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„Unsere Republik leidet darunter, dass wir nicht offen genug diskutieren“

WELT-Logo WELT 15.01.2020 Jana Werner
Klaus von Dohnanyi (SPD) bei einer Diskussion im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg Quelle: Bertold Fabricius/Pressebild.de © Bertold Fabricius/Pressebild.de Klaus von Dohnanyi (SPD) bei einer Diskussion im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg Quelle: Bertold Fabricius/Pressebild.de

Sie wissen beide, „weil sie alt genug sind“, wie sie es selbst ausdrücken, dass es „wichtig ist, Menschen Perspektiven zu eröffnen“. Für eine Diskussion über Freiheit und Toleranz, Humanität und Verantwortung sind Altbundespräsident Joachim Gauck und Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) im Internationalen Maritimen Museum der Hansestadt zusammengekommen. Inmitten der Ausstellung „Flucht übers Meer – von Troja bis Lampedusa“, ein Einblick in 3000 Jahre Geschichte, den sich seit Sommer 2019 mehr als 75.000 Menschen angesehen haben.

Weites Herz, endliche Möglichkeiten

Der gelernte Theologe, ehemalige Bürgerrechtler und Bundespräsident, der sich als „einen parteilosen Wechselwähler“ bezeichnet, auf der einen Seite. Der frühere Bundesminister und Hamburger Bürgermeister sowie unbequeme Sozialdemokrat auf der anderen.

Gauck und Dohnanyi, 79 beziehungsweise 91 Jahre alt, zwei Demokraten, die sich einig sind: Die Menschheitsaufgabe Flucht braucht „eine ehrliche Debatte in Deutschland“. Durchaus angelehnt an einen Satz, den Gauck auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 als damaliger Bundespräsident so formulierte: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Dohnanyi zufolge neigen wir in Deutschland dazu, „moralische Fragen niemals zu praktischen Fragen werden zu lassen“. Es seien aber stets welche. Dohnanyi: „Natürlich müssen wir alle Flüchtlinge aufnehmen, aber natürlich können wir nicht alle aufnehmen. Natürlich wollen wir die Schlepper nicht finanzieren, aber wenn wir alle retten, die auf dem Wasser sind, kann es natürlich dazu führen, dass wir gleichzeitig Schlepper finanzieren.“

Laut Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind seit 2014 knapp 18.000 Menschen bei dem Versuch, über das Mittelmeer zu fliehen, ertrunken oder verschwunden.

Dohnanyi mahnt ehrliche Debatte an

Wenn wir diese Fragen hierzulande „ehrlicher, mutiger und gerechter“ diskutierten, so Dohnanyi, hätten „wir auch manch andere Probleme nicht“. Nachdenklich fügte der Altbürgermeister vor etwa 60 Zuhörern hinzu: „Mir scheint, dass wir in unserer Republik sehr darunter leiden, dass wir viele Dinge nicht offen genug diskutieren.“ Das müsse das Land jedoch auch beim Thema Flucht machen, über Möglichkeiten, Notwendigkeiten und Tatbestände, schließlich sei „unsere Aufnahmefähigkeit begrenzt“.

Gemeinsam plädierten Gauck und Dohnanyi dafür, dass jene, „die aus berechtigten, aus Fluchtgründen zu uns kommen“, selbstverständlich weiter aufgenommen werden. Die Willkommenskultur in Deutschland sei nicht weg, sie bestehe nach wie vor.

„Wer wirklich Hilfe braucht, wird in Deutschland immer noch hilfreich aufgenommen. Willkommenskultur kann aber nicht darin bestehen, dass wir sagen, noch eine Million und noch eine Million. Das geht nicht“, betonte Dohnanyi und ergänzte: „Bei der Menge an Flüchtlingen, die aus Afrika kommt, können wir schon heute sagen: Diese Größenordnung werden wir in Deutschland nicht aufnehmen können.“

Gauck hält die aktuelle Zuwanderung dennoch für gestaltbar, wie er während der Diskussion sagte: „Wir brauchen dieses Zusammenführen der Bevölkerungsgruppe, die den Wandel, Erneuerung und zu viel Solidarität fürchtet, und jenen, die sagen, dass unser Land, unsere Gesellschaft das gestalten kann.“

Manche Wähler fühlen sich „entheimatet“

Im Moment erkenne er fast überall Milieus, die sich voneinander separierten und aufeinander schimpften. Deshalb brauche Deutschland „ein Werben des aufnahmebereiten Teils der Gesellschaft bei denen, die Zuwanderung fürchten und so tun, als wären wir am Ende – das sind wir nicht“. Gauck weiter: „Wir müssen den Besorgten zeigen, dass wir handlungsfähig bleiben.“

Eine offenere Debatte darüber würde aus Sicht des früheren Bundespräsidenten auch den Einfluss von Populisten eingrenzen. „Bei der Wählerschaft der Populisten sind die Menschen in Sorge um ihre Sicherheit, um ihr Heimatgefühl. Sie fühlen sich zum Teil entheimatet“, so Gauck.

Und das Paradoxe sei, dass gerade in den Gebieten in Ostdeutschland, wo es besonders wenige Ausländer gibt, das Gefühl der Entheimatung prägender sei als beispielsweise in Köln, im Rhein-Main-Gebiet oder im Großraum Stuttgart, wo Zuwanderung seit Jahrzehnten funktioniere. Gauck: „Es ist gestaltbar. Dazu müssen wir aber auch fragen, welche Zuwanderung wir wollen, und das dann der Öffentlichkeit erklären.“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 2. Februar

Ein fürsorgliches Verschweigen von Problemzonen sieht laut Gauck „erst einmal nett und menschenfreundlich aus“. Es habe allerdings einen Haken, „nämlich, dass Misstrauen entsteht“. Deshalb brauche Deutschland „diese offene, breitere und robustere Debatte“. Gauck: „Dieses Land ist nicht am Rande seiner Möglichkeiten.“

Und so wagt auch Dohnanyi zum Abschluss der Diskussion im Internationalen Maritimen Museum noch einen Ausblick. Je mehr Dinge von außen auf uns Bürger zukämen und uns überwältigten, „Dinge wie Digitalisierung, Flucht oder Klima, umso deutlicher und härter müssen wir lernen zu diskutieren. Das ist etwas, was mir in Deutschland fehlt.“

Die Ausstellung „Flucht übers Meer – von Troja bis Lampedusa“ ist noch bis zum 2. Februar in Hamburg zu sehen.

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