäude mitten im politischen Berlin, mitfinanziert von einem Dutzend großer Konzerne und Firmen, live übertragen im Fernsehen gehen Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen in ihre erste direkte Konfrontation. Die halbe Hauptstadtpresse ist vor Ort, der Rest hat keines der begehrten Tickets bekommen und schaut von zu Hause zu: Kein Wunder, schließlich wird hier die Frage, wer der nächste CDU-Vorsitzender und damit möglicherweise Kanzlerkandidat wird, zwar nicht beantwortet, aber immerhin gestellt.

Brav treffen die Matadoren eine Viertelstunde vor dem Start ein. Brav stellen sie sich vor eine Wand, auf der JU-ler zu sehen sind, die zuhause an ihren Bildschirmen die „Show“ verfolgen und ihre iPhones mit Herzchen oder Klatschhändchen hochhalten, um Zustimmung zu signalisieren. Ab und an wird in einen Nebenraum geschaltet, wo „drei Fan-Girls und Mister Lost“ die Performance der Kandidaten in WG-Atmosphäre bewerten: „Na, möchtest Du immer noch ein Foto mit Friedrich Merz?“

Die drei Kandidaten auf der Bühne Quelle: AFP/MICHAEL KAPPELER © AFP/MICHAEL KAPPELER Die drei Kandidaten auf der Bühne Quelle: AFP/MICHAEL KAPPELER

Keiner der drei Herren, von denen der älteste 64 Jahre (Merz) und der jüngste 55 (Röttgen) ist, gibt der Versuchung nach, sich billig an den Nachwuchs heranzuschmeißen. Sie sind in Anzug und Hemd, Merz‘ Jackett hat sogar Goldknöpfe, immerhin Röttgen ist mit offenem Kragen erschienen. Robert Habeck wäre sicher im Hoodie gekommen und Annalena Baerbock in Chucks, aber hier bei der JU gelten andere Regeln.

JU als konservative innerparteiliche Opposition

Der Favorit der Parteijugend ist nicht nur der älteste, sondern auch nach allgemeiner Lesart der konservativste Kandidat: Merz. Denn die JU – in früheren CDU-Generationen eine feste Bank für die Reformer, die aus der Honoratorenpartei CDU eine echte Volkspartei machten – ist in den Merkel-Jahren zur konservativen innerparteilichen Opposition geworden.

Ihr Vorsitzender Tilman Kuban hat nach seiner Wahl vor anderthalb Jahren gleich einmal die „Gleichschaltung“ der Mutterpartei unter Merkel beklagt. Die zahlt das zurück, indem sie seinen Vorstand, der einmal im Jahr einen Termin im Kanzleramt bekommt, jedes Mal kritisch fragt, warum denn so wenige Frauen dabei seien. Nach der letzten bundesweiten Wahl, der Europawahl im Mai 2019, stand in der internen Analyse des Konrad-Adenauer-Hauses, ein „vermeintlicher ‚Rechtsruck‘ der JU“ sei Mitschuld daran, dass die Union bei den Unter-30-Jährige auf nur noch 13 Prozent kam.

„Rechts“ oder „konservativ“ ist an diesem Abend allerdings gar nichts. Die jungen Frauen tragen Jeans, die Männer weiße Turnschuhe und manche das Hemd über die Hose. Sie sprechen einen Jargon, der nach Werbeagentur und Start-Up klingen soll: ein „Pitch“ ist das Vorsprechen der Kandidaten, die zugeschalteten Fragen kommen von „Usern“ und als Röttgen später am Abend dafür plädiert, Verbrechen auch tatsächlich durch die Polizei zu verfolgen, freut sich die Moderatorin, er sei ja ein „echter tough cookie“.

Die Kandidaten haben sich bei einem Treffen in der Parteizentrale vor drei Wochen in die Hand versprochen, einander nicht zu beschädigen. Dementsprechend muss man genau hinhören, um Unterschiede festzustellen. Aber die gibt es.

Laschet steht für „Weiter so“

Armin Laschet inszeniert sich als Kandidat des „Weiter so“. Seit zwanzig Jahren regiere die Kanzlerin und also auch die CDU, da könne man nicht sagen, alles sei schlecht gewesen. In seinem Eröffnungsstatement wiederholt er sieben Mal die rhetorische Figur: „Das mache ich schon“. Sein Zukunftsszenario für Deutschland ist die Gegenwart seiner nordrhein-westfälischen Landesregierung. Da regiere die CDU mit der FDP, da bekämpfe sie Bürokratie mit „Entfesselungspaketen“, da verfolge sie schon Clans, da gebe es sogar schon W-LAN an den Schulen und schnelles Internet. Und in seiner Landtagsfraktion in Düsseldorf habe er immerhin acht JUlern Mandate besorgt.

Ganz anders Merz: „Dieses Land ist zu langsam geworden. Wir sind zu träge geworden.“ Deutschland lebe auf Kosten der Zukunft, mithin der Jugend. Das wolle er ändern. Schon in seiner ersten Regierungserklärung werde festgestellt, keine Lasten mehr in die Zukunft zu verschieben. Die deutschen Unternehmen hätten sich in der Pandemie prima bewährt, aber Verwaltung und Schulen nicht. 14 unterschiedliche Durchführungsverordnungen für die Datenschutzgrundverordnung gebe es in der Bundesregierung – „das darf ja wohl nicht wahr sein!“ Arbeitsmarktpolitik müsse künftig wieder – „wie unter Wolfgang Clement“ – aus dem Wirtschaftsministerium gemacht werden und nicht wie in der GroKo aus dem Sozialministerium.

Während Laschet im Wesentlichen keine Veränderung will, Merz sie hingegen anstrebt, hat Röttgen eine dritte Erzählung: Die Veränderungen kämen sowieso, ob man wolle oder nicht. Ein „Epochenbruch“ stünde bevor: „Weder das Land noch die CDU ist angemessen auf das vorbereitet, was kommt.“ Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschuss im Bundestag meint vor allem geopolitische Veränderungen, die er aber nur andeutet, und den technologischen Wandel: Estland sei der Bundesrepublik in der Digitalisierung schon jetzt 20 Jahre voraus.

Digitalisierung ist das dominierende, lange fast das einzige Thema der Veranstaltung. Die Hauptsorge der Jungen Unioner ist, dass Funklöcher endlich geschlossen werden, jeder Schüler ein iPad bekommt und man sein Auto endlich auch digital anmelden kann. Die Kandidaten überbieten sich: Ein „Digitalministerium“ müsse im Bund eingeführt werden, meint Laschet, in seinem NRW gebe es das ja bereits. Merz kontert, das Digitalministerium müsse dann aber auch ein „Querschnittsministerium“ sein, mit allen Zuständigkeiten. Doch das Beste hat sich Röttgen einfallen lassen: Ein „digitales Digitalministerium“ müsse es geben. Schließlich gelte es mit gutem Beispiel voranzugehen.

Fragen wie aus einer Parallelwelt

Irgendwann beginnen zwar beide Moderatoren und auch die zugeschalteten „User“ Fragen jenseits von Technologie zu stellen, aber sie scheinen nicht aus dem Deutschland der Corona-Pandemie und nicht aus der Generation von Fridays-For-Future zu kommen, sondern aus einer Parallelwelt. Niemand interessiert sich dafür, ob die Ministerpräsidenten in der vergangenen Woche die Kanzlerin fahrlässig gehindert hätten, schärfere Regeln aufzustellen. Oder ob umgekehrt Merkel nicht zu einseitig auf Infektionszahlen fixiert sei und die Gefahr übertreibe. Niemand stellt die für die CDU doch naheliegende Frage, wer als Parteivorsitzender in Erwägung zieht, die Kanzlerkandidatur Armin Laschet zu überlassen. Oder wie er als Kanzler mit den Grünen regieren wolle.

Als es spät am Abend doch noch um den Klimawandel geht, spricht Laschet darüber, dass es doch bereits gelungen sei den CO2-Ausstoß um 36 Prozent zu reduzieren – im Vergleich zu 1990. Röttgen und Merz loben den Emissionshandel als marktwirtschaftliches Instrument – aber der ist schon vor zehn Jahren eingeführt worden. Ob Deutschland künftig CO2 besteuern soll und in welcher Höhe, will hier keiner wissen. Auch nicht, ob die Kandidaten Zölle auf klimafeindliche Importe befürworten, wie sie gerade die EU diskutiert.

Als der 25-jährige Moderator wissen will, wann er in Rente gehen kann, muss Laschet erstmal lachen. Die Antwort umgeht er dann, weil er keine Schlagzeile produzieren möchte, er sei für ein höheres Rentenalter. Merz meint, jeder solle dann in Rente gehen, wann er wolle. Röttgen wagt Ehrlichkeit: „Es wird nicht bei dem heutigen Eintrittsalter der gesetzlichen Rente bleiben. Wir müssen das anheben, um verlässlich zu bleiben.“

Bei ihren Schlussplädoyers deuten die Kandidaten an, womit sie den Parteitag am 4. Dezember beeindrucken wollen: Die CDU müsse „die Partei der Mitte bleiben“, sagt Laschet. Die CDU müsse, „die Partei der modernen Mitte werden“, fordert Röttgen. Er wolle zwar „keinen Bruch“ mit der Ära Merkel, meint Merz, aber jetzt gebe es „eine neue Verantwortung“.

Von den 100.000 JUlern sind 70.000 auch in der CDU. Sie dürfen jetzt zwei Wochen lang abstimmen, wen sie für den besten nächsten Vorsitzenden halten. Tatsächlich wählen nur 100. So viele der 1001 Parteitagsdelegierten gehören der Jugendorganisation an.

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